Süddeutsche Zeitung

Bundeskanzlerin:Merkels Weg - wie aus Angst Gewissheit wurde

Am Anfang stand ein Brief gegen Ziehvater Kohl, Angela Merkel fürchtete um ihr politisches Überleben. Unser Korrespondent blickt zurück auf 20 Jahre Merkel.

Von Stefan Braun, Berlin

Bald dreißig Jahre in der Politik, bald zwanzig Jahre an der Spitze der CDU, mehr als zwölf Jahre Kanzlerin Deutschlands - Angela Merkel hat eine verdammt lange Wegstrecke hinter sich. Noch mag Helmut Kohl an Amtsjahren vorne liegen. Aber wenn die 63-Jährige an diesem Mittwoch zum vierten Mal zur Kanzlerin gewählt wird, ist sie endgültig in seine Fußstapfen getreten. Merkel ist historisch geworden.

Dies ist der Versuch einer Annäherung aus verschiedenen Perspektiven. Es wird um das historische Bild gehen. Aber auch um unbekannte, sehr persönliche Episoden. Kurze Begegnungen, kleine Augenblicke, die über die Kanzlerin möglicherweise mehr erzählen als große Geschichten. Zeit, sie auszugraben.

Die Angst nach dem Brief - Bonn, Dezember 1999

Es sind Angela Merkels schwarze Nächte. Es sind Nächte im Dezember 1999. Die CDU steckt in ihrer tiefsten Krise. Seit Wochen kämpft die Partei gegen die schwarzen Kassen und geheimen Konten ihres Übervaters. Helmut Kohl aber will nichts preisgeben. Am 16. Dezember erklärt er in einem Fernsehinterview, trotz aller Kritik und großem Schaden für die Christdemokraten werde er die Spendernamen nicht bekannt machen.

Also entscheidet sich die im Amt noch ziemlich junge CDU-Generalsekretärin, einen Brief zu schreiben. Es wird der Brief in der CDU-Geschichte. Das Schreiben, in dem Angela Merkel die CDU zur Loslösung von Helmut Kohl auffordert.

Merkel schreibt den Brief am 21. Dezember; einen Tag später wird er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erscheinen. Merkel schläft in dieser Nacht so gut wie gar nicht, und das wird auch in den folgenden Nächten nicht besser werden. Sie hat getan, was sie nie wieder tun wird: Sie spielt mit vollem Risiko. Und sie hat größte Angst, im Sturm unterzugehen.

Am Tag, als der Brief öffentlich wird, sieht Merkel entsetzlich müde aus; sie meidet die Öffentlichkeit, sie wirkt, als würde sie die Luft anhalten. Denn sie hat mächtige Gegner, die den Brief für einen dramatischen, einen historischen Fehler halten.

Die Rede ist nicht nur von den engsten Kohl-Freunden, die sie seit diesem Tag hassen werden. Die Rede ist von den jungen Kohlianern, die den Brief als Angriff auf die eigenen Karrierepläne begreifen. Christian Wulff gehört dazu, Günther Oettinger, Peter Müller und natürlich Roland Koch. Alle hatten sich einst im sogenannten Andenpakt verbündet. Einer Männergemeinschaft, die die Herrschaft in der Zeit nach Kohl unter sich aufteilen wollte.

Merkel hat auch Anfang Januar noch keine Ahnung, ob sie politisch überleben wird. Dann aber kommt Hilfe von unerwarteter Seite: In Hessen muss Roland Koch illegale Konten seiner Landes-CDU einräumen. Es ist der Moment, der sie rettet. Ab da haben ihre internen Gegner kein gutes Argument mehr, um sie anzugreifen.

Der Brief wird seither insbesondere von ihren engsten Gefährten als heroischer Akt beschrieben. In Wahrheit gehört zu dem Kapitel eine zweite Seite: Die Angst in den Tagen und Nächten danach, als Merkel wie nie zuvor und nie mehr danach um ihre Zukunft fürchtet.

Das Telefonat im Regen und das Bekenntnis in eigener Sache - Stuttgart-Degerloch im März 2000

Drei Monate später. Merkel hat das politische Beben tatsächlich überstanden. Kohl ist weg, und Wolfgang Schäuble musste auch abtreten. Jetzt sucht die CDU einen neuen Anfang.

