Polizeigewalt in den USA Traurige Liste

Demonstranten in Minnesota rufen die Parolen "Black Lives Matter" vor dem Haus des Gouverneurs.

(Foto: REUTERS)

Wieder sind zwei Afroamerikaner von US-Polizisten erschossen worden. Eine Chronologie der bisherigen Fälle zeigt: Schüsse auf Schwarze nehmen nicht ab.

Von Lea Kramer

Innerhalb von 48 Stunden haben Polizisten in den USA zwei Männer erschossen. Bei den Toten handelt es sich um Afroamerikaner. Die Vorfälle haben erneut die Debatte über Alltagsrassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze befeuert. Dabei lassen die Zahlen zu den Todesfällen, verursacht durch Polizeibeamte, keine eindeutigen Schlüsse zu.

Ausgelöst durch den Tod von Michael Brown in Ferguson im Jahr 2014 wertet die Washington Post seit zwei Jahren tödliche Schüsse durch Polizeikräfte aus. Die Zeitung greift dabei auf öffentliche Daten der Polizeibehörden, des FBI, Nachrichtenmeldungen sowie Beiträge in den sozialen Netzwerken zurück. Den Erhebungen zufolge sind in diesem Jahr bereits 509 Menschen von Polizisten erschossen worden. 122 (24 Prozent) davon waren Afroamerikaner, 235 (46 Prozent) Weiße. Es wurden also mehr Weiße als Schwarze erschossen. Es wäre allerdings zu kurz gedacht, die Wut von "Black Lives Matter"-Aktivisten über "racial profiling" und Rassismus gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe als haltlos zu bezeichnen.

Fest steht: 13 Prozent der Amerikaner haben afroamerikanische Wurzeln. Die größte Minderheit in den USA stellen die Hispanics (16 Prozent). Von dieser Bevölkerungsgruppe wurden im laufenden Jahr 79 (16 Prozent der Fälle) von Polizisten getötet. Das Recherchekollektiv Mapping Violence kommt für das Jahr 2015 zu dem Schluss, dass unbewaffnete Schwarze fünfmal häufiger von der Polizei erschossen wurden als Weiße.

Durch den Einsatz von Körperkameras bei Polizeikräften - so die Hoffnung - soll jetzt zumindest die Schuldfrage leichter geklärt werden können. Denn wenn Polizisten ihre Waffe gegen Zivilisten richten, steht oft nicht einmal mehr Aussage gegen Aussage. Die Aufnahmen der Körperkameras sollen das Opfer im Zweifelsfall vor Gericht vertreten, wenn es das selbst nicht mehr kann. Doch nur in wenigen Fällen kommt es überhaupt zum Prozess gegen die involvierten Polizisten. Prominentestes Beispiel ist der Fall von Michael Brown.

Eine Chronologie

August 2014: Michael Brown

2014 tötet ein weißer Polizist den unbewaffneten 18-jährigen Schüler in einem Wohnviertel von Ferguson im US-Bundesstaat Missouri. Stundenlang liegt Michael Brown tot auf der Straße. Vermutlich war ein Streit über die Benutzung des Gehwegs Auslöser für die tödlichen Schüsse. Weil sich der Polizist nicht vor einem Gericht verantworten muss, brechen in mehreren Städten der USA gewaltsame Proteste aus. Nach einem Bericht des Justizministeriums über weitverbreiteten Rassismus bei der Polizei tritt der Polizeichef von Ferguson zurück. Mittlerweile hat das Amt ein Schwarzer inne.

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Polizeigewalt in USA

Das Gerede vom Krieg gegen die Polizei

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Oktober 2014: Laquan McDonald

Ein zunächst nicht veröffentlichtes Video einer Armaturenbrettkamera zeigt, wie der 17-jährige Laquan McDonald in Chicago über die Straße rennt, als er von den Schüssen aus einer Polizeiwaffe getroffen wird. Ein Beamter hatte 16 Kugeln auf den jungen Mann abgefeuert. Der verantwortliche Polizist Jason Van Dyke wird wegen Mordes angeklagt.

November 2014: Tamir Rice

Der zwölfjährige Tamir Rice trägt eine Softairwaffe bei sich, als er durch die Straßen von Cleveland (Ohio) läuft. Ein Anrufer alarmiert die Polizei. Zwei Beamte rücken in einem Streifenwagen aus. Einer der beiden, ein 26-jähriger Weißer, erschießt den Jungen.

