Süddeutsche Zeitung

Angebliche Doppelagentin:Mata Hari, Frau der Extreme

Vor hundert Jahren wurde sie als angebliche Doppelagentin hingerichtet. Über eine abenteuerlustige Romantikerin, die sich selbst erfand.

Von Christian Mayer

Wie sie glitzert und funkelt, als sie unter orientalischen Klängen auf der Bühne erscheint, nur grenzwertig verhüllt in einen schier unendlichen Schleier und gekrönt mit dem messerschärfsten Kopfschmuck der Filmgeschichte. Greta Garbo im Filmklassiker "Mata Hari" aus dem Jahr 1931, das ist noch immer ein Triumph weiblicher Verführungskraft.

Spätestens bei ihrem Tempeltanz, der dem Gott Shiva gewidmet ist, verwandelt sich Greta Garbo in eine Göttin, während ihr die festlich gekleideten Herren im Publikum geradezu fassungslos zuschauen. Es sind selbstverständlich Herren aus den besten Kreisen der Pariser Gesellschaft, in der sich diese Dame mit spielerischer Leichtigkeit bewegt.

Abgesehen von der Tatsache, dass die Schauspielerin Greta Garbo für ihr goldenes Haar bewundert wurde und die Exzentrikerin Margaretha Geertruida MacLeod dunkle Haare hatte: Große Verwandlungskünstlerinnen waren sie beide, Ikonen sind sie bis heute. Und beide spielten sie Mata Hari, eine im Film und die andere im richtigen Leben. Die schönste Spionin der Geschichte, die sich vor genau hundert Jahren in ihrem eigenen Netz aus Erfindungen und Beziehungen verstrickte und, nach einem spektakulären Prozess, am 15. Oktober 1917 hingerichtet wurde.

Wer war diese Frau, die bis heute Anlass für wilde Spekulationen ist? Und was bleibt, nach heutigem Kenntnisstand, noch übrig von den ungeheuerlichen Anschuldigungen des französischen Militärgerichts, Mata Hari habe als Doppelagentin wichtige Informationen an die Deutschen verraten und damit das Leben von 50 000 französischen Soldaten im Ersten Weltkrieg aufs Spiel gesetzt?

Biografen, Historiker und Juristen haben sich schon immer schwer mit ihr getan. Was auch daran liegt, dass Mata Hari selbst ihre Biografie nach Belieben veränderte und den Männern gerne Märchen erzählte.

Leichter haben es die Romanautoren. Gerade erst hat Paulo Coelho ihr Leben in eine etwas maue Heldengeschichte verpackt: In seinem Buch "Die Spionin" lässt er Mata Hari selbst ihr Schicksal erzählen. Sie ist bei ihm eine moderne Abenteurerin auf der Suche nach Schönheit und Liebe, die schließlich von den Männern zur Strecke gebracht wird, weil sie zu selbständig geworden ist.

"Ich war nicht auf der Suche nach Glück", lässt der Autor seine Heldin sagen, "sondern nach dem, was die Franzosen la vraie vie nennen, mit abwechselnd unsagbar schönen und unsagbar traurigen Zeiten, mit Loyalitäten und Verrat, mit angstvollen und friedvollen Momenten".

Angezogen von Männern in Uniform

Eine Frau der Extreme also. Eine Flaneurin, die am Abgrund entlangspaziert. Wie sagt doch ein französischer Offizier im Film "Mata Hari", bevor Greta Garbo die Bühne betritt? "Some dance and some die." - "And some will do both", ergänzt sein Kollege. Einige tanzen, einige sterben, und einige werden beides tun, in diesem Krieg.

Als Tochter eines Hutmachers kommt Margaretha Zelle 1876 im westfriesischen Leeuwarden zur Welt. Ihr Vater brachte es zu einigem Wohlstand und einem herrschaftlichen Stadtpalais, ging dann aber mit Spekulationsgeschäften pleite. Die junge Margaretha lernt über eine Zeitungsannonce ihren künftigen Ehemann kennen, den zwanzig Jahre älteren niederländischen Kolonialoffizier John MacLeod. Von Männern in Uniform fühlt sie sich wohl damals schon angezogen, das wird so bleiben bis zum dramatischen Ende. Sehr bald kommt ein Sohn zur Welt.

Glücklich wird das Paar allerdings nicht, seit es mit dem Dampfer nach Java, in die Kolonie Niederländisch-Indien, gereist ist, wo der Ehemann im Rang eines Majors dient. Die Ehe gilt bereits als zerrüttet, als Margaretha noch ein Mädchen bekommt und der Sohn an den Folgen einer Vergiftung stirbt - möglicherweise ein Anschlag, hinter dem eine zornige Hausangestellte steckt.

Anfangs genießt Margaretha, wenn man ihren eigenen Berichten glauben möchte, das kulturelle Leben in der Kolonie, sie gibt sogar ihr Debüt als Schauspielerin. Doch nach der Rückkehr in die Niederlande 1902 trennt sich das Paar. Margaretha versucht ihr Glück in der Stadt ihrer Träume.