An diesem Tag im März gießt es in Stuttgart wie aus Kübeln. Die Generalsekretärin hat eben eine Rede gehalten und ist danach gefeiert worden. Ausgerechnet sie, die Frau mit dem Brief; ausgerechnet von der Baden-Württemberg-CDU, die zu der Zeit vom konservativen Erwin Teufel geführt wird.

Nach dem Spendenskandal aber ist alles anders; die Partei braucht neue Hoffnungsträger. Der Beifall auf der Regionalkonferenz gilt als ultimatives Votum: Merkel soll neue Parteivorsitzende werden.

Jetzt sitzt sie im Auto; es schüttet noch immer. Merkel hat Zeit zu telefonieren. Übers Handy stellt der Reporter eine letzte Frage: "Und? Trauen Sie sich auch zu, einmal Kanzlerin zu werden? Kanzlerin von Deutschland?"

Kurze Stille am anderen Ende der Leitung. Dann antwortet Merkel ziemlich leise: "Das habe ich mich auch gefragt in den letzten Wochen." Es wird wieder still. Dann spricht sie weiter: "Ich habe alles hin und her gewogen. Jetzt weiß ich: Ja, das traue ich mir zu."

Nach dem großen Beben kommt das große Selbstbewusstsein. Ab diesem Tag ist klar, was Merkel will. Es ist der 18. März 2000.

Das Lächeln nach dem Frühstück - Magdeburg im Januar 2002

Sie tritt lächelnd aus dem Wagen. Es ist ein unverschämtes Lächeln - und das kann man bei Angela Merkel nur selten sagen. Sie liefert damit einen harten Kontrast zu fast allen anderen Gesichtern. Die wirken kämpferisch, aggressiv, manche würden sagen: bösartig. Sie verfolgen ein Ziel: Merkel stoppen.

Allerdings wissen die Strenggesichtigen noch nicht, was Merkel getan hat. Sie haben seit Tagen alles Mögliche überlegt, um der Frau in die Parade zu fahren. Von Sturz wird gemunkelt, mindestens aber vom "Ausbremsen" der Parteichefin. Es ist der 11. Januar 2002, die CDU versammelt sich zur Klausur, im Herrenkrug zu Magdeburg.

Was dann kommt, ist eine Sensation. Als die Mitglieder des Parteipräsidiums gerade Platz genommen haben, erzählt Merkel, wo sie gerade herkommt. Sie sagt, dass sie vor wenigen Stunden in Wolfratshausen gewesen sei. Zum Frühstück. Bei Edmund Stoiber. Um ihm die Kanzlerkandidatur anzutragen.

Wenn es so etwas überhaupt gibt, dann passiert es jetzt: Den Kollegen im CDU-Führungsgremium fällt die Kinnlade runter. Friedrich Merz gehört dazu, Roland Koch, auch Jörg Schönbohm. Die Herren Widerständler haben gewonnen - und sehen trotzdem wie begossene Pudel aus.

Wochenlang hat Merkel damit gespielt, selbst anzutreten. Sie hat die CSU bis aufs Messer gereizt, als sie in den Tagen zuvor in einer Talkshow erklärte, sie könne sich durchaus vorstellen, selbst anzutreten. Jetzt zeigt sie, dass sie lieber selber entscheidet, statt sich treiben zu lassen. Es ist ein Coup, der von der Chuzpe lebt - und von der Einsicht.

Wahrscheinlich hätte sie politisch nicht überlebt, wenn sie an diesem Tag auf der Kandidatur beharrt hätte. Plötzlich aber ist sie es, die wieder Regie führt. Aus einem Moment der Niederlage wird ein Moment, der ihre Macht zementiert. Dass Edmund Stoiber verliert, konnte sie nicht ahnen. Aber ab da ist an Merkel kein Vorbeikommen mehr.

Die große Leidenschaft: Quo vadis Deutschland? - Berlin, Oktober 2003

Angela Merkel hatte bis zu diesem 1. Oktober 2003 viele Auftritte. Aber noch nie hat sie eine richtungsweisende Rede gehalten. Längst hat sich der Vorwurf breit gemacht, sie wisse selbst nicht, was sie eigentlich wolle. Doch dann kommt der Auftritt im Deutschen Historischen Museum.

