Süddeutsche Zeitung

Buchvorstellung von Rainer Brüderle:Die Unschuld von der Hotelbar

"Jetzt rede ich!" Mit Ausrufezeichen. In einem Buch bestätigt Rainer Brüderle erstmals die Geschichte über seine sexistischen Bemerkungen im Gespräch mit einer Journalistin. Doch entschuldigen will der Ex-FDP-Spitzenkandidat sich nicht. Denn das wahre Opfer sei ja er.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Rainer Brüderle gießt Gregor Gysi Wasser ein. Von Ex-Fraktionschef zu Fraktionschef quasi. Gysi ist weiterhin ein wichtiger Mann in der Bundespolitik. Brüderle ist inzwischen vor allem Privatmann - und Chef einer Consultingfirma. Rainer Brüderle Consult. Ein Mann wirbt mit seinem Namen.

Da kann es nicht schaden, wenn der Name auch in der Öffentlichkeit wieder etwas präsenter wird. Und so hat Rainer Brüderle nun ein Buch herausgebracht. "Jetzt rede ich!", heißt es. Mit Ausrufezeichen. Es ist ein Buch, in dem einer recht haben will. Nicht diskutieren. Seine Sicht der Dinge "in die Beobachtung einbringen", sagt er. Die "Beobachtung", damit dürfte er die Debatte über die Katastrophe der FDP meinen: dass sie raus ist aus dem Bundestag. 100.000 Stimmen haben gefehlt am Wahlabend. Und nicht wenige sagen in der Debatte, dass Brüderle, der "Spitzenmann" der FDP im Bundestagswahlkampf, eher ein größerer Teil des Problems war denn ein kleinerer.

Er wollte nie Parteichef werden, er wollte auch nicht Fraktionschef werden. Und Spitzenkandidat seiner Partei wollte er eigentlich auch nicht werden. So beschreibt Brüderle es in dem Buch, das aus Interviews mit dem konservativen Publizisten Hugo Müller-Vogg besteht. Nur den Parteivorsitz konnte Brüderle von sich fernhalten.

"Von hinten erschossen: Sexismus-Skandal ohne Sexismus?"

Als er dann aber Spitzenkandidat werden musste, hat der Stern eine Geschichte über Brüderles Eignung für das Amt herausgebracht. In Brüderles 150-Seiten-Buch gibt es dazu ein Kapitel: "Von hinten erschossen: Sexismus-Skandal ohne Sexismus?" Die Frage erübrigt sich. Brüderle würde darauf nie mit Ja antworten.

Die Geschichte beginnt mit einer Begegnung zwischen Brüderle und der Stern-Journalistin Laura Himmelreich an einer Hotelbar. Brüderle soll, das eine oder Glas Wein war schon getrunken, die Dirndltauglichkeit der Brüste von Himmelreich bewertet haben. Es verging ein Jahr, bis die Geschichte erschien. Fortan beschäftigte sich ganz Deutschland mit einer Sexismus-Debatte, auf Twitter machte der Hashtag #aufschrei Furore.

Brüderle hat dazu immer geschwiegen. Keine Entschuldigung, keine Verteidigung, keine Klarstellung. "Kein Kommentar", war seine Standardantwort auf Fragen nach dem Fall.

Jetzt aber redet er. Brüderle und sein Interviewer Müller-Vogg kommen zu der Erkenntnis: Die Journalistin Himmelreich kann am wenigsten dafür. Die Stern-Chefredaktion habe den großen Plan gehabt, Brüderle zu schaden, ihn unmöglich zu machen. Darum habe man dort mindestens ein halbes Jahr mit der Veröffentlichung des Textes von Himmelreich gewartet. Dass im Journalismus jede Geschichte einen Anlass braucht, um sie aufzuschreiben, darauf kommen sie nicht. Wie auch immer es zu der Stern-Geschichte gekommen ist: Danach war Brüderles Kandidatur verbrannt.

Gysi verteidigt Brüderle. Der Linken-Fraktionschef ist da, weil Verlage immer jemanden Interessanten suchen, der ein Buch vorstellt. Und ein Linker wie Gysi ist natürlich besonders interessant, wenn ein Liberaler wie Brüderle ein Buch herausbringt.

Gysi jedenfalls fand schon gut, dass es diese Sexismus-Debatte gab. Weil, und er schließt sich da ein, manche Männer durchaus darauf achten sollten, welche Art von Witzen sie in Gegenwart von Frauen machen. Aber auch er findet: "Das lag nicht an der Journalistin, sondern an der Zeitung." Schuld ist also der Stern. Brüderle nennt die ganze Angelegenheit nur noch die "Stern-Affäre". So leicht kann es sein, Verantwortung für das eigene Tun abzuwälzen.

Einen Grund, sich zu entschuldigen, sieht Brüderle bis heute nicht, sagt er in dem Buch. Dabei bestätigt er erstmals jede einzelne Zeile, die Himmelreich über die Hotelbar-Begegnung geschrieben hat. Himmelreich aber habe sich ja offenkundig nicht belästigt gefühlt, findet Brüderle. Nun, wenn das die Maxime seines Handelns ist, dann hätte er ihr auch einfach mal ein Bein stellen können. Solange sie das nicht stört, war alles richtig.

Es geht aber um mehr in dem Buch. Auch um den Umgang seiner Parteifreunde mit ihm. Brüderle wollte keine Abrechnung mit der alten Parteiführung um den glücklosen Philipp Rösler. Aber "er ist ein bisschen wütend", sagt Gysi auf dem Podium. Er verstehe das. "Da war so viel Frust da, das musste einmal raus."

Gysi wünscht sich ein noch dickeres Buch

Was so im Buch nicht steht: Rösler hat Brüderle am Morgen nach der Niedersachsenwahl 2013 vor dem versammelten Präsidium schlicht über den Tisch gezogen, hat ihm den Parteivorsitz und die Spitzenkandidatur angeboten. Die FDP hatte gerade in Niedersachen sensationelle zehn Prozent eingefahren. Das war Röslers Sieg. Selbst wenn Brüderle gewollt hätte, was er bestreitet, er hätte das Amt in dieser Situation nicht nehmen können. Die Spitzenkandidatur aber musste er übernehmen. Das war klar die Erwartungshaltung seiner Leute.

Im Vier-Augen-Gespräch mit Rösler hat sich Brüderle lediglich beschwert, nicht früher etwas von dem Plan erfahren zu haben, also vor der Präsidiumssitzung.

Brüderle will sich nicht als Opfer sehen, aber als "unfair behandelt". Vom Stern, von Himmelreich, von der FDP, irgendwie von der ganzen Welt. Eigene Fehler? Sind in dem Buch nicht zu finden.

Vielleicht ist das auch zu viel verlangt, die eigene Verantwortung genauer zu umschreiben. Brüderle war mehr als 40 Jahren in der Politik. Immer in der ersten Reihe. So ein Desaster wie 2013 hat er noch nie erlebt.

Gysi hat vorgeschlagen, Brüderle möge doch ein etwas dickeres Buch schreiben. Eines über sein Leben. Eine Biografie.

Brüderle winkt ab: "Dafür bin ich wahrscheinlich noch zu jung." Da ist er wieder, der kokette Brüderle. Er hat ja jetzt Zeit. Auch dafür, weiser zu werden. Und wer weiß, in ein paar Jahren vielleicht ist der Abstand groß genug für eine differenzierte Bewertung seiner eigenen Rolle. Das Buch, das er dann schreiben könnte, wäre vielleicht tatsächlich lesenswert.

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