Aufstieg und Ruhm mit dem Schleiertanz

Ihr Aufstieg im Paris jener Jahre ist schon oft beschrieben worden. Es ist die Geschichte eines Glamour-Girls, das von den Gefälligkeiten einflussreicher Männer profitiert, aber letztlich erstaunlich unabhängig agiert - und sich selbst immer wieder neu erfindet.

Sie versucht sich als Mannequin, als Modell für Maler und als Zirkusreiterin, bevor sie ihre große Chance wittert: mit einem Schleiertanz, wie ihn selbst das Paris der Belle Époque noch nie gesehen hat. Zunächst lässt sie in einem Lokal am Montmartre ihre Hüllen fallen, dann im Salon der einflussreichen Madame Kiréevsky, in Music Halls und in Theatern.

Schwindelerregende Gagen, enorme Ausgaben

Kein Mensch interessiert sich dafür, ob die hochgewachsene Hutmachertochter tatsächlich eine indische Tempeltänzerin ist, ausgestattet mit der Würde und dem Wissen der Brahmanen: Was sie in Interviews von sich gibt, entspringt größtenteils ihrer blühenden Fantasie. Die Beobachter sind sich nicht einmal einig darin, ob die Meisterin der Sinnestäuschung am Ende ihrer Show nackt ist oder ob ein letzter Hauch von Seide auf ihren schlanken Hüften liegt.

Mata Hari nennt sie sich jetzt, auf Javanisch "die Sonne des Tages", die "Morgenröte". Vor allem Männern mit Vermögen erweist sie ihre Gunst: Banker, Fabrikanten, Rechtsanwälte, Diplomaten und höhere Offiziere zählen zu ihren Favoriten. Mata Hari wohnt nun in den teuersten Hotels und treibt die Gagen für ihre Auftritte in schwindelnde Höhen. Enorm sind auch ihre Ausgaben für Friseure, Schmuck und feine Kleider mit Pelzbesatz.

1905 steht sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere; sie tourt in Madrid, in Monte Carlo und in Wien, wo ihr die Kritiker zu Füßen liegen. Zugleich spürt sie, wie vergänglich der Ruhm ist. Zumal ihr Traum zerplatzt, sich dauerhaft als Tänzerin auf der Opernbühne zu etablieren, etwa als Salome in der Oper von Richard Strauss. Längst gibt es eine ganze Reihe von Mata-Hari-Kopien, die sich im Moulin Rouge mindestens so freizügig zeigen wie das Original.

Bei Kriegsausbruch im Sommer 1914 befindet sich die Tänzerin auf der Suche nach neuen Engagements ausgerechnet in Berlin, wo ihr in der Oper "Der Millionendieb" am Metropol-Theater eine Rolle zugesagt worden ist. In ganz Europa gehen die Lichter aus, wie der britische Außenminister Edward Grey zutreffend bemerkt, das Fin de siècle endet in der Katastrophe.

Ohne gültige Aufenthaltspapiere und ohne Gepäck schafft Mata Hari gerade noch die Ausreise in die Niederlande. Dort absolviert sie ein paar Auftritte am Theater und findet in Den Haag eine standesgemäße Bleibe. Doch sie will zurück nach Paris, der Stadt, in der sie berühmt geworden ist.

Auf der Suche nach spendablen Gönnern

Mata Hari, die überzeugte Kosmopolitin, akzeptiert auch jetzt keine Grenzen. Im Dezember 1915 wird sie erstmals von den Briten festgehalten, als sie sich in Folkestone in Südengland nach Frankreich einschiffen will. Bei den britischen Beamten hinterlässt sie einen "ungünstigen Eindruck", prinzipiell scheint man dieser "schönen, verwegenen und modisch gekleideten" Frau (so der offizielle Bericht) alles zuzutrauen. Der Geheimdienst behält sie daher im Auge, denn in Frankreich pflege sie Kontakte zu hochgestellten Persönlichkeiten und vor allem zu "französischen und belgischen Offizieren".

Die Frau mit den vielen Koffern braucht dringend Geld in Kriegszeiten. Auch deshalb reist sie von Ort zu Ort, auf der Suche nach spendablen Gönnern. Im Mai 1916 kommt es, wie Mata Hari später im Prozess zugibt, zu einer schicksalhaften Begegnung mit Carl H. Cramer, dem deutschen Konsul in Amsterdam, der auch für den Geheimdienst arbeitet.

Cramer stattet die Tänzerin mit 20 000 Francs aus - als Vorschuss für Informationen, die Mata Hari an die Deutschen weiterleiten soll. "H-21" lautet ihr Agentenname, doch die Dame von Welt hat offenbar kein besonderes Interesse am Geheimnisverrat, sie interessiert sich eher für geheimnisvolle Gentlemen.

Dass sie die unsichtbare Tinte, die sie für ihre Briefe an die Deutschen aus Sicherheitsgründen verwenden soll, sofort wegwirft, kann man in jeder Mata-Hari-Biografie lesen. Genauso wie die angebliche Unterweisung durch die deutsche Top-Spionin Elsbeth Schragmüller, genannt Fräulein Doktor, die an der Naivität von Mata Hari schier verzweifelt sein soll, wenn die Geschichte denn stimmt.

