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Angebliche Doppelagentin:Aufstieg und Ruhm mit dem Schleiertanz

Ihr Aufstieg im Paris jener Jahre ist schon oft beschrieben worden. Es ist die Geschichte eines Glamour-Girls, das von den Gefälligkeiten einflussreicher Männer profitiert, aber letztlich erstaunlich unabhängig agiert - und sich selbst immer wieder neu erfindet.

Sie versucht sich als Mannequin, als Modell für Maler und als Zirkusreiterin, bevor sie ihre große Chance wittert: mit einem Schleiertanz, wie ihn selbst das Paris der Belle Époque noch nie gesehen hat. Zunächst lässt sie in einem Lokal am Montmartre ihre Hüllen fallen, dann im Salon der einflussreichen Madame Kiréevsky, in Music Halls und in Theatern.

Schwindelerregende Gagen, enorme Ausgaben

Kein Mensch interessiert sich dafür, ob die hochgewachsene Hutmachertochter tatsächlich eine indische Tempeltänzerin ist, ausgestattet mit der Würde und dem Wissen der Brahmanen: Was sie in Interviews von sich gibt, entspringt größtenteils ihrer blühenden Fantasie. Die Beobachter sind sich nicht einmal einig darin, ob die Meisterin der Sinnestäuschung am Ende ihrer Show nackt ist oder ob ein letzter Hauch von Seide auf ihren schlanken Hüften liegt.

Mata Hari nennt sie sich jetzt, auf Javanisch "die Sonne des Tages", die "Morgenröte". Vor allem Männern mit Vermögen erweist sie ihre Gunst: Banker, Fabrikanten, Rechtsanwälte, Diplomaten und höhere Offiziere zählen zu ihren Favoriten. Mata Hari wohnt nun in den teuersten Hotels und treibt die Gagen für ihre Auftritte in schwindelnde Höhen. Enorm sind auch ihre Ausgaben für Friseure, Schmuck und feine Kleider mit Pelzbesatz.

1905 steht sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere; sie tourt in Madrid, in Monte Carlo und in Wien, wo ihr die Kritiker zu Füßen liegen. Zugleich spürt sie, wie vergänglich der Ruhm ist. Zumal ihr Traum zerplatzt, sich dauerhaft als Tänzerin auf der Opernbühne zu etablieren, etwa als Salome in der Oper von Richard Strauss. Längst gibt es eine ganze Reihe von Mata-Hari-Kopien, die sich im Moulin Rouge mindestens so freizügig zeigen wie das Original.

Bei Kriegsausbruch im Sommer 1914 befindet sich die Tänzerin auf der Suche nach neuen Engagements ausgerechnet in Berlin, wo ihr in der Oper "Der Millionendieb" am Metropol-Theater eine Rolle zugesagt worden ist. In ganz Europa gehen die Lichter aus, wie der britische Außenminister Edward Grey zutreffend bemerkt, das Fin de siècle endet in der Katastrophe.

Ohne gültige Aufenthaltspapiere und ohne Gepäck schafft Mata Hari gerade noch die Ausreise in die Niederlande. Dort absolviert sie ein paar Auftritte am Theater und findet in Den Haag eine standesgemäße Bleibe. Doch sie will zurück nach Paris, der Stadt, in der sie berühmt geworden ist.

Auf der Suche nach spendablen Gönnern

Mata Hari, die überzeugte Kosmopolitin, akzeptiert auch jetzt keine Grenzen. Im Dezember 1915 wird sie erstmals von den Briten festgehalten, als sie sich in Folkestone in Südengland nach Frankreich einschiffen will. Bei den britischen Beamten hinterlässt sie einen "ungünstigen Eindruck", prinzipiell scheint man dieser "schönen, verwegenen und modisch gekleideten" Frau (so der offizielle Bericht) alles zuzutrauen. Der Geheimdienst behält sie daher im Auge, denn in Frankreich pflege sie Kontakte zu hochgestellten Persönlichkeiten und vor allem zu "französischen und belgischen Offizieren".

Die Frau mit den vielen Koffern braucht dringend Geld in Kriegszeiten. Auch deshalb reist sie von Ort zu Ort, auf der Suche nach spendablen Gönnern. Im Mai 1916 kommt es, wie Mata Hari später im Prozess zugibt, zu einer schicksalhaften Begegnung mit Carl H. Cramer, dem deutschen Konsul in Amsterdam, der auch für den Geheimdienst arbeitet.

Cramer stattet die Tänzerin mit 20 000 Francs aus - als Vorschuss für Informationen, die Mata Hari an die Deutschen weiterleiten soll. "H-21" lautet ihr Agentenname, doch die Dame von Welt hat offenbar kein besonderes Interesse am Geheimnisverrat, sie interessiert sich eher für geheimnisvolle Gentlemen.

Dass sie die unsichtbare Tinte, die sie für ihre Briefe an die Deutschen aus Sicherheitsgründen verwenden soll, sofort wegwirft, kann man in jeder Mata-Hari-Biografie lesen. Genauso wie die angebliche Unterweisung durch die deutsche Top-Spionin Elsbeth Schragmüller, genannt Fräulein Doktor, die an der Naivität von Mata Hari schier verzweifelt sein soll, wenn die Geschichte denn stimmt.

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