Alle sind gekommen, man will frühzeitig den Jahrestag der deutschen Einheit begehen. Die CDU-Vorsitzende will offenlegen, was sie politisch erreichen möchte. "Quo vadis Deutschland", steht über dem Auftritt. Und Merkel spricht so frei von der Leber weg über Sozialreformen, über eine neue Freiheit, über Umwälzungen beim Steuersystem und in der Gesundheitsversorgung, dass manchem im Publikum fast schwindlig wird, weil er oder sie diese Merkel gar nicht mehr zu erkennen glauben. Die CDU-Vorsitzende will sehr viel, sie will weit über Gerhard Schröders Hartz-Pläne hinausgehen. Man wisse nicht, was die Frau wolle? An diesem Tag kontert Merkel den Vorwurf, wie sie es niemals zuvor getan hat. Dazu strahlt sie ins Publikum; sie glaubt in diesem Augenblick tatsächlich, dass sie eine historische Mission hat.

Wenige Wochen später kommt der berühmt gewordene Leipziger Parteitag. Hier wird beschlossen, was Merkel entworfen hat. Die Partei ist im Rausch, nur Norbert Blüm ist entsetzt. Da sage noch einer, Merkel hätte keine politischen Leidenschaften. Sie hat sie mindestens gehabt.

Die Nahtoderfahrung am Aufzug - September 2005

Es ist ein Sonntagabend im September, Merkel steht am Aufzug der eigenen Parteizentrale. Und sie sieht nicht gut aus. Die Augen sind müde und klein, sie starren leer in eine weite Ferne. Merkel ist geschminkt fürs Fernsehen. Aber eigentlich will sie nur noch rein in den Aufzug und weg.

Verschwinden geht aber jetzt nicht, sie muss hoch ins Präsidiumszimmer. Sie muss analysieren und erklären, was gerade passiert ist. Es ist der Abend des 18. September 2005. Der Wahltag, an dem Deutschland über Merkels große Reformideen abstimmt. Es wird ihre politische Nahtoderfahrung.

Statt weit mehr als 40 Prozent der Stimmen einzuheimsen, ist sie binnen weniger Tage auf deutlich weniger abgefallen. Das Ergebnis ist ein Debakel auf ganzer Linie. Merkel hat nur ein einziges, ein winziges Glück: dass sie am Ende doch noch vor der SPD und Gerhard Schröder landet.

Im Präsidiumszimmer sitzen ein paar Getreue, genauso entsetzt. Merkels Fotografin wird an diesem Abend ein berühmtes Bild schießen. Kein anderes wird das Entsetzen dieser Nacht besser in einer einzigen Aufnahme bündeln.

An diesem Abend sind nicht nur große Merkel'sche Hoffnungen zerschellt, es werden auch alle großen Reformgedanken begraben. Wahlanalytiker werden später bestätigen, dass die Deutschen abgeschreckt waren von einer derart reformleidenschaftlichen Angela Merkel.

Die Weisheit des Ehemanns - November 2005

Immerhin, am Ende überlebt Angela Merkel diese Nacht. Und zwei Monate später lädt sie zu einem Abschiedsessen in die hessische Landesvertretung. Es soll ein freundlicher Akt sein; die CDU-Vorsitzende will den Korrespondenten adieu sagen, die bislang über sie berichtet haben. Künftig werden es vor allem die Büroleiter sein, die über sie schreiben.

Die bis dahin recht nahbare CDU-Chefin sitzt am anderen Ende eines riesigen Tisches. Die Distanz wächst quasi minütlich. Am nächsten Tag wird sie zum ersten Mal als Kanzlerin gewählt; das macht die Anwesenden sehr befangen.

Doch dann ergibt es sich, dass sie zum Kaffee noch ein paar Minuten an einem Stehtisch vorbeikommt. So kann der Reporter noch eine Frage stellen. "Was denkt eigentlich Ihr Mann über das alles?"

Merkel zögert, sie überlegt einen Augenblick, dann sagt sie: "Der wundert sich, was ich mir alles zutraue." Man weiß bis heute kaum etwas über diesen Herrn Sauer. Aber der Satz hat es in sich. Er wirkt länger nach als man im ersten Moment gedacht hat. Es ist der 22. November 2005.

