Klimapolitik:Steinmeier besucht die "grüne Lunge unserer Welt"

Klimapolitik: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trifft den neuen brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva am Vorabend der feierlichen Amtseinführung.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trifft den neuen brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva am Vorabend der feierlichen Amtseinführung.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Nach der Amtseinführung von Brasiliens Präsident Lula reist der Bundespräsident weiter in den Amazonas-Regenwald, Umweltministerin Lemke begleitet ihn. Deutschland will beim Klima- und Artenschutz wieder enger mit Brasilien kooperieren.

Von Michael Bauchmüller und Nicolas Richter, Berlin

Um den südamerikanischen Regenwald von oben zu sehen, wird Frank-Walter Steinmeier zu Beginn des neuen Jahres Hunderte Stufen erklimmen: Im Amazonasgebiet will der Bundespräsident an diesem Montag das Atto-Observatorium (Amazon Tall Tower Observatory) besuchen, einen gerüstartigen, 325 Meter hohen Turm. Dort, weit über den dichten Baumkronen, untersuchen Forscher die Wechselwirkung zwischen Wald und Luft. Steinmeier wird zwar nicht bis zur Spitze vordringen, aber der Aufstieg zur ersten Plattform in 54 Metern Höhe gilt bei tropischen Temperaturen und einer Regenwahrscheinlichkeit von 70 Prozent schon als schweißtreibend genug.

Der Präsidentenbesuch am Amazonas hat hohe symbolische Bedeutung: Im Jahr 2023 hoffen deutsches Staatsoberhaupt und Bundesregierung nicht nur auf einen politischen Neustart im deutsch-brasilianischen Verhältnis mit dem neu gewählten Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der am Neujahrstag in sein Amt eingeführt wurde, sondern auch auf mehr Umweltschutz. Steinmeier sprach vor der Abreise von einem Impuls "für unser gemeinsames Ziel, den Amazonas-Regenwald, die grüne Lunge unserer Welt, vor der Abholzung zu schützen". Aus deutscher Sicht ist Brasilien ein essenzieller Partner im Kampf gegen die globale Klimakrise. Lula ist dabei wesentlich mehr an der Umwelt interessiert als sein Vorgänger Jair Bolsonaro. Während es Bolsonaro duldete, dass weite Teile des Waldes zu kommerziellen Zwecken zerstört wurden, kündigte Lula jüngst bei der Klimakonferenz in Scharm El-Scheich an, die Abholzung bis 2030 zu stoppen.

Klimapolitik: Das 325 Meter hohe ATTO-Observatorium, umgeben vom brasilianischen Regenwald.

Das 325 Meter hohe ATTO-Observatorium, umgeben vom brasilianischen Regenwald.

(Foto: Yesica Fisch/AP)

Das deutsche Engagement für Brasiliens Regenwald hat Tradition. Ende der 1980er-Jahre entdeckte Kanzler Helmut Kohl für sich den besonderen Wert dieser grünen Lunge. Beim G-7-Gipfel im texanischen Houston setzte er 1990 das "Pilotprogramm zum Erhalt der tropischen Wälder in Brasilien" (PPG7) durch. Die sieben wichtigsten Industriestaaten, Europäische Gemeinschaft und Weltbank wollten Hunderte Millionen Dollar bereitstellen, allein Deutschland sagte 250 Millionen Mark zu. Doch die G-7-Initiative war besser gemeint als gemacht, gut zehn Jahre nach ihrem Entstehen schlief sie wieder ein. Stattdessen entstand der Amazonas-Fonds zum Schutz des Regenwalds - nun unter brasilianischer Führung.

Deutschland will den Stopp der Entwaldung belohnen

Über ihn will nun auch Deutschland Lulas Waldagenda unterstützen. Er basiert auf einem Mechanismus der Vereinten Nationen, durch den der Stopp von Entwaldung entlohnt werden soll. Bisher wurde der Amazonas-Fonds im Wesentlichen von Norwegen und zu einem kleineren Teil von Deutschland (bislang 55 Millionen Euro) gefüllt, wegen der Differenzen mit Bolsonaro war das Geld zuletzt aber eingefroren. Jetzt, da Lula die Amtsgeschäfte übernimmt, könnte es wieder fließen, und die Bundesregierung dürfte ihren Beitrag aufstocken. Die Bundesregierung hält die bisherigen umweltpolitischen Signale Lulas für "ermutigend".

Dazu zählte zuletzt auch die Ernennung von Marina Silva zur neuen Umweltministerin. Sie gilt als engagierte Kämpferin für den Regenwald. In der ersten Amtszeit Lulas war sie schon einmal Umweltministerin, trat aber nach fünf Jahren zurück - im Streit über den Schutz des Amazonas. Sie wünsche ihrer neuen Kollegin "viel Erfolg und eine glückliche Hand", richtete Deutschlands Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) dieser Tage aus, auf Deutsch, Englisch und Portugiesisch. "Brasilien ist ein wichtiger Partner im Kampf für Klima- und Naturschutz."

Klimaschutz durch die Kraft der Natur

Auch deshalb begleitet Lemke den Bundespräsidenten auf seiner Reise, bis auf den Turm im Regenwald. Für Lemke, die beim Klimaschutz stärker auf die Kraft der Natur setzen will, ist Brasilien reich an Anschauungsmaterial. Entsprechend länger fällt auch ihr Ortsbesuch aus. Sie besucht jene Überwachungs-Behörde in Manaus, die der illegalen Entwaldung Einhalt gebieten soll. Im Nationalpark Anavilhanas tauscht sie sich über die Zusammenarbeit eines Netzwerks aus, das den Schutz des Unteren Rio Negro sicherstellen soll, was wiederum nicht nur dem Klima zugutekommt, sondern auch der Artenvielfalt.

Erst im Dezember hatte Lemke bei der UN-Naturschutzkonferenz in Montreal über den Erhalt der Artenvielfalt verhandelt - unter anderem durch die Ausweisung von mehr Schutzgebieten an Land und im Meer. Dazu passen eine Reihe von Projekten, die sich Lemke im Bundesstaat Pernambuco anschauen will, darunter eine Initiative, die sich dem Schutz der küstennahen Ökosysteme und dem Kampf gegen Meeresmüll verschrieben hat, unterstützt durch deutsche Entwicklungsmittel. Recife ist obendrein Hauptstadt des Bundesstaats Pernambuco - einer der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen der Welt. Knapp eine Woche wird sich Lemke in Brasilien aufhalten, einem Hotspot für alle möglichen Umweltprobleme, aber auch für alle möglichen Lösungen.

Die Antwort von Lemkes neuer Kollegin Marina Silva ließ übrigens nicht lange warten, sie kam per Twitter. "Wir werden zusammenstehen", schrieb sie, "um gemeinsam die ernsten Probleme des Klimawandels anzugehen." Der Anfang ist gemacht.

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