Missbrauchsfall in Lügde Jugendamt bekam schon 2016 Hinweise auf Hauptverdächtigen

Tjark Bartels, Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, bei der Pressekonferenz am Dienstag.

(Foto: dpa)

Eine Jobcenter-Mitarbeiterin, ein Vater und eine Psychologin meldeten damals Auffälligkeiten. Inzwischen sind in dem Fall fünf weitere Kinder in Obhut genommen worden.

Von Jana Stegemann, Düsseldorf

Welche Rolle spielte das Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont im Fall des tausendfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde? Warum überließ die Behörde dem 56-jährigen hauptverdächtigen Dauercamper 2017 ein sechsjähriges Mädchen als Pflegetochter - obwohl es 2016 mehrere Hinweise auf den Mann gegeben hatte?

Aufklären konnte die niedersächsische Behörde die Vorwürfe bislang nicht - mit der Begründung, die Akten zu dem Fall seien im vergangenen Dezember von der ermittelnden Staatsanwaltschaft Detmold konfisziert worden, es gebe keine Kopien. Mittlerweile erhielt der Landkreis die Akte zurück. Landrat Tjark Bartels (SPD) hat am Dienstag in einer Pressekonferenz eingeräumt, dass eine Jugendamtsmitarbeiterin wenige Tage vor Beschlagnahmung der Akten durch die Staatsanwaltschaft im Dezember 2018 einen Eintrag gelöscht hatte.

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Bei der Beweissicherung sei IT-Experten der Staatsanwaltschaft aufgefallen, dass die Akte nachträglich verändert worden war, die Ermittler konnten den am 13. Dezember entfernten Hinweis aber rekonstruieren.

Dabei handelt es sich um ein Genogramm des Hauptverdächtigen V., das die Mitarbeiterin selbst erstellt hatte. Ein Genogramm ist ein Stammbaum, der neben den Familienbeziehungen auch Freundschaften und sonstige Bindungen aufzeigt. Es soll im besten Fall das gesamte soziale System eines Menschen veranschaulichen und auch Rückschlüsse auf Verhaltensmuster zulassen.

Im Fall des 56-jährigen arbeitslosen Dauercampers, der seit Dezember in Untersuchungshaft sitzt, habe die Frau sehr eindeutig folgendes wiederkehrendes Muster erkannt, sagte Bartels: "V. hat über Jahre immer wieder Kontakt zu jüngeren Mädchen gesucht und sie dann in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht." So sei es auch schon im Fall der Mutter des Pflegemädchens gewesen, die ihre Tochter mit 16 Jahren bekommen und das Mädchen schon als Baby immer wieder zu V. auf den Campingplatz gebracht hatte. Im Mai 2016 übertrug sie V. das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihr Kind; vor einer Jobcenter-Mitarbeiterin prahlte der arbeitslose Dauercamper mit einer "Schenkungsurkunde".

Die Ermittler gehen von mehr als 34 Mädchen und Jungen aus, die zu den Opfern des massenhaften sexuellen Missbrauchs auf dem Campingplatz "Eichwald" zählen. Dabei soll die Pflegetochter des Hauptverdächtigen nicht nur Missbrauchsopfer gewesen, sondern auch als Lockvogel eingesetzt worden sein. Im Kreisausschuss in Detmold teilte der Chef des Jugendamts Lippe, Karl-Eitel John, am vergangenen Montag mit, dass fünf Kinder im Zusammenhang mit dem Fall Lügde in Obhut genommen wurden. Nach Angaben des NRW-Innenministeriums von Mittwoch handelt es sich um vier Kinder eines alleinerziehenden Vaters, von denen drei Opfer des Missbrauchs auf dem Campingplatz geworden seien. Das vierte Kind sei vorsorglich in Obhut genommen worden. Der Vater werde schon länger der Beihilfe zum Missbrauch verdächtigt und gehört zum Kreis der sieben Tatverdächtigen im Fall Lügde.

Vier Monate nicht besucht

"Das Muster, das die Jugendamtsmitarbeiterin erkannte, ist wohl ein Lehrbuchhinweis auf Pädophilie", sagte Bartels. Trotzdem alarmierte die Mitarbeiterin niemanden. Sie ist mittlerweile vom Dienst freigestellt, ebenso wie der Jugendamtsleiter. Am 15. Februar war bereits bekannt geworden, dass dieser nachträglich die Akte manipuliert hatte, um zu vertuschen, dass V. und seine Pflegetochter vier Monate lang nicht vom sozialpädagogischen Dienst besucht worden waren. Mit dem Fall der Pflegetochter und ihrer Familie waren Bartels zufolge seit 2011 zehn bis zwölf Personen befasst. Das Zusammenspiel mit dem Jugendamt Lippe und der Polizei Lippe sei nicht optimal gewesen, bedauerte der Landrat. Der Fall Lügde weitet sich auch immer mehr zu einem Polizeiskandal aus, so verschwanden unter anderem155 Datenträger mit mutmaßlich kinderpornografischen Inhalten aus einer Asservatenkammer der Polizei. Mehrere Beamte von der Polizei Lippe wurden bereits versetzt oder suspendiert.

Eingestehen musste Bartels auch, dass dem Jugendamt insgesamt vier Hinweise auf Dauercamper V. vorlagen. Innerhalb eines halben Jahres haben demnach im Jahr 2016 eine Jobcenter-Mitarbeiterin zweimal sowie ein Vater und eine Kindergarten-Psychologin je einmal einen entsprechenden Verdacht auf sexuellen Missbrauch und Pädophilie geäußert. Die Psychologin habe ein "ungutes Gefühl" gehabt und das auch explizit geäußert. Da könne "Pädophilie im Spiel sein", zitierte Bartels die Frau. Die Hinweise seien alle in den Akten vermerkt.

Bislang hatte Bartels gesagt, dass das Jugendamt nur Hinweise auf unpassende Wohnverhältnisse bekommen habe. Dass allein schon die völlig vermüllte Parzelle des Dauercampers eine Kindeswohlgefährdung darstelle, dem widersprach Bartels: "Unschöne Randbedingungen sind kein Hinweis auf Pädophilie."