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Buchvorstellung von Rainer Brüderle:Die Unschuld von der Hotelbar

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Bei der Buchvorstellung: Hugo Müller-Vogg (links), Rainer Brüderle (Mitte) und Gregor Gysi

(Foto: dpa)

"Jetzt rede ich!" Mit Ausrufezeichen. In einem Buch bestätigt Rainer Brüderle erstmals die Geschichte über seine sexistischen Bemerkungen im Gespräch mit einer Journalistin. Doch entschuldigen will der Ex-FDP-Spitzenkandidat sich nicht. Denn das wahre Opfer sei ja er.

Rainer Brüderle gießt Gregor Gysi Wasser ein. Von Ex-Fraktionschef zu Fraktionschef quasi. Gysi ist weiterhin ein wichtiger Mann in der Bundespolitik. Brüderle ist inzwischen vor allem Privatmann - und Chef einer Consultingfirma. Rainer Brüderle Consult. Ein Mann wirbt mit seinem Namen.

Da kann es nicht schaden, wenn der Name auch in der Öffentlichkeit wieder etwas präsenter wird. Und so hat Rainer Brüderle nun ein Buch herausgebracht. "Jetzt rede ich!", heißt es. Mit Ausrufezeichen. Es ist ein Buch, in dem einer recht haben will. Nicht diskutieren. Seine Sicht der Dinge "in die Beobachtung einbringen", sagt er. Die "Beobachtung", damit dürfte er die Debatte über die Katastrophe der FDP meinen: dass sie raus ist aus dem Bundestag. 100.000 Stimmen haben gefehlt am Wahlabend. Und nicht wenige sagen in der Debatte, dass Brüderle, der "Spitzenmann" der FDP im Bundestagswahlkampf, eher ein größerer Teil des Problems war denn ein kleinerer.

Er wollte nie Parteichef werden, er wollte auch nicht Fraktionschef werden. Und Spitzenkandidat seiner Partei wollte er eigentlich auch nicht werden. So beschreibt Brüderle es in dem Buch, das aus Interviews mit dem konservativen Publizisten Hugo Müller-Vogg besteht. Nur den Parteivorsitz konnte Brüderle von sich fernhalten.

"Von hinten erschossen: Sexismus-Skandal ohne Sexismus?"

Als er dann aber Spitzenkandidat werden musste, hat der Stern eine Geschichte über Brüderles Eignung für das Amt herausgebracht. In Brüderles 150-Seiten-Buch gibt es dazu ein Kapitel: "Von hinten erschossen: Sexismus-Skandal ohne Sexismus?" Die Frage erübrigt sich. Brüderle würde darauf nie mit Ja antworten.

Die Geschichte beginnt mit einer Begegnung zwischen Brüderle und der Stern-Journalistin Laura Himmelreich an einer Hotelbar. Brüderle soll, das eine oder Glas Wein war schon getrunken, die Dirndltauglichkeit der Brüste von Himmelreich bewertet haben. Es verging ein Jahr, bis die Geschichte erschien. Fortan beschäftigte sich ganz Deutschland mit einer Sexismus-Debatte, auf Twitter machte der Hashtag #aufschrei Furore.

Brüderle hat dazu immer geschwiegen. Keine Entschuldigung, keine Verteidigung, keine Klarstellung. "Kein Kommentar", war seine Standardantwort auf Fragen nach dem Fall.

Jetzt aber redet er. Brüderle und sein Interviewer Müller-Vogg kommen zu der Erkenntnis: Die Journalistin Himmelreich kann am wenigsten dafür. Die Stern-Chefredaktion habe den großen Plan gehabt, Brüderle zu schaden, ihn unmöglich zu machen. Darum habe man dort mindestens ein halbes Jahr mit der Veröffentlichung des Textes von Himmelreich gewartet. Dass im Journalismus jede Geschichte einen Anlass braucht, um sie aufzuschreiben, darauf kommen sie nicht. Wie auch immer es zu der Stern-Geschichte gekommen ist: Danach war Brüderles Kandidatur verbrannt.

Gysi verteidigt Brüderle. Der Linken-Fraktionschef ist da, weil Verlage immer jemanden Interessanten suchen, der ein Buch vorstellt. Und ein Linker wie Gysi ist natürlich besonders interessant, wenn ein Liberaler wie Brüderle ein Buch herausbringt.

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