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Missbrauchsfall in Lügde:Ermittlungskommission "Eichwald" wird aufgestockt

Abriss der Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde

Mehrerer Kinder-Plüschtiere liegen in einem Wohnwagen, in dem der mutmaßliche Haupttäter wohnte. Seine Behausung auf dem Campingplatz wurde mittlerweile abgerissen.

(Foto: dpa)
  • Mindestens sechs Mal wurde der Campingplatz "Eichwald" im nordrhein-westfälischen Lügde durchsucht, trotzdem tauchte dort immer wieder neues Beweismaterial auf.
  • NRW-Innenminister Herbert Reul will das Areal jetzt erneut durchsuchen lassen.
  • Am Samstag gab die Bielefelder Polizei bekannt, dass weitere Polizisten hinzugezogen werden. Bislang waren 66 Ermittler mit dem Fall beschäftigt.

Die Ermittlungskommission zum Missbrauchsfall auf einem Campingplatz in Lügde bekommt mehr Polizisten. "Für neuerliche Maßnahmen auf dem Campingplatz wird zusätzliches Personal eingesetzt", sagte eine Sprecherin der Bielefelder Polizei am Samstag. Die Beamten sollen aus anderen Polizeibehörden in Nordrhein-Westfalen nach Bielefeld kommen.

Derzeit umfasse die Kommission "Eichwald" - benannt nach dem Namen des Campingplatzes - 66 Ermittler. Polizei und NRW-Innenministerium nannten keine konkrete Zahl, wie viele Beamte die Kommission zusätzlich unterstützen sollen. Nach einem Bericht des Westfalen-Blatt handelt es sich um 13 neue Ermittler. Diese wurden nach Informationen der Zeitung aus sechs Behörden angefordert.

Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte im Interview mit Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR angekündigt, den Campingplatz erneut absuchen zu lassen: "Wir werden weiter suchen, weil das Gelände groß und weit ist. Jeder denkbare Fund kann uns helfen, auch in anderen Fällen. Das ist unser Auftrag und darum wird es gemacht."

Es gehe bei den Maßnahmen derzeit aber nicht um weitere Durchsuchungen, sagte eine Ministeriumssprecherin am Samstag.

Die Staatsanwaltschaft Detmold hatte vor zehn Tagen mitgeteilt, die bei Abrissarbeiten in den vergangenen Wochen aufgetauchten Datenträger und VHS-Kassetten besäßen keinerlei strafrechtliche Relevanz, man habe ausreichend Beweismaterial, um die Täter zu überführen. Die Polizei hatte 3,3 Millionen Bilder und 86 300 Videos sichergestellt, die aktuell ausgewertet werden. Die Ermittlungen sollten sich auf die vorhandenen Beweise konzentrieren, hieß es von der Staatsanwaltschaft.

Die Polizei übersah Beweise trotz mehrmaliger Durchsuchung

Beim Abriss der Behausung des Hauptverdächtigen Andreas V. auf dem Campingplatz in Lügde waren vorletzte Woche CDs, Disketten und Videokassetten gefunden worden - aber nicht von der Polizei, sondern von einem privaten Abrissunternehmer. Und das, obwohl der mutmaßliche Haupttatort zuvor mindestens sechsmal durchsucht worden war, sogar Deutschlands einziger Datenspürhund kam dabei zum Einsatz.

Später wurde die Polizei auf einen Schuppen aufmerksam, den man bis dahin dem Verdächtigen nicht zugeordnet hatte und dessen Inhalt längst verbrannt worden war. "Man war der Auffassung, das gehört nicht zum Gelände des Beschuldigten. Das war eine Fehleinschätzung", sagte Reul.

Auf dem Areal in Lügde soll der Hauptbeschuldigte - ein 56 Jahre alter Dauercamper - mit einem Komplizen über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Die beiden Verdächtigen sowie ein Mann aus dem niedersächsischen Stade sitzen in Untersuchungshaft. Ermittelt wurden bislang 40 Opfer.

Der Fall hat sich wegen massiver Versäumnisse bei den Ermittlern und dem Verschwinden von Beweismaterial zu einem Polizeiskandal ausgeweitet. Zudem sollen Jugendämter frühe Hinweise auf den sexuellen Missbrauch falsch eingeschätzt haben. Auch Innenminister Reul steht in dem Fall zunehmend in der Kritik. Die Opposition im Landtag hatte nach den neuerlichen Beweis-Funden Reuls Rücktritt gefordert, weil Ermittlungsfehler den Strafprozess und eine mögliche Verurteilung der mutmaßlichen Täter gefährden könnten.

© SZ.de/dpa/pvn/mkoh/jana

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