Kurz vor der Weltkatastrophe - Besuch bei der Philosophin - Kanzleramt, 14. Dezember 2008

An diesem Abend zieht die große Sprachlosigkeit ins Kanzleramt ein. Viele sind gekommen, die sonst für alles ein paar Worte finden. Unternehmer, Banker, Gewerkschafter, Wissenschaftler - mit einem Wort: alle, die sich gerne Wirtschaftsexperten taufen.

Dieses Mal aber ist alles anders. Die Weltfinanzkrise ist ausgebrochen; eine Weltwirtschaftskrise droht sich anzuschließen. Und die schlauen Experten? Keiner hat richtig gewarnt und keiner hat eine Lösung parat. So viel Ohnmacht auf einem Fleck hat es in der Geschichte der Republik selten gegeben.

Merkel zeigt sich kaum an diesem Abend. Sie ist entsetzt darüber, dass die Experten außer Lähmung und Horrorszenarien nichts zu bieten haben. So bleibt an diesem kalten Winterabend nur ein Streifzug durch die Regierungszentrale. Einer allerdings, der belohnt wird. Unten im Foyer, mit direktem Ausblick auf den großen Vorplatz Richtung Reichstag, trifft man auf "die Philosophin". Sie kann nicht reden und also auch keinen Mut machen. Aber die Skulptur von Markus Lüpertz erzählt trotzdem alles. Ihre Hand hat sie ans Kinn gelegt, ihr Blick richtet sich voller Unverständnis in die Berliner Nacht. Alles an ihr fragt: Was ist bloß los da draußen?

Merkels schwarze Messe - Karlsruhe im November 2010

Dass Angela Merkel besonders schwarz sein könnte, hat in der CDU selten jemand behauptet. An diesem Tag aber ist alles schwarz an der Parteichefin. Nicht nur ihre Kleider, auch ihre Botschaften. Lady in Black - das hat es nur an diesem 15. November 2010 gegeben.

Die CDU ist zum Parteitag in Karlsruhe zusammengekommen. Und die Zeiten sind schlecht für die Christdemokraten. Seit einem Jahr regiert Merkel mit der FDP Guido Westerwelles; und seit Monaten ruft die Republik: aufhören. Miserable Umfragen, miserable Stimmung in der Koalition. Das Wort Gurkentruppe hat längst Eingang gefunden.

Und was macht Merkel? Sie gibt die schwärzeste CDU-Chefin ihres Lebens. Sie sagt Sätze wie diesen: "Werft die Prognosen in den Papierkorb. Wir sind die Christlich Demokratische Union. Wir können das." Merkel als Motivatorin - das haben sie so auch noch nicht erlebt bei den Christdemokraten.

Merkel steckt an diesem Tag alle Kritiker in die Tasche, sie bekommt 90,4 Prozent der Stimmen. Und das bekommt sie vor allem, weil sie mit Verve für eine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke eintritt. Dass nur Monate später mit Fukushima I ein Kraftwerk fast in die Luft fliegt und aus Sicht Merkels alles ändert - an diesem Montag wollte das kein Christdemokrat für möglich halten.

Die unstillbare Neugier - China, im Juli 2014

Ach China. Da sage noch einer, Angela Merkel kenne keine Leidenschaften. An diesem Morgen klebt sie förmlich am Fenster ihres Wagens, als sie vor dem Markt von Chengdu vorfährt. Die Kanzlerin kann es offensichtlich kaum erwarten; auf dem Programm steht: Gewürze und Gemüse kaufen, Land und Leute studieren.

Studieren kann man bei Merkel wörtlich nehmen. Sie ist schon zum sechsten Mal nach China gekommen. Das Riesenreich schreckt sie und fasziniert sie. Als Kanzlerin Deutschlands weiß sie genau, wie sich wirtschaftlich und politisch auf der Welt die Erdplatten verschieben. Umso mehr will sie verstehen, wie dieses Land funktioniert. Hier auf dem Markt ist das erst mal Vergnügen, weil einem die Augen fast überlaufen ob der Reichhaltigkeit und der satten Farben. Getrockneter Seetang, Ingwer, Hülsenfrüchte, dazu Wurzelgemüse, Papayas, Melonen.

