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Bundeskanzlerin:Die große Leidenschaft: Quo vadis Deutschland? - Berlin, Oktober 2003

Angela Merkel hatte bis zu diesem 1. Oktober 2003 viele Auftritte. Aber noch nie hat sie eine richtungsweisende Rede gehalten. Längst hat sich der Vorwurf breit gemacht, sie wisse selbst nicht, was sie eigentlich wolle. Doch dann kommt der Auftritt im Deutschen Historischen Museum.

Alle sind gekommen, man will frühzeitig den Jahrestag der deutschen Einheit begehen. Die CDU-Vorsitzende will offenlegen, was sie politisch erreichen möchte. "Quo vadis Deutschland", steht über dem Auftritt. Und Merkel spricht so frei von der Leber weg über Sozialreformen, über eine neue Freiheit, über Umwälzungen beim Steuersystem und in der Gesundheitsversorgung, dass manchem im Publikum fast schwindlig wird, weil er oder sie diese Merkel gar nicht mehr zu erkennen glauben. Die CDU-Vorsitzende will sehr viel, sie will weit über Gerhard Schröders Hartz-Pläne hinausgehen. Man wisse nicht, was die Frau wolle? An diesem Tag kontert Merkel den Vorwurf, wie sie es niemals zuvor getan hat. Dazu strahlt sie ins Publikum; sie glaubt in diesem Augenblick tatsächlich, dass sie eine historische Mission hat.

Rede Merkel

01.10.2003: Merkel hält ihre berühmte Rede in Berlin.

(Foto: Andreas Altwein/dpa)

Wenige Wochen später kommt der berühmt gewordene Leipziger Parteitag. Hier wird beschlossen, was Merkel entworfen hat. Die Partei ist im Rausch, nur Norbert Blüm ist entsetzt. Da sage noch einer, Merkel hätte keine politischen Leidenschaften. Sie hat sie mindestens gehabt.

Die Nahtoderfahrung am Aufzug - September 2005

Es ist ein Sonntagabend im September, Merkel steht am Aufzug der eigenen Parteizentrale. Und sie sieht nicht gut aus. Die Augen sind müde und klein, sie starren leer in eine weite Ferne. Merkel ist geschminkt fürs Fernsehen. Aber eigentlich will sie nur noch rein in den Aufzug und weg.

Verschwinden geht aber jetzt nicht, sie muss hoch ins Präsidiumszimmer. Sie muss analysieren und erklären, was gerade passiert ist. Es ist der Abend des 18. September 2005. Der Wahltag, an dem Deutschland über Merkels große Reformideen abstimmt. Es wird ihre politische Nahtoderfahrung.

Bundestagswahl historisch

18.09.2005: Merkel, der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (r) und CDU-Generalsekretär Volker Kauder in der CDU-Parteizentrale am Wahlabend.

(Foto: Kai Pfaffenbach/dpa)

Statt weit mehr als 40 Prozent der Stimmen einzuheimsen, ist sie binnen weniger Tage auf deutlich weniger abgefallen. Das Ergebnis ist ein Debakel auf ganzer Linie. Merkel hat nur ein einziges, ein winziges Glück: dass sie am Ende doch noch vor der SPD und Gerhard Schröder landet.

Im Präsidiumszimmer sitzen ein paar Getreue, genauso entsetzt. Merkels Fotografin wird an diesem Abend ein berühmtes Bild schießen. Kein anderes wird das Entsetzen dieser Nacht besser in einer einzigen Aufnahme bündeln.

An diesem Abend sind nicht nur große Merkel'sche Hoffnungen zerschellt, es werden auch alle großen Reformgedanken begraben. Wahlanalytiker werden später bestätigen, dass die Deutschen abgeschreckt waren von einer derart reformleidenschaftlichen Angela Merkel.

Die Weisheit des Ehemanns - November 2005

Immerhin, am Ende überlebt Angela Merkel diese Nacht. Und zwei Monate später lädt sie zu einem Abschiedsessen in die hessische Landesvertretung. Es soll ein freundlicher Akt sein; die CDU-Vorsitzende will den Korrespondenten adieu sagen, die bislang über sie berichtet haben. Künftig werden es vor allem die Büroleiter sein, die über sie schreiben.

Die bis dahin recht nahbare CDU-Chefin sitzt am anderen Ende eines riesigen Tisches. Die Distanz wächst quasi minütlich. Am nächsten Tag wird sie zum ersten Mal als Kanzlerin gewählt; das macht die Anwesenden sehr befangen.

Bundestagswahl - Stimmabgabe Merkel

Merkel mit ihrem Ehemann Joachim Sauer bei der Stimmabgabe 2005.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Doch dann ergibt es sich, dass sie zum Kaffee noch ein paar Minuten an einem Stehtisch vorbeikommt. So kann der Reporter noch eine Frage stellen. "Was denkt eigentlich Ihr Mann über das alles?"

Merkel zögert, sie überlegt einen Augenblick, dann sagt sie: "Der wundert sich, was ich mir alles zutraue." Man weiß bis heute kaum etwas über diesen Herrn Sauer. Aber der Satz hat es in sich. Er wirkt länger nach als man im ersten Moment gedacht hat. Es ist der 22. November 2005.

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