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Klimawandel in den Alpen:"Es gibt eine Aufrüstungsspirale in den Skigebieten"

"Ein Paradebeispiel für fehlgeleiteten Tourismus": Tobias Hipp vom DAV zur umstrittenen Kitzbüheler Skipiste bei 20 Grad Plus im Oktober.

(Foto: Joe Klamar/AFP)

Die Alpen erwärmen sich stärker als andere Regionen, dennoch erweitern Ski-Orte ihre Pisten und Anlagen. Tobias Hipp vom Deutschen Alpenverein spricht über den Kampf zwischen Wirtschaftsinteressen und Naturschutz.

Der Deutsche Alpenverein (DAV) hat eine Resolution verabschiedet, in der er die Politik zum Handeln gegen den Klimawandel auffordert. Zudem steuern die etwa 1,3 Millionen Mitglieder von nun an über ihren Jahresbeitrag einen Euro pro Jahr als "Klima-Soli" bei, das Geld fließt in einen Fonds, aus dem Klimaschutzprojekte finanziert werden sollen. Tobias Hipp, 37, ist Doktor der Geografie und im DAV Experte für Skigebietserschließung, Gletscher und Klimawandel.

SZ: Herr Hipp, wer sich in den Alpen bewegt, bemerkt den Klimawandel seit Langem. Wieso startet der DAV jetzt eine neue Initiative?

Die Verkleinerung der Gletscher kennen wir Bergsteiger, er ist aber nur ein Teil des Phänomens Klimawandel in den Alpen. Hier sind wir bereits bei 1,8 bis 2,0 Grad Celsius Erwärmung, also etwa doppelt so hoch wie im globalen Mittel. Der Permafrost taut, es wächst die Gefahr von Steinschlag, von Überflutungen in den Tälern und einigem mehr. Die Alpen sind eine der am stärksten betroffenen Regionen. Wir sehen unsere Verantwortung, auf die Veränderungen aufmerksam zu machen.

Was planen Sie mit dem "Klima-Soli", der immerhin etwa eine Million Euro pro Jahr einbringt?

Wir wollen im Bereich Bergsport die CO₂-Emissionen reduzieren, also unseren Teil zur Lösung des Problems beisteuern. Bis Juli 2020 erarbeiten wir ein Konzept. Die Hauptaufgaben sind dabei Einsparungen im Bereich alpiner Infrastruktur und im Bereich Mobilität. Denn wir Bergsportler müssen alle irgendwie in die Berge kommen und sorgen dort heute für ein Verkehrsproblem. Die Anbindungen durch Bus und Bahn müssen verbessert werden und wir brauchen andere Verkehrslösungen in den Tälern.

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Bisher deutet wenig auf Klima- und Umweltschutz hin. Auf Skipisten stehen überall Beschneiungsanlagen mit künstlichen Seen als Wasserspeicher. Die Lifte werden größer und schneller, unten sind riesige Parkplätze, Spaßbäder und Luxushotels.

Das ist ein Dilemma. Es gibt eine Aufrüstungsspirale in den Skigebieten und die wird teilweise noch intensiviert. Gleichzeitig sehen wir, dass es der klassische Wintertourismus in Zukunft immer schwieriger haben wird und vor großen Herausforderungen steht. Die Prognosen zum Klimawandel sind hier eindeutig. Die Dauer der jährlichen Schneedecke in den Alpen auf etwa 2000 Höhenmetern wird sich bis 2050 durchschnittlich um sechs bis neun Wochen verkürzen. Wenn ein Skigebiet nur noch weniger als 100 Tage voll betrieben werden kann, ist es nicht mehr rentabel. Auch in Zukunft wird es noch schneereiche Winter geben, aber die Anzahl wird weniger. Deshalb erheben wir unsere Stimme dagegen, dass trotzdem weitere naturnahe Täler und Flächen ski- und seilbahntechnisch erschlossen werden.

Mit welchem Erfolg?

Wir haben zum Beispiel erfolgreich geklagt gegen das Projekt, die Skigebiete St. Anton und Kappl zusammenzuschließen. Ende 2018 entschied das Wiener Verwaltungsgericht, dass die Interessen des Naturschutzes höher einzustufen sind als der wirtschaftliche Nutzen durch die Erschließung. In Bayern hören wir, dass Besucher oft keine weitere Skischaukel sehen, sondern die Natur erleben wollen. Auch in Tirol beginnt diese Entwicklung. Es gibt dort zunehmend Bürgerinitiativen, die gegen Großprojekte mobil machen.

