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Geplantes Werk in Brandenburg:Tesla versetzt Ameisen

Tesla-Gelände - Wald

Ein Fall für die Ameisenwärter: Ein Kiefernwald auf dem Gelände der geplanten Tesla-Gigafactory.

(Foto: dpa)

Was der Juchtenkäfer für Stuttgart 21 war, könnte die Waldameise nun für das geplante Tesla-Werk in Brandenburg werden. Der Konzern muss sich beeilen, um die Insekten rechtzeitig umzusiedeln.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts existierte das Gewerbe der Ameisler. Die Tätigkeit, der sie nachgingen, war das Ameisln, was konkret hieß, dass die Ameisler in die Wälder ausschwärmten und nach Waldameisenhügeln suchten. Hatten sie einen der imposanten Bauten gefunden, sammelten sie die Puppen der Insekten ein, trockneten diese und verkauften sie als Vogelfutter. Und weil die Vögel auch heute noch gerne Ameisen fressen, es die Ameisler aber nicht mehr gibt, werden im Kiefernwald bei Grünheide in Brandenburg bald die Ameisenwarte unterwegs sein.

Auf der Fläche dieses Waldes will der Autobauer Tesla nämlich eine seiner Gigafactorys errichten. Und das, was der Juchtenkäfer kurzzeitig für den Bahnhof Stuttgart 21 war oder der Rotmilan für den Bau von Windrädern, soll die Waldameise für die Gigafactory nicht werden: ein kleines Tier mit der Macht, einen großen Konzern zu stoppen. Denn die Waldameise gehört zu den geschützten Arten.

Tesla hatte das 300 Hektar große Gelände eine halbe Autostunde südöstlich von Berlin kürzlich gekauft - mitsamt einem etwa 90 Hektar großen Kiefernwald. Der ist ein sogenannter Autobahnwald, wenig wert, gepflanzt vor allem, damit es nicht so karg rund um den Berliner Ring herum aussieht. Zudem sollte hier schon vor 20 Jahren eine Autofabrik gebaut werden, doch BMW entschied sich damals für Leipzig.

Seitdem hat sich zwischen den dürren Kiefern doch einiges getan, mindestens vier Fledermäuse leben nun hier, ein paar Spechte, Zauneidechsen und eben die Waldameisen. Will der als grob zupackend geltende Tesla-Chef Elon Musk an dieser Stelle bauen, müssen seine Leute sehr behutsam vorgehen. Denn eh der Wald gerodet werden kann, müssen die Tiere umgesiedelt sein. Da dies bei den Waldameisen besonders kniffelig ist, wurden nun Ameisenwarte beauftragt.

Jeder Bau wird von mehr als einer Million Insekten bewohnt, fünf dieser Ameisenstaaten soll es auf dem Gelände geben. Mit Schaufeln oder auch einem kleinen Bagger wird ein jedes dieser Wimmelreiche in einem speziellen Karton in ein anderes Waldstück gebracht und dort wieder aufgehäuft. "Manchmal überlebt der Staat hervorragend", sagt Axel Heinzel-Berndt, Naturschutzreferent beim BUND in Brandenburg. "Manchmal ziehen sie aber auch 20 Meter weiter." Die Umsiedlung eines jeden Millionenvolks wird jedenfalls genauestens dokumentiert.

Insgesamt scheint die umweltverträgliche Rodung des kleinen Waldstückes ähnlich komplex zu sein wie die Montage eines E-Autos. Denn mit den Bäumen verschwinden auch die Brutplätze, zum Beispiel für Meisen. Die nisten in jenen Baumhöhlen, die die Spechte hinterlassen haben. Aber ohne Bäume gibt es auch keine Höhlen, deshalb will Tesla nun nahe dem Waldstück 400 Nistkästen aufhängen lassen. Auch seltene Eidechsen sollen umgesiedelt und mit Schutzzäunen von der Rückkehr abgehalten werden. Den Wald selbst will Tesla an anderer Stelle in dreifacher Größe wieder wachsen lassen.

Die sogenannten Harvester, die Holzerntemaschinen, die aus jahrzehntealten Bäumen binnen Minuten Gebrauchsholz machen, stehen jedenfalls schon bereit. Denn die Zeit für Tesla drängt: Bereits von März an könnten die Baumhöhlen von brütenden Vögeln besetzt sein, wenn es wärmer wird, erwachen auch die Waldameisen aus ihrer Winterruhe. Der sehr ehrgeizige Plan von Elon Musk, bereits 2021 hier das erste Auto zu bauen, wäre, wenn die Insekten-Umsiedler zu spät kämen, von einer Waldameise durchkreuzt.

© SZ/nas
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