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Bundeswehreinsatz in Syrien:Schlechte Zeiten für den Frieden

Deutschland diskutiert über einen Militäreinsatz in Syrien - und die Friedensbewegung bleibt still. Woran das liegt, erklärt der Protestforscher Dieter Rucht.

SZ: Deutschland plant einen Syrien-Einsatz, großen Widerstand gibt es dagegen nicht in der Bevölkerung. Wo ist denn die Friedensbewegung?

Rucht: Die Friedensbewegung spielt zurzeit in der Tat keine große Rolle. Es gibt vereinzelte Stimmen, aber keine große Mobilisierung gegen die anstehenden Interventionen. Das ist eine Entwicklung, die schon länger währt. In den bewaffneten Konflikten der Gegenwart fällt es zusehends schwer, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Natürlich gibt es im Moment einen eindeutigen Bösen: den Islamischen Staat. Doch kompliziert wird es schon bei den Fragen: Was heißt es, gegen ihn Krieg zu führen? Soll man alle Parteien der Gegenseite bewaffnen oder lieber nicht - etwa aus Angst, dass Waffen am Ende dem IS in die Hände fallen können? Man kommt auf eine Fülle solcher Fragen, die zu vielschichtig sind für eine große Mobilisierung gegen den Krieg.

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Bundeswehreinsatz in Syrien

Ein Krieg auf wackeligem Fundament

Die Bundeswehr zieht in Syrien in den Krieg, aber niemand will das aussprechen. Hat die Politik nichts aus der Vergangenheit gelernt?

Als Hochzeit der Friedensbewegung in Deutschland gelten die 80er Jahre - was hat die Menschen damals mobilisiert?

Da war das Bedrohungspotenzial einfach sehr groß. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges konnte sich jeder in Mitteleuropa von Aufrüstung und Raketenstationierung betroffen fühlen. Jetzt haben wir es hingegen mit Konflikten zu tun, die regional abgegrenzt sind und sich weitgehend außerhalb Europas abspielen. Auch die Umstellung von einer Pflicht- zu einer Freiwilligenarmee spielt da eine Rolle. Früher konnte potenziell jeder Bundesbürger im entsprechenden Alter über die Wehrpflicht zum aktiven Krieger werden. Wenn es hingegen wie jetzt eine Berufsarmee gibt, dann sagen viele: Wer das freiwillig macht, obwohl er weiß, dass es Auslandseinsätze der Bundeswehr gibt, der muss eben im Ernstfall seinen Kopf hinhalten.

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Heißt das also: Solange der Krieg nicht vor meiner eigenen Haustür stattfindet, mich nicht persönlich betrifft, ist er mir egal?

Nicht ganz. Es gibt keine Faustregel, die lautet: Je näher der Konflikt, desto größer die Mobilisierung. So hat zum Beispiel der Vietnamkrieg auch in Deutschland zu einer beachtlichen Mobilisierung geführt. Genau wie übrigens die Irakkriege von 1991 und 2003. Da haben sich ebenfalls viele jüngere Menschen an den Demonstrationen beteiligt.

In diesen Fällen waren es die USA, gegen die sich die Proteste richteten ...

Das spielte damals eine große Rolle. Weil die Wahrnehmung herrschte: Da sind Falken mit einem schlichten Weltbild an der Macht, die aus ideologischen Gründen oder aus Machtinteresse einen Krieg anzetteln. Man konnte ja zum Beispiel beim anstehenden Irakkrieg 2003 eine Menge guter Argumente gegen die Politik von George W. Bush geltend machen, die sich hinterher auch bestätigt haben. Heute ist das komplizierter. Barack Obama ist ein US-Präsident, der auch im linksliberalen Lager Respekt genießt. Er gilt nicht als Kriegstreiber, der rücksichtslos die US-amerikanischen Interessen durchsetzen will.

Gleichzeitig gilt seit der Amtszeit von George W. Bush der Terrorismus als weltweite Bedrohung. Welche Rolle spielt der "Krieg gegen Terror" für das Verstummen der Friedensbewegung?

Man kann mit dem Krieg gegen Terror vieles rechtfertigen. Überwachung des Telefons und Internets, aber auch bewaffnete Interventionen. Das ist für viele Menschen überzeugend, insbesondere mit Blick auf den IS als Aggressor, dem man militärisch entgegentreten muss.