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Corona-Leugner:Die Demonstranten eint ein Feindbild

Reichsbürger, rechte Identitäre, auch vermeintlich links stehende Impfkritiker bilden ein breites, in alle Richtungen wachsendes Milieu. Sie alle hängen einer gemeinsamen Verschwörungserzählung an.

Kommentar von Ronen Steinke, Berlin

Auf den ersten Blick sieht es ziemlich durcheinandergewürfelt aus, was da Seit an Seit auf das Reichstagsgebäude zugerannt ist am Samstag. Unter der Reichsflagge und der russischen Trikolore. Dem amerikanischen Starspangled banner, dem "Q" eines im Internet beheimateten Verschwörungskults und sogar der Regenbogen-Peace-Flagge. Es sieht durcheinandergewürfelt aus. Ist es aber nicht.

Reichsbürger, rechte Identitäre, auch vermeintlich links stehende Impfkritiker, die aus Anlass des seit März anwachsenden Unbehagens an den Corona-Beschränkungen immer mehr zueinanderfinden, eint, dass sie sich hinter einer gemeinsamen Erzählung versammeln. Es ist eine Verschwörungserzählung. Sie wird zwar immer wieder variiert auf die eine oder andere Weise. Aber sie zieht sich durch, und sie verbindet diese nur scheinbar so disparaten Milieus.

Da sind die Reichsbürger, die ihr irdisches Unglück damit erklären, dass der Staat in Wahrheit nur Fassade sei und im Hintergrund die Weltkriegsalliierten weiter die Fäden in der Hand halten würden. Da sind die Identitären, die sich erzählen, die Migration nach Europa werde insgeheim von sehr reichen Drahtziehern gesteuert, um Europa zu zersetzen. Und da sind die Schulmedizin-Phobiker, die auch das Impfen und den Schutz vor Viren für ein diabolisches Täuschungsmanöver von Geschäftemachern halten.

Zu den angeblichen Feinden gehören immer: die Juden

Was diese Gruppen eint, ist nicht ein Rezept, wie man die Welt besser macht. Sondern eine Erklärung dafür, warum die Welt schlecht ist. Ein Feindbild. Darin nämlich sind sie sich am Ende sehr einig, bis hinein in einzelne Formulierungen. Es ist eine Weltverschwörung, gegen die sie anzurennen meinen, aus verschiedenen Motiven heraus, aber mit demselben Ziel. Ihr Feind, das sind stets Fremde, beziehungsweise als fremd Imaginierte, denen sie Macht zuschreiben. Und zu diesen gehören immer, Überraschung, die Juden.

Pardon: Die Zionisten, wie der vegane Kochbuchautor Attila Hildmann sagt, der stark auf Ökologie und Naturmedizin rekurriert. Beziehungsweise: Die Rothschilds, wie die Reichsbürger sagen, die diese Bankiersfamilie an den Hebeln staatlicher Macht wähnen. Oder: Der Soros, wie die Identitären sagen, die den in Ungarn geborenen jüdischen Geschäftsmann und Philanthropen George Soros dämonisieren und als Chiffre benutzen.

Am Ende fühlen sich die Verschwörungsgläubigen aller Couleur wohl nebeneinander. Sie widersprechen sich ja nicht. Sie meinen vielmehr, sie bestätigten sich gegenseitig. Es geht deshalb völlig fehl, wenn jetzt politisch beschwichtigt wird, das seien ja nicht alles Extremisten. Was soll das heißen: dass die keine ausgefeilten politischen Programme mitbringen für die Zeit nach dem Umsturz? Es sind Antisemiten. Es sind Rassisten. In ihrer Verschwörungserzählung verbindet sich die Verachtung von Muslimen und die Verteufelung von Juden, und wer sich nicht erinnern mag, wohin das führt, der blicke nach Halle oder Hanau.

Und es ist auch nicht nur eine "wirre" Truppe, die da aufläuft. Keine Zufallsgemeinschaft von Schwachköpfen, die nur lose verbunden ist. Es ist ein breites, ein derzeit in alle Richtungen wachsendes Milieu, das durch den Verschwörungsglauben eng zusammengeschweißt wird.

Der wehrhafte Rechtsstaat täte gut daran, dem mit Macht entgegenzutreten. Mit Manpower und mit klarer Sprache.

© SZ vom 01.09.2020/saul/cat

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