Energie:Renaissance der Atomkraft in Frankreich

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Energie: Die meisten Atomkraftwerke in Frankreich wurden, wie diese Anlage bei Cruas, in den 1970er- bis 1990er-Jahren gebaut und müssten in den kommenden Jahren eigentlich abgeschaltet werden.

Die meisten Atomkraftwerke in Frankreich wurden, wie diese Anlage bei Cruas, in den 1970er- bis 1990er-Jahren gebaut und müssten in den kommenden Jahren eigentlich abgeschaltet werden.

(Foto: Jeff Pachoud/AFP)

Präsident Macron verkündet den Bau neuer Meiler in den kommenden Jahren. Damit geht das Land einen ganz anderen Weg als Deutschland.

Von Thomas Kirchner, München

Nach Jahren, in denen die Atomkraft auch in Frankreich keinen leichten Stand hatte, hat Präsident Emmanuel Macron nun offiziell eine Renaissance dieser Energieform in seinem Land verkündet. Frankreich werde neue Atomkraftwerke bauen, sagte er am Dienstagabend in einer Fernsehansprache: "Um Frankreichs Energieunabhängigkeit zu gewährleisten, die Stromversorgung unseres Landes zu sichern und unser Ziel der Kohlenstoffneutralität im Jahr 2050 zu erreichen, werden wir zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Errichtung von Kernreaktoren in unserem Land wieder aufnehmen."

Zu Einzelheiten, etwa der Zahl der Meiler, der Technik oder dem Zeitplan, äußerte sich Macron nicht. Allerdings ist seit Längerem die Rede von sechs leistungsstarken Reaktoren des Typs EPR2, die zur "dritten Generation" gerechnet werden. Weitere Details werden in den nächsten Wochen erwartet.

Damit geht Frankreich einen dezidiert anderen Weg als Deutschland, das nach der Katastrophe von Fukushima 2011 beschloss, völlig aus der Nuklearenergie auszusteigen. In Frankreich kommen etwa 70 Prozent des im Land produzierten Stroms aus Atomkraftwerken. Der Anteil sollte nach dem Willen von Macrons Vorgänger François Hollande bis 2025 auf 50 Prozent sinken. Macron hat dieses Ziel auf 2035 verschoben, mit der jetzigen Ankündigung lässt es sich kaum zusammenbringen.

Aktuell sind 56 Meiler aktiv in Frankreich. Gebaut überwiegend in den 1970er- bis 1990er-Jahren, müssten die meisten in den kommenden Jahren eigentlich abgeschaltet werden. Deshalb stand eine Grundsatzentscheidung wie in Deutschland an, die Macron nun vorweggenommen hat. Ursprünglich hatte sie erst nach Inbetriebnahme des neuen EPR-Reaktors im bretonischen Flamanville getroffen werden sollen. Mit dessen Bau war 2007 begonnen worden, die Fertigstellung verzögerte sich wegen technischer Probleme aber um Jahre, die Kosten vervierfachten sich fast. Die Inbetriebnahme ist nun für Ende 2022 geplant.

Für Macron ist Atomkraft ein "Trumpf" für Wirtschaft und Umwelt

Macron hatte schon vor einem Jahr in einer Rede deutlich gemacht, dass für ihn kein Weg an einer Wiederaufnahme des Nuklearprogramms vorbeiführe. Die Atomkraft sei ein "Trumpf" für Wirtschaft und Umwelt, sagte er damals. Vor wenigen Wochen, bei der Vorstellung eines Zukunftsplans für "Frankreich 2030", sprach er gar von einem "Glück" für das Land und kündigte an, eine Milliarde Euro in die Erforschung von modularen Miniatomkraftwerken (SMR) zu stecken, die das Unfallrisiko breiter streuen und auch die Entsorgung erleichtern sollen.

Neben dem Umweltaspekt hat Macron mehrmals die energie- und machtpolitische Souveränität betont, die die Atomkraft Frankreich verleihe. Die zivile und die militärische Nutzung gehörten zusammen und verschafften dem Land Respekt und Unabhängigkeit, argumentiert er. Offensichtlich will Macron die Atomkraft auch zum Thema bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl machen und ist, obwohl er seine Kandidatur noch nicht verkündet hat, darauf bedacht, sich von der Konkurrenz nicht überholen zu lassen. Gemäß Umfragen stützt eine Mehrheit der Franzosen den Kurs, ebenso alle Parteien von der rechten Mitte bis zum rechtsextremen Rand. Nur Linke und Grüne verweisen auf die Risiken und die Kosten.

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