Süddeutsche Zeitung

Bürgerkrieg in Syrien:Syrien muss als Staat erhalten bleiben

Das Staatensystem des Nahen Ostens droht zu zerfallen - das müssen die Akteure im Friedensprozess verhindern. Eine Aufspaltung Syriens würde keine Stabilität bringen. Im Gegenteil.

Legt man die Messlatte der Geschichte an, dann haben die Herren Mark Sykes und François Georges-Picot eine durchaus stabile Ordnung geschaffen, als sie 1916 die Restposten des Osmanischen Reichs in Mandatsgebiete für ihre Regierungen in Paris und London aufteilten und damit jene Staaten schufen, die auch heute noch den Nahen Osten ausmachen.

Fast hundert Jahre gibt es dieses Gebilde schon, es ist damit älter als die meisten anderen Ordnungssysteme der Welt. Es überlebte den Übergang in die Nationalstaatlichkeit, den Panarabismus, Autokraten und Gewaltherrscher, Kriege und viel Einflussnahme von außen.

Die maßgebliche Gestaltungsmacht in all diesen Jahrzehnten waren die USA, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch ihre schiere Präsenz den Zusammenbruch der Ordnung verhinderten. Es waren die amerikanischen Interessen, die sich oft mit den arabischen Interessen deckten, was die nötige Stabilität erzeugte: die Versorgung mit erschwinglichem Öl, die Eindämmung iranischer Machtambitionen, der Schutz Israels bei gleichzeitiger Kontrolle der damit verbundenen Kriegsrisiken.

Obama schrieb den vorläufig letzten Akt in diesem Entfesselungs-Drama

Der 11. September 2001 hat diese Konstruktion erschüttert, der Irak-Krieg von George W. Bush hat sie ins Wanken gebracht. Danach haben Korruption, Gewalt, ethnische Rivalität und Konfessionalismus Kräfte geweckt, die letztendlich die Ordnung von Sykes-Picot zum Einsturz bringen können.

Die USA - die außer der von Saddam Hussein provozierten Kuwait-Intervention nie einen wirklich großen Krieg in der Region geführt hatten - lieferten mit der Irak-Invasion 2003 und dem missglückten Staatsaufbau den ersten Hinweis auf die Endlichkeit der Nahost-Konstruktion. Später waren es die Potentaten Maliki (Irak), Mubarak (Ägypten), Gaddafi (Libyen) und Assad (Syrien), die den Volkswunsch nach Befreiung und Beteiligung unterdrückten und damit ihren Anteilsschein am Niedergang zeichneten.

US-Präsident Barack Obama schrieb den vorläufig letzten Akt in diesem Entfesselungs-Drama, als er vor wenigen Tagen sagte, sein Land sei nicht dafür zuständig, die Unfähigkeit der lokalen Regierungen zu beheben. Resignation und Isolationismus treffen da zusammen.

Plötzlich wird Religion zu einem identitätsstiftenden Faktor

Es ist wenig verwunderlich, dass die Menschen mitten in diesem Zerfall nach Orientierung suchen und dabei ganz unterschiedlichen Verführungen ausgesetzt sind: Plötzlich wird Religion zu einem identitätsstiftenden Faktor, obwohl ihre Bedeutung viele Jahrzehnte lang abgenommen hatte. Historische Wurzeln, die Ethnie, der Clan, das politische Vorbild, sei es in Teheran, in Riad oder beim selbsternannten Kalifen von Raqqa: Menschen unter Druck suchen Halt - und Halt kann am Ende auch eine Kalaschnikow bieten.

Staaten mit tief wurzelndem historischen Bewusstsein - Marokko, Ägypten, Iran - haben den Ansturm auf Sykes-Picot weitgehend schadfrei überstanden. Was aber bereits 1916 künstlich erschien, ist heute dem Zerfall preisgegeben: Syrien, Irak und Libyen. In Syrien, wo nach fünf Jahren Bürgerkrieg nun zum ersten Mal ein ernst zu nehmendes politisches Friedensverfahren begonnen hat, stellt sich die Frage ganz besonders: Kann es diesen Staat weiterhin geben, der vor hundert Jahren in völliger Ignoranz von Trennungslinien geschaffen wurde?

Die Akteure im Friedensprozess sind sich einig: Niemand hat Interesse an neuen Staaten in der Region. Das Signal wäre fatal. Staatsneugründungen würden Begehrlichkeiten, Gewalt und Separatismus befeuern.

Keiner ist ohne schweres Gepäck voller Interessen nach Genf gereist

Allerdings ist die Meinung der externen Akteure in diesem Friedensprozess wohlfeil. Keiner, der nicht mit schwerem Gepäck voller Interessen nach Genf gereist wäre. Wieder geht es um Einfluss, Kontrolle, das Grand Design einer neuen Zeit. In Genf sitzen die Nachfolger von Sykes und Picot. Können sie eine Ordnung von außen aufzwingen, ohne dieselben Fehler wie ihre historischen Vorgänger zu begehen?

Eine ehrliche Antwort darauf kann niemand geben. Sicher ist dies: Wer Frieden schaffen will, der muss Identität stiften, der muss trennen, was nicht zusammengehört, und stärken, was schwach ist. Der syrische Staat wird seine ordnende Funktion kaum wieder erhalten, eine Zentralmacht wird keinen Erfolg haben.

Aber: Neue Staatshüllen oder, noch schlimmer, Aufspaltungen entlang konfessionellen Linien, schaffen nicht automatisch Stabilität. Im Gegenteil. Es ist die Pflicht der Nachfahren von Sykes und Picot, dieses Syrien zunächst zu erhalten, weil in keiner Alternative mehr Friedfertigkeit steckt. Ein neuer Staat schafft noch keine Ordnung. Und Ordnung in Nahost braucht mehr als ein paar Staaten.

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SZ vom 16.03.2016/dayk
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