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Österreich:Wiener Bäh

Lokal, Gräfin vom Naschmarkt.

"Bröselteppich mit Semmelflummi": So nannte ein Gastro-Kritiker mal das Lokal "Gräfin vom Naschmarkt", das jetzt schließt.

(Foto: Robert Newald/Picture Alliance)

Das 22-Stunden-Lokal "Gräfin vom Naschmarkt", berüchtigt für seine pappigen Gerichte aus der Fritteuse, wird nach der Corona-Pause wohl nicht wieder aufmachen. Ein Nachruf auf eine Institution des schlechten Geschmacks.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Der Naschmarkt liegt im Wiener Lockdown, der von der Politik als "Osterruhe" verbrämt wird, so still und todtraurig da, dass man sich fast wünscht, man müsse sich, wie in normalen Zeiten, durch Touristenmassen quetschen, nur um ein paar seltene Gewürze zu kaufen oder auf einem im Nahkampf ergatterten Stuhl ermattet einen samstäglichen Morgen-Spritzer zu trinken. Aber noch viel trauriger ist eine Nachricht, die Österreich in einem Ausmaß erschüttert, wie es Politik und Pandemie nicht können: Die "Gräfin vom Naschmarkt" wird, wenn demnächst alles andere wieder öffnet, wohl dauerhaft geschlossen bleiben.

Was das bedeutet, kann nur ermessen, wer in Wien schon mal zu nachtschlafender Zeit einen Imbiss einnehmen oder sich außerhalb des Praters so richtig schön gruseln wollte. Das legendäre Lokal an der Linken Wienzeile 14 galt als eines der schlechtesten Beisl der Stadt, was die Autorin dieser Zeilen nach einem Testfrühstück mit Freunden bestätigen kann. So legendär wie der staubige Kunstbaum in der Mitte des Raumes, das wacklige Mobiliar, die fleckigen Tische und das grotesk überteuerte, pappige, wässrige Essen sind die Berichte derer, die - sei es aus Unwissenheit oder Sensationslust, getarnt als Touristiker, Restaurant-Tester oder Anthropologen, oder auch nur aus Mangel an Alternativen - bei der Gräfin eingefallen sind.

Bröselteppich mit Semmelflummi

Die Zeit nannte ihre Abenteuer-Reportage aus den Tiefen des Lokals "Schmäh mit Bäh". Der Gastro-Kritiker des Standard beschrieb das düstere Etablissement als "Bröselteppich mit Semmelflummi". Und analysierte mit tödlichem Ernst nach einer groß angelegten Feldforschung die Vielzahl der Gerichte, die offenbar vor allem unter Mithilfe von Fritteuse, Mikrowelle und Dauerkühlung zusammengebastelt worden seien und "außen leimig, innen trocken", sowie von "zarten Spülwasser-Anklängen im Finish" geprägt waren.

Gleichwohl galt und gilt die "Gräfin" als Kultlokal - unter anderem deshalb, mutmaßt der Kurier, weil das Lokal die "schlechtesten Online-Bewertungen" in ganz Wien gehabt habe. Und das will in einer Stadt, die auf ihre Qualitäten als Gastgeberin stolz ist, schon etwas heißen. Auf einem Portal trauert immerhin ein Fan der einstigen "Perle des Nachtlebens" nach, wird aber sofort zurechtgewiesen: Diese vermeintliche Perle habe man schon immer nur aushalten können "mit ausreichend Promille im Blut".

Kaum etwas ist unterhaltsamer als eine gastronomische Reise durch die Social Media, wenn es um die Gräfin vom Naschmarkt geht: "Ein Wunder, dass das Schnitzel aufgegessen wurde". "Lokaler Ekel". "Wir boykottieren die Gräfin". "Unfassbar grauenhaft". Das muss man erst mal schaffen. Kein Wunder, dass bei Wienern der Neugierfaktor immer hoch war. Ansonsten waren es vor allem euphorisierte Besucher der Stadt, die von weit her zum Viktualien-Markt an der Wienzeile kamen und, nichtsahnend, von Bistrostühlen und dem verblichenen Charme der roten Markise angelockt wurden.

Und was passierte zwischen zwei und vier Uhr nachts?

Nachts traf man hier Heimatlose und Nachtschwärmer aller Art sowie Menschen, denen es egal war, wo sie sich auf ihren nächsten Morgen-Spritzer vorbereiteten. Kurioserweise war die "Gräfin" von zwei bis vier Uhr nachts zu, und nur notorische Optimisten glaubten, dass diese zwei Stunden zum Putzen genutzt wurden.

Nun heißt es in Berichten über die Schließung vage, das letzte Wort sei nicht gesprochen. Womöglich werde ein Verwandter des Betreibers die "Gräfin vom Naschmarkt" übernehmen. Man weiß nicht, ob man Wien das wünschen soll.

© SZ/nas
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Der Kölner Dom? Sehr gruselig. Die East Side Gallery? Totaler Blödsinn. In so mancher Online-Bewertung kommen selbst die berühmtesten Sehenswürdigkeiten ganz schlecht weg. Eine mies gelaunte Deutschlandreise.

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