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Bundeswehr:Kommen und gehen

Bundeswehr in Afghanistan

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan tragen Waffen zum Depot. Die Sicherheitslage hat sich zuletzt wieder verschlechtert.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Bis Ende April wollte Donald Trump die US-Soldaten aus Afghanistan abziehen. Doch der Glaube an das Friedensabkommen mit den Taliban wankt. Die Verbündeten müssen wohl länger bleiben - und ihre Soldaten könnten zum Ziel neuer Gewalt werden.

Von Mike Szymanski, Berlin

Es ist 6.23 Uhr an einem kalten, dunklen Wintermorgen, als am Himmel über dem Flughafen Halle/Leipzig ein kleines Licht auftaucht. Es gehört zu einer Antonow AN-124, die zur Landung ansetzt. Die Maschine hat Fracht aus Afghanistan an Bord. 76,3 Tonnen wiegt ihre Ladung. Darunter Bekleidung, Batterien, zwei Patrouillenfahrzeuge vom Typ Enok, zwei Dingo-Truppentransporter, ein Lastwagen.

Der Flughafen Halle/Leipzig ist der Hauptumschlagplatz, um die Soldaten im Einsatz zu versorgen. Seit der zweiten Jahreshälfte 2020 kommen die Riesenflieger, die ihre Nase hochklappen, um besser beladen werden zu können, aber auch mit vollem Bauch zurück. Die Bundeswehr, die in Afghanistan im Einsatz ist, um die afghanische Armee auszubilden und zu unterstützen, befindet sich in diesen Wochen in einem seltsamen Schwebezustand - irgendwo zwischen Kommen und Gehen.

Unter Präsident Donald Trump hatten die USA im Februar 2020 mit den Taliban im Abkommen von Doha einen Abzug aller ausländischen Soldaten bis Ende April dieses Jahres vereinbart. Die Aufständischen verpflichteten sich, Friedensgespräche mit der Regierung in Kabul zu führen und keine ausländischen Terrorgruppen mehr aufzunehmen.

Von etwa 13 000 US-Soldaten, die es noch Anfang 2020 waren, schrumpfte Washington das Kontingent auf etwa 8500 im Sommer, auf 4500 im Herbst. Kurz vor Ende der Amtszeit Donald Trumps im Januar waren es nur noch 2500. Das ist der niedrigste Stand seit dem Einmarsch 2001.

Berlin hat noch nicht viele Soldaten zurückgeholt

Die Nato-Verbündeten folgen dem Grundsatz: Gemeinsam rein, gemeinsam raus. Und so begann auch das große Aufräumen der Bundeswehr. Deutschland, zweitgrößter Truppensteller, ist immer noch mit etwa 1100 Männern und Frauen in Afghanistan im Einsatz. Bis auf ein paar Dutzend Soldaten, die in Kabul stationiert sind, sind alle im nordafghanischen Masar-i-Scharif im Einsatz, im "Camp Marmal". Laut Mandat, das Ende März ausläuft, dürften es maximal 1300 Soldaten sein. Berlin hat noch nicht im großen Stil Soldaten zurückgeholt, dafür aber Material, das diese nicht mehr unbedingt benötigen, um ihrer Aufgabe nachzukommen.

Nimmt man das ganze Equipment, das die Bundeswehr in Afghanistan hat, würde das rechnerisch 3000 Container füllen. Die Planer haben überschlagen, was davon alles zwingend zurück nach Deutschland muss. Das betrifft das Kriegsgerät, die Munition, Verschlüsselungstechnologie, aber auch Festplatten mit sensiblen Daten.

Packt sie auch das mit ein, worauf sie äußerst ungern verzichten würde, kommen 1300 voll beladene Container zusammen. 300 davon sind 2020 bereits nach Deutschland gebracht worden. Abgenutzte Möbel jedoch, alte Fitnessgeräte der Soldaten, Kicker und Dartscheiben - all das soll im Land bleiben, wenn der Transport sich nicht lohnt.

Jetzt kommt es vielleicht anders. Der Friedensprozess ist ins Stocken geraten. Die neue US-Regierung unter Joe Biden will das Abkommen von Doha überprüfen. Der Vorwurf: Die Taliban hielten sich nicht an die Absprachen. Die Nato-Partner stellen sich bereits darauf ein, über Ende April hinaus im Land zu bleiben. Doch für den Fall, dass das Abkommen nicht umgesetzt wird, haben die Taliban neue Gewalt angekündigt, einen "großen Krieg" sogar. In Berlin wächst die Sorge vor Angriffen auf die internationalen Truppen.

Auf die Politik kommen schwierige Fragen zu

Das Hauptquartier der Deutschen bei Masar-i-Scharif, in dem neben den Deutschen 15 Partnernationen und insgesamt etwa 1700 Soldaten untergebracht sind, gilt als einigermaßen sicherer Ort. Die direkte Umgebung ist flach und damit gut einsehbar. Über dem Lager schwebt ein Zeppelin, bestückt mit Überwachungstechnik. Vom Lager aus starten auch Aufklärungsdrohnen der Bundeswehr.

Es gibt aber ein Szenario, für das die Strategen das Lager besser wappnen würden: für einen großen, komplex geführten Angriff durch die Taliban. Militärisch sind die Aufständischen zu einem solchen Schlag heute durchaus in der Lage. Die Bundeswehr erwägt, zum Schutz Infanterieeinheiten mit Mörsern einzusetzen. Womöglich übernehmen Verbündete diesen Part. Nebenan vom Camp Marmal, in einem separaten Bereich, haben die Amerikaner Kampfhubschrauber stationiert. Luftunterstützung wäre im Ernstfall wohl sichergestellt.

Auf die Politik in Deutschland kommen schwierige Fragen zu. An einer Verlängerung des Einsatzes dürfte kaum mehr etwas vorbeiführen. Aber für wie lange soll das Mandat verlängert werden? Wie viele Soldaten werden gebraucht? Und: Ändert sich ihr Auftrag? Der Grünen-Politiker Tobias Lindner sagt: "Wir brauchen zügig Gewissheit." Es gehe schließlich um den Schutz der Bundeswehr.

© SZ/skle
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