Idealbesetzung für die Rolle der treulosen Doppelagentin

Der französische Geheimdienst ist von den Briten längst auf sie aufmerksam gemacht worden, als sie im August 1916 beim Leiter der französischen Spionageabwehr, George Ladoux, eine Sondergenehmigung für eine Reise nach Vittel in der Nähe der Front beantragt. Sie will dort ihren jungen Geliebten Vadime de Massloff treffen, angeblich die große Liebe ihres Lebens. Ladoux nutzt den Köder: Er lässt sie nach Vittel fahren, aber erst nachdem Mata Hari ihm zugesichert hat, für den französischen Geheimdienst zu spionieren.

Bei einem weiteren Treffen im Deuxième Bureau, der Zentrale des Auslandsnachrichtendienstes in Paris, verlangt Mata Hari die absurde Summe von einer Million Francs. Ladoux reagiert zögerlich und spielt auf Zeit, aber eigentlich ist er genervt: Die Dame berichte lediglich Klatschgeschichten, klagt er.

Doch auch Klatsch kann gefährlich sein, wenn Krieg herrscht. Während das Massensterben an der Front weitergeht, wachsen die inneren Spannungen in Frankreich; Gerüchte über Saboteure und Spione fallen auf fruchtbaren Boden. Weil Mata Hari dem französischen Geheimdienst etwas Brauchbares liefern will, um an das erhoffte Geld zu gelangen, fängt sie in Madrid eine Affäre mit dem deutschen Militärattaché Arnold Kalle an.

Doch dieser durchschaut ihr doppeltes Spiel. Obwohl er weiß, dass die Franzosen seine Nachrichten entschlüsseln können, schickt er ein Telegramm nach Berlin, aus dem klar hervorgeht, dass Agent H-21 von den Deutschen bezahlt wird.

Mata Hari will die Gefahr, in der sie schwebt, nicht wahrhaben. Im November 1916 wird sie auf der Schiffsreise von Spanien nach Holland mit der deutschen Spionin Clara Benedix verwechselt. Erneut wird sie vom britischen Geheimdienst MI 5 verhört und danach als verdächtige Person nach Spanien zurückgeschickt. Offenbar reichen weder den Briten noch den Franzosen die Beweise für eine aktive Agententätigkeit von Mata Hari aus.

Am 3. Januar 1917 darf sie mit dem Wissen der Behörden nach Paris einreisen. Der französische Geheimdienst lässt sie nun dauerhaft observieren. Am 13. Februar wird sie im Élysée Palace Hotel festgenommen und ins berüchtigte Frauengefängnis Saint-Lazare gebracht.

Dem französischen Staat kommt die spektakuläre Festnahme sehr gelegen. Im Frühjahr 1917 steht es nach missglückten Operationen an der Front schlecht um die Moral der Truppe. An Mata Hari kann man ein Exempel statuieren. Eine geschiedene Ausländerin, bekannt als Kurtisane und Nackttänzerin - eine bessere Besetzung für die Rolle der treulosen Doppelagentin kann es kaum geben.

Eine Augenbinde bei der Hinrichtung lehnt sie ab

Am 24. Juli 1917 beginnt im Pariser Justizpalast der Prozess vor dem Militärgerichts. Als Ankläger fungiert Leutnant André Mornet. Weil er wenig Substanzielles vorzuweisen hat, bemüht er sich, Mata Hari als Verschwenderin und Femme fatale darzustellen. Ihrem Anwalt, dem 74-jährigen Eduart Clunet, gelingt es nicht, den Hauptvorwurf zu entkräften, sie sei Schuld am Tod eines Agenten.

Mata Hari kann man jetzt alles in die Schuhe schieben. In der Presse kursiert das Gerücht, sie habe den Deutschen geheime Informationen über den Bau der neuartigen Panzer zugespielt, mit denen die Alliierten dem Krieg eine entscheidende Wende geben wollten. Eine absurde Behauptung, die sogar die seriöse New York Times aufgreift.

Am 25. Juli 1917 fällt nach nur zwei Verhandlungstagen das Urteil: Margaretha Geertruida Zelle wird wegen Doppelspionage und Hochverrats zum Tode verurteilt. Bei ihrer Erschießung am 15. Oktober im Festungsgraben von Schloss Vincennes erweist sie sich als mutige Frau. Sie lehnt es ab, eine Augenbinde zu tragen, heißt es in Presseberichten.

Auch nach ihrem Tod kursieren haarsträubende Geschichten über Mata Hari, "die finstere Salome". Ist ihr Schädel, der lange Zeit in der medizinischen Fakultät der Sorbonne aufbewahrt wurde, wirklich gestohlen worden? Tatsache ist, dass Mata Hari noch immer viele Rätsel aufgibt. Für die Historiker könnte es spannend werden, wenn der französische Staat die Gerichtsakten nach 100 Jahren freigibt. Vielleicht ist es dann Zeit für eine Rehabilitation.

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Quelle:
SZ vom 07.01.2017/lalse/gal/odg
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