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Interview am Morgen: Raumfahrt:"Wir brauchen eine Frauenquote im All"

Expedition 43 Soyuz TMA-15M Landing

Derzeit hat die Esa sieben Raumfahrer, unter ihnen aber nur eine Frau: Italienerin Samantha Cristoforetti.

(Foto: Bill Ingalls/Nasa/Handout/picture alliance / dpa)

Erstmals seit 2008 sucht die Esa wieder Kandidaten und Kandidatinnen für ihr Astronautenkorps. Eine Raumfahrtingenieurin hofft auf die erste deutsche Astronautin auf der ISS.

Interview von Dieter Sürig

Einmal in die Fußstapfen von Alexander Gerst treten? Erstmals seit 2008 sucht die europäische Raumfahrtagentur Esa wieder Kandidaten und Kandidatinnen für ihr Astronautenkorps. Sie will diesmal ausdrücklich Frauen dazu ermutigen, sich zu bewerben. Derzeit hat die Esa aktive sieben Raumfahrer, unter ihnen aber nur eine Frau. Die Raumfahrtingenieurin Claudia Kessler versucht auch deswegen, mit ihrer Stiftung "Erste deutsche Astronautin" eine Deutsche ins All zu bringen. Mit der Astrophysikerin Suzanna Randall und der Klimaforscherin Insa Thiele-Eich hat die Initiative 2017/18 aus 400 Bewerberinnen zwei Kandidatinnen ausgewählt.

SZ: Frau Kessler, Sie schlagen ein reines Frauenteam vor, das einmal auf der Raumstation ISS arbeiten könnte. Gibt es Reaktionen?

Claudia Kessler: Es ist unglaublich, aber auf Podien wurde ich schon gefragt, was denn sei, wenn in dieser Zeit ein Notfall passieren würde.

Freut es Sie, dass die Esa nun endlich einen Schritt auf die Frauen zugeht?

Sehr, ich begrüße es, dass die Esa jetzt anscheinend einen stärkeren Fokus auf Diversität legen will. Bei der bisher letzten Esa-Auswahl 2008 hatten sich rund 8500 Kandidaten beworben, davon etwa 15 Prozent Frauen. Mit der Italienerin Samantha Cristoforetti hat es letztlich aber nur eine geschafft.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

An der Qualifikation kann es nicht gelegen haben...

Da die Auswahlkommission damals nur aus Männern bestand, und der Algorithmus, der die Vorauswahl getroffen hat, entsprechend programmiert war, war da bestimmt auch Voreingenommenheit mit im Spiel. Bislang gibt es bei 29 Esa-Astronauten nur drei Frauen, und eine ist aus persönlichen Gründen gar nicht geflogen.

Wieso war auch das Interesse der Frauen bisher so gering?

Frauen haben oft die Angst, nicht gut genug zu sein, und bewerben sich erst, wenn sie 100 Prozent der Auswahlkriterien erfüllen. Außerdem dürfte es auch daran gelegen haben, dass in der 30-seitigen Bewerbungsbroschüre neben vielen Männern nur eine Frau abgebildet war.

Wird diesmal alles besser?

Es kommt darauf an, wie die Esa die Ausschreibung formuliert, aber ich schätze mal, dass sich diesmal 30 Prozent Frauen bewerben werden. Und ich hoffe auf eine 50:50-Auswahl der Esa.

Suzanna Randall in Garching, 2018

Astrophysikerin Suzanna Randall (rechts) und Klimaforscherin Insa Thiele-Eich (links) wurden von Claudia Kesslers (Mitte) Stiftung als Kandidatinnen für die "Erste deutsche Astronautin" ausgewählt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Brauchen wir eine Quote?

So wie es aussieht, brauchen wir eine Frauenquote im All. Bisher sind gerade zehn Prozent der Esa-Astronauten Frauen, die amerikanische Nasa ist da schon bei 50 Prozent.

Und warum fordern Sie unbedingt eine deutsche Astronautin?

Es fällt mir schwer, nationalistisch zu sein, aber eine deutsche Astronautin würde hierzulande eine Generation von Mädchen für naturwissenschaftliche Fächer begeistern. Da ist die Vorbildfunktion das Wichtigste. Als ich in den Achtzigerjahren in München Raumfahrt studiert habe, war der Frauenanteil ein Prozent, heute sind es in Deutschland etwa 15 Prozent. Da sind die USA mit rund 40 Prozent schon weiter, das MIT (Massachusetts Institute of Technology) hat auch große Kampagnen gefahren, um Frauen zu begeistern.

Seit Alexander Gerst erstmals auf der ISS war, werben Sie ohne Erfolg für die erste deutsche Frau im All.

Wir haben Esa-Chef Jan Wörner auch vorgeschlagen, die Esa bei der gezielten Ansprache von Frauen für die jetzige Auswahl zu unterstützen, haben aber nie eine Antwort erhalten. Unsere beiden Kandidatinnen haben ihr Basistraining absolviert, sie müssten noch etwa neun Monate ein missionsspezifisches Training bei der Nasa in den USA machen, dann wären sie missionsbereit.

Die Slots für europäische Astronauten sind aber auf Jahre vergeben.

Wir haben der Esa deswegen vorgeschlagen, auch kommerzielle Flüge zu buchen, um Wissenschaft auf der Raumstation betreiben zu können. In den USA werden solche Missionen ja erfolgreich angeboten.

Sie meinen die Mission der US-Firma Axiom, die einen rein privaten Wissenschaftsflug zur ISS plant?

Ja, da hätten wir sogar einen Platz bekommen, wenn die Bundesregierung das unterstützt hätte.

Wie viel hätte Deutschland dafür zahlen müssen?

Das wären 50 Millionen Euro, man muss das im Verhältnis zu Esa-Missionen sehen, die genauso viel oder mehr kosten. Wir haben privat fünf Millionen Euro aufgetrieben, das reichte aber nur für die Trainingsphase.

Haben Sie in Berlin angefragt?

Wir waren 2019 bei sieben Ministern, die das alles gut fanden und unterstützen wollten. Aber dann kam Corona.

Warum sollte der Steuerzahler für einen privaten Flug ins All aufkommen?

Zum einen wegen der Vorbildfunktion: Alexander Gerst begeistert viele, wenn er auf der ISS ist. Wie schön wäre es, auch einmal eine Frau zu haben, die vom Blick auf die Erde erzählt! Wir brauchen aber auch eine Astronautin, weil bei uns der Fokus auf medizinischen Experimenten zum Körper der Frau liegt. Da gibt es im All große Unterschiede.

Das haben die Amerikaner sicher auch schon untersucht.

Das stimmt, aber diese Daten werden nur zum Teil von der Nasa veröffentlicht, sie sind aber immens wichtig für künftige astronautische Missionen. Wenn es wieder zum Mond geht, werden in jedem Fall gemischte Teams eingesetzt.

Wollten Sie jemals selbst ins All?

Das ist ja mein Ur-Antrieb. Ich bin die Generation Mond und wollte schon mit vier Jahren ins All fliegen. Bei der Esa-Auswahl 2008 hatte ich aber schon die Altersgrenze von 37 überschritten.

© SZ/afis
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