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Attentäter:Über weibliche Ausnahmen und Erkennungsmerkmale von Attentätern

Warum gibt es dann trotzdem immer wieder Attentäterinnen? Wir sprachen bereits über Tashfeen Malik. Auch die RAF setzte Terroristinnen ein.

Diese Fälle gibt es immer wieder. Unsere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Frauen nur dann zu Gewalt greifen, wenn sie von einer Sache ideologisch absolut überzeugt sind. Dann kommt es auch vor, dass Frauen in Terrororganisationen Führungsrollen übernehmen. Das war zum Beispiel beim "Leuchtenden Pfad" in Peru der Fall (eine maoistische Terrororganisation, nach Schätzungen für etwa 30 000 Morde verantwortlich; Anm. d. Red.). Die Tamilischen Befreiungstiger in Sri Lanka hatten sogar eine weibliche Spezialeinheit, die "Freedom Birds". Das waren bis heute die tödlichsten Selbstmordattentäterinnen.

Warum gibt es diese Ausnahmen kaum bei der Terrormiliz "Islamischer Staat"?

Der IS hat seine Propaganda-Strategie von Anfang an auf junge, psychisch instabile Männer ausgerichtet. Die Videos sind mit martialischer Musik unterlegt. Da sieht man überwiegend Männer, die auf Jeeps durch die Wüste fahren. Frauen werden dagegen als Beute dargestellt. Wer als Mann für den IS kämpft, der kann sich nachher an den Frauen "bedienen". Der IS lebt auch von diesem Bild. Ich halte es aber für sehr gut möglich, dass sich hier in Zukunft etwas verändern wird.

Sie meinen, in Zukunft könnte es mehr Attentäterinnen geben?

Ja. Nach den Anschlägen von Ansbach und Würzburg haben Polizisten im öffentlichen Raum ein Suchmuster im Kopf: Sie suchen nach jungen, dunkelhaarigen Männern mit Rucksäcken. Aus Sicht des IS wäre es sinnvoll, dieses Muster zu durchbrechen. Wir wissen, dass sich auch einige Frauen aus Europa nach Syrien und in den Irak aufgemacht haben, um sich dem IS anzuschließen.

Seit Jahren forschen Sie dazu, wie man Attentäter in Menschenmengen erkennt. Was sind Ihre Erkenntnisse?

Ich bitte um Verständnis, dass ich hier nicht ins Detail gehen kann. Das wäre eine Anleitung für Terroristen, wie sie sich in Zukunft verhalten sollen. Das aber kann man sagen: Ein Attentäter will vor allem nicht auffallen. Er will eine Bombe platzieren, und zwar in dem Augenblick, in dem möglichst viele Menschen getötet werden. Er verhält sich abwartend und bewegt sich langsamer als die übrigen Menschen. Wie in Zeitlupe, gewissermaßen. Er zeigt weniger übliche Verhaltensweisen als alle anderen. Für das geschulte Auge kann ihm genau das zum Verhängnis werden.

Wie sind Sie zu diesen Schlüssen gelangt?

Mein Team und ich haben falsche Attentäter unter realen Bedingungen in den öffentlichen Raum eingeschleust. Ich habe zum Beispiel einen Vortrag im Haus der Wissenschaft in Bremen gehalten. Da waren reichlich Bremer Bürger, die nicht eingeweiht waren. Die Fake-Attentäter, Männer wie Frauen, haben mich dann angegriffen. Sie mussten damit rechnen, jeden Moment von der Polizei festgenommen zu werden. Das erhöht erheblich das Stresslevel und macht die Probanden in dieser Hinsicht mit "echten Attentätern" vergleichbar. Wir haben die Feldversuche mit Videokameras aufgezeichnet und analysiert. Ähnliche Experimente haben wir an Bahnhöfen und am Flughafen Hannover gemacht. Wir haben mehrere Merkmale gefunden, die bei allen Fake-Attentätern identisch waren, egal ob Frauen, Männer, Muslime oder Christen. Diese Merkmale geben wir in Schulungen an Bundespolizisten und andere Sicherheitskräfte weiter.

© SZ.de/pamu/mcs
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