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Analyse zur NRW-Wahl:Es geht um die Moral der Truppen

Ein Testlauf für den Bund? "Das sehe ich nicht so", sagt auch Merkel. Es ist durchaus bemerkenswert, wie einig sich Kanzlerin und Herausforderer da sind - nur die Motive sind völlig unterschiedlich.

Merkel hat 2017 schon zwei Landtagswahlen gewonnen. Überraschend. Und überraschend deutlich. Sie würde auch in Nordrhein-Westfalen gerne siegen. Muss aber nicht. Schulz hat für die SPD wochenlang gute Stimmung gemacht, aber zu wenig Stimmen gebracht. Er darf nicht verlieren. Schon gar nicht in Nordrhein-Westfalen. "Herzkammer der Sozialdemokratie", hat SPD-Generalsekretärin Katarina Barley NRW am Montag genannt. Am Freitag werden zwei Umfragen bekannt, in denen die CDU einen Prozentpunkt vor der SPD liegt. "Herzkammer der Sozialdemokratie", wiederholt Angela Merkel bei einem Auftritt in Düsseldorf fast genüsslich.

Merkel und Schulz droht Gefahr: Wenn die CDU in NRW tatsächlich vor der SPD landet, dann könnte es sein, dass sich die Christdemokraten im Bund bis September auf die faule Haut legen: Was soll jetzt noch schiefgehen? Wenn die SPD in NRW tatsächlich hinter der CDU landet, könnte es sein, dass die Sozialdemokraten im Bund alle Hoffnung fahren lassen: Was soll uns jetzt noch retten? Zumal in der jüngsten ARD-Umfrage zur Bundestagswahl die Union mit 37 zu 27 Prozent führt. Merkel muss den Übermut fürchten, Schulz fast schon um das politische Überleben. Es stimmt: In NRW geht es nicht um die Macht im Bund - es geht um die Moral der Truppen.

Zurück in Haltern. Merkel ist inzwischen besser in Fahrt. Zu hohe Schulden, zu schlechte Bildung, zu lange Staus, zu wenig Sicherheit. Merkel tut in NRW das, was die CDU im Bund der SPD vorwirft: Sie redet das Land schlecht. Hemmungslos. Viermal nennt sie Bayern als Vorbild. Bayern, das einzige Land, in dem es die CDU gar nicht gibt. Man könnte meinen, die Kanzlerin wolle den monatelangen Zwist mit CSU-Chef Horst Seehofer über die Flüchtlingspolitik binnen Minuten wegreden.

Die Flüchtlingspolitik. Im Portal der katholischen Sankt-Sixtus-Kirche zu Haltern hängt ein Plakat: "Wir schaffen's immer noch." Es ist eine Anspielung auf Merkels Satz, den sie nicht mehr sagt. Das Thema selbst umgeht sie nicht. Die Aufgabe habe "unser Land wirklich gefordert", sagt sie. Und viele hätten angepackt. Es wird applaudiert, aber verhalten. "Da klatsch' ich nicht", sagt der ältere Herr zu seinem Nebenmann. "Ne, musste nich' bei allem klatschen", antwortet der.

Von der Kulisse her hält der Tag für Martin Schulz noch eine Steigerung bereit. Jetzt darf er von der Bühne aus auf die Fassade des Aachener Rathauses blicken, was inspirierender wirkt als die Leverkusener Fußgängerzone. Vor der Bühne stehen vielleicht 600 Menschen, doch auch hier läuft die Sache für Schulz nicht von selbst.

Man kann das gut an seinen Bundeskanzler-Sätzen festmachen. In jede seiner Reden streut Schulz Sätze ein, die so beginnen: "Wenn ich Bundeskanzler bin ..." Als er gerade zum Kandidaten gekürt worden war, erzeugte er damit bei seinem Publikum noch ungläubiges Staunen: Der traut sich was. In den Wochen danach, als die Umfragewerte der SPD stiegen, verfiel das sozialdemokratische Publikum bei diesem Halbsatz fast der Raserei. Nun plötzlich wirken die Bundeskanzler-Sätze seltsam.

Martin Schulz tourte durch die Innenstadt von Leverkusen.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Das merkt auch Schulz. Vor ein paar Wochen hat er sie hinausposaunt, jetzt wirkt es, als wolle er sie schnell hinter sich bringen. Eine Ausnahme gibt es: beim Thema Europa, als er ankündigt, nach einem Wahlsieg mit dem neuen französischen Präsidenten die EU zu stärken. Da klingt plötzlich die alte Zuversicht durch, und da gibt es auch den stärksten Applaus. Dann ist es vorbei, die örtliche Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt peitscht noch mal ein: "Macht mit, lauft, nehmt jeder noch zehn Leute mit!" So geht Endspurt.

In Haltern ist auch Merkel fertig. Es war bestimmt keine Rede, die Armin Laschet entscheidende Punkte bringt. Der Chef des CDU-Bezirksverbandes Ruhrgebiet, Oliver Wittke, ergreift das Wort. Er dankt den Helfern, der Polizei, der Blaskapelle und Angela Merkel. Wittke sagt: In einer Welt aus den Fugen, bei all den Trumps und Putins, "da tut es richtig gut, einen solchen Stabilitätsanker an der Spitze des Landes zu wissen". Und da passiert es. Plötzlich begeistert sich das Publikum. Hunderte Menschen jubeln wie nicht ein einziges Mal vorher an diesem Tag. In einer Umfrage zur Schleswig-Holstein-Wahl stimmten mehr als 70 Prozent aller Befragten und mehr als 80 Prozent der CDU-Wähler dem Satz zu: "Angela Merkel sorgt dafür, dass es uns in unsicheren Zeiten gutgeht." In Haltern ahnt man, dass das nicht nur Schleswig-Holsteiner so sehen. Was muss sie da noch gute Reden halten?

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