Auf der kürzlich gestarteten Online-Petition gegen eine Verbindung der Skigebiete im Pitz- und im Ötztal haben bereits mehr als 70 000 Menschen unterschrieben. Wieso polarisiert das Vorhaben?

Hier soll ein riesengroßes Gletscher-Gelände erschlossen werden, das bislang unberührte Natur ist. Wir sprechen von einem Gebiet auf 2500 bis 3500 Metern Höhe, die Natur ist höchst sensibel, jeder Eingriff ist dauerhaft, Pflanzen- und Tierwelt regenerieren sich hier nicht. Die Gletscher im Bereich Pitztal und Ötztal werden aber bis 2050 großteils verschwunden sein. Wo jetzt auf ewiges Eis gesetzt wird, wird dann nichts mehr übrig sein. Was uns auf der anderen Seite durch solche Vorhaben verloren geht, ist eine intakte, alpine Landschaft. Wir glauben deshalb, dass es im allgemeinen Interesse ist, diese Landschaften so gut wie möglich für den sanften Tourismus zu erhalten.

Tobias Hipp vom Deutschen Alpenverein ist Experte für Skigebietserschließung, Gletscher und Klimawandel.

(Foto: Franz Guentner; privat)

Die Befürworter sagen, nur mit einer Expansion können die Skigebiete konkurrenzfähig bleiben.

Der Ski-Tourismus stagniert seit einigen Jahren. Zwar auf hohem Niveau, doch die Konkurrenz zwischen den Skiorten wird größer. Deshalb buhlen die Skigebiete um Gäste, sie brauchen Marketing-Slogans. Da hilft es eindeutig, in den Ranglisten der größten und modernsten Gebiete zu erscheinen. Deshalb gibt es eine Dynamik in den Alpen, bislang naturbelassene Gebiete für den Wintersport zu erschließen. Auf Täler oder Berge, die derzeit für Skitourengeher oder Bergsteiger, also sanften Tourismus reserviert sind, richten Skiliftbetreiber und Tourismusregionen ihren Fokus. Anderswo gibt es einen Trend zur Event-Infrastruktur wie Sommerrodelbahnen, Seilrutschen, Funparks, Kletterparks, et cetera. Wir hoffen, wir können zusammen mit den Gemeinden und Tourismusverbänden ins Gespräch kommen und an naturverträglichen Lösungen arbeiten.

Im Oktober hat Kitzbühel wieder Aufsehen erregt mit einer Skipiste aus Altschnee vom vergangenen Winter, auf der die Sportler bei plus 20 Grad Celsius den Saisonstart feierten. Wie steht der Alpenverein dazu?

Das ist absurd und ein Paradebeispiel für fehlgeleiteten Tourismus. Dafür haben wir überhaupt kein Verständnis. Da wird eine künstliche Welt erschaffen mit konserviertem Schnee und damit Skifahren ermöglicht, obwohl noch längst keine Skisaison ist.

Manche sagen: Ist doch gut, dann müssen die Skiklubs nicht auf den Gletscher fahren und können im relativ niedrig gelegenen Kitzbühel trainieren.

Das Argument kam schon bei der Modernisierung des Sudelfeld-Skigebiets bei Bayrischzell. Belastbare Zahlen zu den CO₂-Emissionen haben wir dazu leider nicht. Sicherlich kann so ein Angebot für die lokalen Skiklubs attraktiv sein, und wir wollen ihnen nicht das Training vermiesen. Aber in Kitzbühel handelt es sich um reines Marketing: Sie schieben Schnee aus dem Vorjahr auf eine grüne Wiese, um als erstes Nicht-Gletscher-Gebiet die Saison eröffnen zu können. Wo soll das hinführen? Der Energieaufwand ist enorm für eine solche Aktion. Denn oft ist das extra produzierter Kunstschnee, der dann konserviert und über den Sommer gebracht wird.

Viele Technologien, die heute den Skisport ermöglichen, waren vor 30 Jahren undenkbar. Was kommt da künftig auf uns zu?

Wir haben schon die Befürchtung, dass man verstärkt versucht, die Natur zu überlisten. Der extreme Ausbau der Schneekanonen ist ein aktuelles Beispiel. Am Pitztaler Gletscher gibt es ein riesiges Kühlhaus, wo bei Plustemperaturen schneeartiger Untergrund erzeugt wird. Auch wenn dabei nur eine Art Crushed Ice herauskommt - es wird versucht. Es gibt Epizentren der touristischen Utopien, wie Ischgl, wo von überdachten Pisten, die man kühlen kann, die Rede ist. Solche Skihallen existieren im Flachland fern der Berge. Wir hoffen, wir können das in den Alpen verhindern.

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