US-Kongress Von der Kellnerin zur Kongressabgeordneten

Vor kurzem twitterte Eddie Scarry, konservativer Journalist des Washington Examiner, ein Foto der 29-Jährigen und schrieb dazu: "Ich sag euch was: dieses Jacket und dieser Mantel sehen nicht aus, als würden sie einem Mädchen gehören, das sich abkämpfen muss". Kurz darauf schlug Ocasio-Cortez auf Twitter zurück. Als der Journalist daraufhin seinen Tweet löschte, trat sie noch einmal nach: "Oh, denkt Eddie Scarry etwa, er kann seine Frauenfeindlichkeit ohne eine Entschuldigung löschen?"

Als sie der ehemalige Gouverneur von Arkansas, Mike Huckabee, auf Twitter kritisierte, erwiderte sie trocken: "Überlassen Sie die falschen Aussagen Sarah Huckabee [seiner Tochter und Pressesprecherin des Weißen Hauses, Anm. d. Red.]. Sie ist darin viel besser. Außerdem, Sie sind schon seit mehr als zehn Jahren kein Gouverneur mehr in irgendeinem Bundesstaat."

Progressive US-Medien feiern Ocasio-Cortez, was manchmal erstaunliche Vergleiche zeitigt. Erinnert sie mit ihren schwarzen, im Nacken zusammengebundenen Haaren und ihrem roten Lippenstift nicht an die Malerin und linke Aktivistin Frida Kahlo, fragen schon mal Online-Frauenmagazine wie Refinery29. Und Lifestyle-Zeitschriften wie Teen Vogue oder New York Magazine legen den Leserinnen begeistert ihren Lippenstift (Farbton "Beso", spanisch für Kuss) ans Herz.

Dem Vergleich mit Frida Kahlo würden auch konservative Kanäle wie Fox News zustimmen, war die mexikanische Malerin doch überzeugte Kommunistin. Der Nachrichtensender begleitet Ocasio-Cortez mit beinahe fanatischer Aufmerksamkeit und macht sie zum Symbol dafür, dass die Demokraten den Verstand verloren haben. Eine Linksextremistin sei sie, ja eine Neo-Kommunistin mit dem Ziel, die USA in ein zweites Venezuela zu verwandeln.

Als Polit-Neuling bietet die 29-Jährige auch genügend Angriffsfläche. Etwa als sie bei einer Frage nach Israel von "der Besetzung Palästinas" sprach. Und ihre Behauptung, im Pentagon gingen wegen eines Buchhaltungsfehler 21 Billionen Dollar ab (genug, um eine Krankenversicherung für alle zu finanzieren), erwies sich ebenfalls als Falschinformation.

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Wichtiges Projekt ist der "Green New Deal" gegen den Klimawandel

Dennoch entspricht der Aufstieg der Latina, deren Eltern aus Puerto Rico stammen und die in der Bronx aufgewachsen ist, durchaus dem amerikanischen Traum: Von der Einwanderertochter und Kellnerin zur Kongressabgeordneten, eine solche Karriere ist selten in der Politik, die inzwischen vorwiegend eine Sache der Gutbetuchten ist.

Allerdings täuscht diese Erzählung darüber hinweg, dass Ocasio-Cortez keine völlige Quereinsteigerin ist. 2011 hat sie ihren Abschluss in Wirtschaft und Internationalen Beziehungen an der Boston University gemacht. Sie war Praktikantin beim inzwischen verstorbenen Senator Ted Kennedy und hat Bernie Sanders 2016 im Wahlkampf unterstützt. Sanders inspirierte auch ihre politische Agenda: Wie Sanders fordert Ocasio-Cortez eine Krankenversicherung für alle Amerikaner, ein gebührenfreies Universitätsstudium, einen gesetzlichen Mindestlohn und die Abschaffung der Grenzschutzbehörde ICE.

Ihr wichtiges Projekt ist aber der "Green New Deal", ein Maßnahmenpaket gegen den Klimawandel. Der von ihr wiederbelebte Plan sieht vor, die USA bis 2035 zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen. Vergleichbar sei das nur mit dem Marshall-Plan nach dem zweiten Weltkrieg, diktierte sie Reportern in die Blöcke. "Wir müssen wieder in die Entwicklung, Herstellung, Bereitstellung und Verteilung von Energie investieren, diesmal jedoch mit grüner Energie", so Ocasio-Cortez.

Einige progressive Abgeordnete unterstützen das Vorhaben. Ihre Forderung, dafür ein 15-köpfiges Komitee im Repräsentantenhaus zu installieren, stößt allerdings auf deutlich reservierte Reaktionen.

Darin zeigt sich der Zwiespalt, der Ocasio-Cortez begleiten wird. Mit ihrem Star-Appeal und Charisma kann sie die Botschaft der Demokraten einem Massenpublikum nahebringen. Doch eigentlich möchte sie eine radikalere Politik als die Fraktion und sich von der Parteimitte abgrenzen. Ego, Idealismus, Radikalismus und der Zwang zur parteilichen Geschlossenheit treffen aufeinander. Und 2020 wartet nichts anderes als eine Schicksalwahl, in der die Demokraten das Weiße Haus zurückerobern wollen.

Ein Verdienst kann ihr in dieser Hinsicht niemand mehr nehmen: Sie hat der nach dem Wahlsieg Donald Trumps paralysierten Partei einen kleinen Euphorieschub verpasst. Und wie 2016 schon Bernie Sanders spricht sie die so dringend benötigten Millennials an - nur ist Ocasio-Cortez selbst eine von ihnen.

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