Dezember 2014: Rumain Brisbon

Der 34-jährige Rumain Brisbon hatte seinen Kindern lediglich Essen bringen wollen, als er von der Polizei in Phoenix, Arizona, kontrolliert und schließlich erschossen wird. Der vierfache Familienvater wollte seine Hand nicht aus der Hosentasche nehmen, daraufhin feuert ein Polizist zwei Mal auf ihn und verletzt Brisbon tödlich. Dieser hatte in seiner Tasche keine Waffe getragen, sondern lediglich Medikamente.

März 2015: 19-Jähriger zu Hause erschossen

Ein Polizist erschießt einen 19-Jährigen in Madison, Wisconsin, in dessen Wohnung, nachdem er angeblich von ihm attackiert worden war. Der junge Mann trug keine Waffe. Er war verdächtigt worden, den Straßenverkehr gestört und jemanden geschlagen zu haben. Der Polizist gibt an, aus Notwehr geschossen zu haben.

April 2015: Walter L. Scott

Ein weißer Polizist erschießt den schwarzen unbewaffneten Walter L. Scott in North Charleston, South Carolina, bei einer Polizeikontrolle. Wegen eines kaputten Rücklichts war der 50-Jährige angehalten worden. Die Polizei behauptet später, dass es am Straßenrand zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen war, in deren Verlauf acht Schüsse abgefeuert wurden. Ein Handyvideo beweist das Gegenteil: Scott flüchtete vor dem Polizisten und wurde von den Kugeln aus der Dienstwaffe in den Rücken getroffen.

April 2015: Freddie Gray

Der 25-jährige Freddie Gray wird in Baltimore, Maryland, wegen Besitzes eines Springmessers festgenommen. Eine Woche später stirbt er an den Folgen einer Rückenverletzung. Der Afroamerikaner soll in Polizeigewahrsam misshandelt worden sein. Zeugen hatten ein Handyvideo von seiner Verhaftung gedreht. Darin ist zu sehen, wie Gray von den Beamten vor Schmerzen schreiend in einen Polizeibus geschleift wird. Aufgrund schwerer Krawalle wird später der Ausnahmezustand in der Stadt verhängt.

Juli 2015: Sandra Bland

Die schwarze Sandra Bland wird erhängt in einer Polizeizelle aufgefunden. Sie war festgenommen worden, weil sie unweit von Houston, Texas, mit ihrem Auto den Fahrstreifen gewechselt hatte, ohne zu blinken. Ein weißer Polizist stoppte die 28-Jährige und geriet mit ihr in Streit. Drei Tage später ist Bland tot.

Juli 2015: Samuel DuBose

Bei einer Verkehrskontrolle wird der 43-jährige Schwarze Samuel DuBose in Cincinnati, Ohio, erschossen. Er ist unbewaffnet. Sein Wagen hatte an der Front kein Nummernschild.

August 2015: Christian Taylor

Nach einem mutmaßlichen Einbruchsversuch wird Christian Taylor von einem weißen Polizisten in Arlington, Texas, erschossen. Der junge Afroamerikaner soll mit einem Auto in das Schaufenster eines Autohändlers gefahren sein. Nach Eintreffen der Polizei sei es dann zu einer Auseinandersetzung gekommen. Der 19-Jährige habe Aufforderungen der Beamten, sich zu ergeben, keine Folge geleistet. Taylor stirbt durch Verletzungen an Hals, Brustkorb und Bauch. Der Polizist, ein Berufsanfänger, verliert seinen Job.

Dezember 2015: Aus Versehen erschossen

Am zweiten Weihnachtsfeiertag erschießt ein Chicagoer Polizist zwei Schwarze. Die Opfer sind ein 19-jähriger Student und eine 55-jährige Frau. Der 19-Jährige hatte seinen Vater mit einem Baseballschläger bedroht, die Nachbarin wird der Polizei zufolge aus Versehen getroffen.

Mai 2016: Im gestohlenen Auto getötet

Am Steuer eines gestohlenen Autos wird eine junge Afroamerikanerin in San Francisco von einer Polizeikugel tödlich getroffen. Auf Druck des Bürgermeisters tritt der Polizeichef zurück.

Juli 2016: Alton Sterling

Der 37-jährige Verkäufer Alton Sterling wird vor einem Supermarkt auf dem Boden liegend erschossen. Zeugen filmen den Vorfall mit einer Handykamera.

Juli 2016: Philando Castile

Philando Castile wird wegen eines kaputten Rücklichts von der Polizei angehalten. Offenbar will er seine Fahrzeugpapiere zeigen, als der Beamte auf ihn schießt. Die Freundin des Opfers filmt das weitere Geschehen.

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