Paris:Die Bouquinisten dürfen bleiben, die Seele ist gerettet

Paris: Die Seele der Seine ist gerettet, die Bouquinisten am Ufer der Seine dürfen bleiben.

Die Seele der Seine ist gerettet, die Bouquinisten am Ufer der Seine dürfen bleiben.

(Foto: Christophe Ena/AP)

Die Buchhändler an der Seine müssen ihre grünen Boxen für die Zeit der Olympischen Sommerspiele nicht abmontieren. Frankreichs Präsident Macron hat das entschieden - gegen die Sicherheitsbedenken der Polizei.

Von Oliver Meiler, Paris

Wie wenig es doch braucht, um sich beliebt zu machen, gerade für französische Präsidenten. Mit einem Machtwort, über alle Köpfe und Diskussionen hinweg. Emmanuel Macron hat überraschend beschlossen, dass die Pariser Bouquinisten, diese Kulturkrämer mit ihren dunkelgrünen Holzboxen an den Quais der Seine, auch während der Olympischen Spiele im kommenden Sommer genau da an den Uferstraßen bleiben dürfen, wo sie immer waren. Gegen alle Bedenken der Polizei. Weil sie ein "lebendiges Erbe" der Stadt seien, wie Macron findet. Nun, das hatte man schon vorher gewusst, lange vor der großen Aufregung, dem ganzen Trara.

Begonnen hatte es im vergangenen Sommer, da entschied die Pariser Präfektur, dass ein Teil der Buchhändler, nämlich 428 von insgesamt 932, aus Sicherheitsgründen und "vorübergehend" ihre "boîtes", ihre ikonischen Kisten, abmontieren müssten. Sorgen machte man sich vor allem wegen der Eröffnungsfeier vom 26. Juli.

Die soll ja auf der Seine stattfinden, mit Länderdelegationen auf Booten, mit einem wunderbaren Spektakel für Hunderttausende Zuschauer, die sich an den Flussufern versammeln werden - zahlend an den unteren Quais, am Wasser, und gratis oben, parallel zu den Straßen, wo auch die Bouquinisten sind. "In diesen Kästen kann man Waffen verstecken", sagte damals Laurent Nuñez, der Polizeichef. "Oder schlimmer noch: Sprengstoff." Die Furcht vor einem Terrorattentat ist groß, nach dem 7. Oktober ist sie noch größer geworden.

Das Volk war aufseiten der Bouquinisten, wie kann man auch gegen sie sein?

Die Bouquinisten waren empört, verzweifelt auch. Ihre brüchigen Boxen, sagten sie, würden eine solche Operation nicht überleben, manche sind 150 Jahre alt. Und die Sommerspiele mit Millionen Besuchern aus dem Ausland waren eine Verheißung nach vielen dürren Geschäftsjahren wegen der Demos der Gelbwesten, der Pandemie, des Onlinehandels sowieso. Man lebt nicht besonders gut vom Verkauf alter Bücher, von Heften, Postern, Briefmarken, Platten. "Bouquin" übrigens, das in "Bouquinisten" steckt, ist das umgangssprachliche französische Wort für Buch. Schmöker also.

Das Volk war aufseiten der Bouquinisten, ganz massiv, wie kann man auch gegen sie sein? Es gab Petitionen mit Zehntausenden Unterschriften, in den Zeitungen erschienen offene Briefe. In einem dieser Protestbriefe von Intellektuellen hieß es, das Verschwinden der Boxen sei wohl nur "theoretisch provisorisch". Und so setzte sich mit der Zeit die unbegründete Idee fest, dass diese Demontage für Olympia und die spätere Remontage im Grunde das Ende sei: der Tod der "Seele der Seine", wie man die Bouquinisten auch nennt.

Nun ist alles wieder anders, sehr lebendig, dank Monsieur le Président. Aus dem Élysée hört man, Macron habe so entschieden, weil sich die verschiedenen Parteien in dieser Angelegenheit unversöhnlich gegenüberstanden. Es drohte sogar ein Rechtsstreit vor Gericht. Jetzt wird einfach der Sicherheitsplan für die Eröffnungsfeier angepasst: Dort, wo grüne Boxen an den Ufermauern hängen, dürfen keine Zuschauer stehen. Das reduziert die Anzahl der Zuschauer insgesamt noch einmal deutlich, was ganz im Sinn der Polizei ist. Und die Seele der Seine, die ist gerettet.

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