105-jährige Zeitzeugin Das letzte Kriegsjahr war das schlimmste

Das Geld war knapp, der Hunger ein ständiger Begleiter, je länger der Krieg dauerte. Oft standen die Kinder mit knurrenden Mägen am Fenster und warteten auf die Mutter. "Das war nicht immer einfach und die Mama wollte auch mal was essen", sagt Dyck. Die schlimmsten Erinnerungen habe sie an 1918, das letzte Kriegsjahr, und an schlechtes Schwarzbrot. "Das war scheußliches Zeug, das klebte an der Zunge, wenn man da reingebissen hat."

Ihre spätere Schwiegermutter habe im Ersten Weltkrieg morgens immer Kohlrüben gegessen, damit der Magen voll wurde, erzählt Dyck. Was auf den zugeteilten Essensmarken stand, bekamen ihre Kinder. Als die Familie entdeckte, dass die alte Frau unterernährt war, hatte sie bereits einen Buckel vom Nährstoffmangel.

Gertrud Dyck und ihr Mann Gerhard 1935 mit der ersten Tochter Margarete.

(Foto: Daniel Hofer)

Neben dem knurrenden Magen gehörte auch die Kälte zur Kindheit im Krieg. Wenn ihre Kinder froren, musste Lina Bandow improvisieren. Sie manipulierte den Gas-Zähler.

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Zeitzeugin Gertrud Dyck

Not macht erfinderisch

Mutter Lina Bandow bewegte sich in ihrer Verzweiflung am Rande der Legalität - und hatte Glück.

Und dann war da die Sorge um den Vater. Jeder Brief wurde sehnlichst erwartet. Aus Belgien schrieb er von erwachsenen Männern, die auf der Straße Murmeln spielten. Heute noch schüttelt Dyck vergnügt den Kopf, Boule kannten sie in Friedrichshain damals nicht. Einmal im Jahr durften die Soldaten nach Hause. Beim letzten Heimaturlaub des Vaters im November 1918 hatte die Familie Glück. Am Tag vor seiner Rückkehr zur Truppe schwiegen die Waffen an den Fronten.

Mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 endeten die Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg. Zuvor hatten im Reich die Arbeiter und Soldaten revoltiert. Die Republik wurde ausgerufen, Kaiser Wilhelm II. und die anderen deutschen Fürsten dankten ab. Eine Zeitenwende. In den Straßen von Berlin herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Linke und Rechte bekämpften sich, die Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden ermordet.

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Zeitzeugin Gertrud Dyck

Der Krieg ist vorbei

Umsturz? Revolution? In die Welt der Kinder drang davon kaum etwas.

Gertrud Dyck will von alledem nichts mitbekommen haben. Ein "Revolutiönchen" sei das gewesen, behauptet sie. "So wild war das nicht". Der Familie war anderes wichtig. "Wir waren vor allem froh, dass der Papa wieder da war", so empfand es die damals Zehnjährige. Politik habe zu Hause sowieso nie eine Rolle gespielt, sagt Dyck heute und blickt auf ihre Hände. Kapitalisten seien ihre Eltern keine gewesen, eher ein bisschen links, SPD-Klientel.

Gertrud Dyck spricht von den Kriegsjahren. 1922 stirbt der Vater, schon als junges Mädchen muss sie erwachsen werden.

(Foto: Daniel Hofer)

Die Kindheit endete, als der Vater starb

Geld für einen Teppich hatten sie nicht, also malte ihr Vater einfach einen Perser auf den Wohnzimmerboden. "Den Papa" idealisiert die alte Dame auch mit 105 Jahren, wie es viele Mädchen tun, besonders wenn sie sich früh von ihrem Vater trennen mussten. Der Vater, der sang, wenn er Bilder malte, weil es keine Aufträge gab. Die Wände in dem kleinen Altenheimzimmer sind voll von seinen Bildern. "Wir hatten sogar eine nackte Jungfrau im Flur hängen", sagt Gertrud Dyck und gluckst vergnügt. "Eine nackte Frau, die aus dem Wasser steigt."

Das Glück, dass der Vater den Krieg überlebt hatte, währte nicht lange. Fritz Bandow starb an einem Schlaganfall, als seine Tochter 14 Jahre alt war. Die Tränen kann sie auch 90 Jahre später kaum zurückhalten. Mit dem Tod des Vaters endete 1922 ihre Kindheit, sie brach die höhere Schule ab. "Ich wollte unbedingt Geld verdienen und die Mama unterstützen."

Kriegsausbruch 1914

Mit Hurra ins große Gemetzel

Sie begann eine Ausbildung im Konfektionshaus "Leffmann und Loewenstein", deren Eigentümer jüdische Deutsche waren. Neun Jahre blieb Dyck dort. Mit 18 lernte sie ihren Mann Gerhard kennen, mit 22 heiratete sie ihn und gab ihren Job auf. Was aus den Kaufleuten wurde, weiß die alte Dame nicht genau. Einer der beiden sei nach Palästina ausgewandert, sagt sie, "das war ein intelligenter Mann, der traute den Nazis nicht." Sein Kollege blieb. Er glaubte, dass ihn der Dienst fürs Vaterland im Ersten Weltkrieg und das Eiserne Kreuz schützen würden.

Als der Kaufmann Gertrud Dyck anschrieb, um sie zurück in die Firma zu holen, schritt Ehemann Gerhard ein. Wohl, weil er nicht wollte, dass sie nun, in der Diktatur, bei einem Juden arbeitet. Die Brisanz hinter dem Veto ihres Mannes lacht die alte Dame heute weg. "Da hat er gesagt, er könne seine Frau ja wohl alleine ernähren - so hieß das damals, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen."

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Zeitzeugin Gertrud Dyck

In Rixdorf ist Musike...

Gertrud Dyck hat immer gern gesungen, war schon als Kind der Sonnenschein der Familie. Die Schlager kennt sie auch 100 Jahre später noch.

Für Juden zu arbeiten war gefährlich. Nur eine Notiz in der Datenbank der Jüdischen Gewerbebetriebe Berlins, verwaltet von der Humboldt-Universität, ist von der Firma geblieben: Leffmann & Loewenstein, Modellkonfektion (Textil und Bekleidung), Eingetragen 1910, Liquidiert: 1934.