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Bürgerkrieg in Syrien:Plötzlich wird Religion zu einem identitätsstiftenden Faktor

Es ist wenig verwunderlich, dass die Menschen mitten in diesem Zerfall nach Orientierung suchen und dabei ganz unterschiedlichen Verführungen ausgesetzt sind: Plötzlich wird Religion zu einem identitätsstiftenden Faktor, obwohl ihre Bedeutung viele Jahrzehnte lang abgenommen hatte. Historische Wurzeln, die Ethnie, der Clan, das politische Vorbild, sei es in Teheran, in Riad oder beim selbsternannten Kalifen von Raqqa: Menschen unter Druck suchen Halt - und Halt kann am Ende auch eine Kalaschnikow bieten.

Staaten mit tief wurzelndem historischen Bewusstsein - Marokko, Ägypten, Iran - haben den Ansturm auf Sykes-Picot weitgehend schadfrei überstanden. Was aber bereits 1916 künstlich erschien, ist heute dem Zerfall preisgegeben: Syrien, Irak und Libyen. In Syrien, wo nach fünf Jahren Bürgerkrieg nun zum ersten Mal ein ernst zu nehmendes politisches Friedensverfahren begonnen hat, stellt sich die Frage ganz besonders: Kann es diesen Staat weiterhin geben, der vor hundert Jahren in völliger Ignoranz von Trennungslinien geschaffen wurde?

Die Akteure im Friedensprozess sind sich einig: Niemand hat Interesse an neuen Staaten in der Region. Das Signal wäre fatal. Staatsneugründungen würden Begehrlichkeiten, Gewalt und Separatismus befeuern.

Keiner ist ohne schweres Gepäck voller Interessen nach Genf gereist

Allerdings ist die Meinung der externen Akteure in diesem Friedensprozess wohlfeil. Keiner, der nicht mit schwerem Gepäck voller Interessen nach Genf gereist wäre. Wieder geht es um Einfluss, Kontrolle, das Grand Design einer neuen Zeit. In Genf sitzen die Nachfolger von Sykes und Picot. Können sie eine Ordnung von außen aufzwingen, ohne dieselben Fehler wie ihre historischen Vorgänger zu begehen?

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Eine ehrliche Antwort darauf kann niemand geben. Sicher ist dies: Wer Frieden schaffen will, der muss Identität stiften, der muss trennen, was nicht zusammengehört, und stärken, was schwach ist. Der syrische Staat wird seine ordnende Funktion kaum wieder erhalten, eine Zentralmacht wird keinen Erfolg haben.

Aber: Neue Staatshüllen oder, noch schlimmer, Aufspaltungen entlang konfessionellen Linien, schaffen nicht automatisch Stabilität. Im Gegenteil. Es ist die Pflicht der Nachfahren von Sykes und Picot, dieses Syrien zunächst zu erhalten, weil in keiner Alternative mehr Friedfertigkeit steckt. Ein neuer Staat schafft noch keine Ordnung. Und Ordnung in Nahost braucht mehr als ein paar Staaten.