Merkel bleibt fast an jedem Stand stehen, sie fasst alles an, riecht, prüft die Härte mit den Fingerspitzen. Dann kauft sie Chilischoten, roten Pfeffer und Sternanis. Für einen Moment wird aus der Kanzlerin, die Physikerin war, eine leidenschaftliche Köchin. Es sind nur 30 Minuten. Aber die erzählen sinnbildlich davon, wie intensiv Merkel dieses Land in sich aufsaugt.

"Wir schaffen das" - die Verteidigung - Kanzleramt, August 2016

Ein Jahr ist es jetzt her. Ein Jahr, das für das Land anstrengend, für die Regierung schwer und für Merkel fast so etwas wie ein Spießrutenlauf wurde. Vor einem Jahr im Spätsommer 2015 brach sich die Flüchtlingskrise richtig Bahn. Und Merkel sagte nicht nur, aber auch den kurzen Satz: "Wir schaffen das."

Seither sind für sie aus vielen Gegnern und manchen Freunden harte Feinde geworden. Das Land wirkt gespalten, die AfD erhält Zulauf. Also soll sich Merkel noch einmal zu diesem Satz äußern. Sie sitzt in ihrem Büro, siebter Stock, Kanzleramt. Sie ist entschlossen, wirkt fast ein bisschen kampfeslustig. Zugleich aber ist sie tief enttäuscht, was mancher aus ihrem Satz gemacht hat. Nach dem Motto: Stellt euch nicht so an. Als ob sie das so gemeint hätte. "Habe ich nicht", sagt Merkel. Und fügt hinzu: "Es war vor allem ein Satz des Anpackens, den jeder kennt - aus seinem Beruf oder aus dem privaten Bereich."

Merkels Verteidigung an diesem 29. August ist ihr letzter Versuch, den Satz so zu beschreiben, wie er damals gemeint war. Trotzdem wettert Horst Seehofer unmittelbar danach. Wie könne sie nur so ein Interview geben, schimpft er kaum überhörbar. Wenige Tage später fällt die Entscheidung, den Satz nicht mehr zu verwenden. Mindestens an der Stelle haben ihre Gegner gewonnen.

Gute Nerven und eine große Selbsterkenntnis - im Flugzeug zwischen Tunis und Berlin, März 2017

Eigentlich sind alle k. o. Die Kanzlerin, die Begleiter, die mitreisenden Journalisten. Berlin, Kairo, Tunis, Berlin - und das Ganze in kaum mehr als zwei Tagen. Die meisten sitzen deshalb ziemlich groggy in ihren Stühlen, als Angela Merkel noch einmal zum Gespräch lädt.

Der Maghreb und der Kampf gegen die Flüchtlingskrise liegen hinter ihr; der deutsche Wahlkampf aber hat gerade begonnen. Und wie. Martin Schulz ist neuer Hoffnungsträger der Sozialdemokraten. Es sind für ihn die schönsten Tage in einem später fürchterlichen Jahr. Aber das kann an diesem 4. März niemand ahnen. Auch Merkel nicht.

Stattdessen muss sie sich mit den wachsenden Sorgen ihrer Christdemokraten herumplagen. Muss zu Hause andauernd erklären, warum alle ruhig bleiben mögen. Und doch ist in diesem Moment von Unruhe bei ihr nichts zu spüren. Sie sitzt da, sie analysiert die Lage, sie erkennt an, dass Schulz gerade einen kleinen Lauf hat. Und sagt dann: "Es ist doch okay, jetzt gibt es ein offenes Rennen."

Sie wird gefragt, ob sie nicht Sorge habe, weil Schulz so viel Schwung und Unterstützung erhalte. Und ob er was könne, was sie nicht könne. Merkel überlegt kurz. Dann antwortet sie: "Der eine kann dies, der andere jenes besser. Damit muss man umgehen können im Leben." Und weil sie gerade dabei ist, hängt sie einen Satz dran: "Wissen Sie, ich habe auch eine ganze Weile gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich nicht im Körper einer Tänzerin stecke."

Es ist ein einfacher Satz. Aber einer, der nachwirkt. Der Stärke zeigt, weil er Schwäche zugibt.

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