Fall Lügde Sonderermittler soll "Polizeiversagen" aufklären

  • Bei den Ermittlungen im Missbrauchsfall von Lügde ist Beweismaterial verschwunden - und zwar ausgerechnet aus Räumlichkeiten der ermittelnden Kriminalpolizei.
  • Ein Koffer und eine Hülle mit etwa 155 Datenträgern fehlen. Sonderermittler sollen das Verschwinden aufklären.
  • NRW-Innenminister Herbert Reul spricht von einem "Polizeiversagen" und einem "Desaster".
Von Jana Stegemann, Düsseldorf

Das, was Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstagabend in Düsseldorf verkündet hat, ist kaum zu glauben. Im Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde ist wichtiges Beweismaterial verschwunden - und zwar ausgerechnet aus Räumlichkeiten der ermittelnden Kriminalpolizei im Kreis Lippe. Das Material war im Dezember im Wohnwagen des 56-jährigen Hauptverdächtigen Andreas V. sichergestellt worden.

Reul nannte den Vorgang bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz im Landtag am Donnerstagabend "ein Desaster". Man müsse in diesem Fall "klar von Polizeiversagen" sprechen, so Reul weiter, "ich bin fassungslos".

Ein Sonderermittler soll das Verschwinden aufklären

Außerdem wurden bei der Auswertung der Beweismittel "schwere handwerkliche Fehler gemacht", sagte Reul, "dies gilt sowohl für die Auswertung des eingesetzten Personals als auch für die Struktur der Ermittlungen".

Am vergangenen Montag habe er daher einen Sonderermittler und vier Beamte des Landeskriminalamtes zu dessen Unterstützung nach Detmold geschickt, die das Verschwinden der Asservate und die Fehler bei deren Auswertungen aufklären sollen.

Ein Koffer und eine Hülle mit etwa 155 Datenträgern - CDs und wohl auch DVDs - würden seit mehreren Wochen in der Kreispolizeibehörde Lippe vermisst. Zuletzt habe man die beiden Asservate am 20. Dezember 2018 gesehen, ihr Verschwinden sei angeblich aber erst am 30. Januar aufgefallen. Heißt auch: In den Tagen dazwischen hat sich offenbar niemand um die Auswertung dieser Datenträger gekümmert. Der Alukoffer habe in einem unzureichend gesicherten Raum der Kripo gestanden, zu dem viele Personen Zugang gehabt hätten. Warum die Beweismittel verschwunden sind, sei bisher unklar. Reul wollte aber auch Vorsatz nicht ausschließen, sagte er vor Journalisten.

Tatort Campingplatz: Es ist nicht der erste schwere Fehler der Behörden

Von den 155 Datenträgern seien erst drei CDs - von denen Sicherungskopien gemacht wurden - ausgewertet worden. Auf ihnen seien Fotos gespeichert gewesen, jedoch kein kinderpornografisches Material. Ob sich solches aber auf den restlichen Datenträgern mit 0,7 Terabyte Speicherplatz befinde, ist Reul zufolge unklar. Ermittler hatten bei den drei Tatverdächtigen - dem 56-jährigen Dauercamper V., dem 33-jährigen Mario S. aus Steinheim und dem 48-jährigen Heiko V. aus Stade - die seit Ende 2018 bzw. Anfang 2019 in Untersuchungshaft sitzen, im Missbrauchsfall insgesamt etwa 14 Terabyte kinderpornografisches Material sichergestellt.

In dem einen der zwei Wohnwagen des Hauptverdächtigen V. hatten die Ermittler bei einer ersten Durchsuchung bereits mehr als 100 CDs neben einer auf eine Couch gerichtete Videokamera gefunden. V. war am 6. Dezember auf dem Campingplatz "Eichwald" verhaftet worden, er hatte noch versucht zu fliehen. Gegen drei weitere Tatverdächtige wird im Fall Lügde derzeit wegen Datenlöschung und Beihilfe ermittelt.

Das verschwundene Beweismaterial ist nicht der erste schwere Fehler der Behörden in dem monströsen Missbrauchsfall in Ostwestfalen-Lippe, der durch die Anzeige einer Mutter am 20. Oktober 2018 aufgedeckt wurde. Schon 2016 gab es bei der Polizei Hinweise auf den heutigen Hauptverdächtigen. Die Polizisten hätten die Hinweise auf sexuellen Missbrauch zwar an das zuständige Jugendamt weitergeleitet, aber nicht der Staatsanwaltschaft übermittelt, wie es eigentlich Vorschrift gewesen wäre. Gegen einen mittlerweile pensionierten Polizisten und eine Polizistin läuft deswegen auch ein Verfahren wegen Strafvereitelung im Amt. Die Polizistin ist derzeit wegen psychischer Probleme vom Dienst freigestellt. Es werde genau geprüft, ob diese beiden Beamten die drei Tatverdächtigen kannten, so Reul.

In der vergangenen Woche hatte zudem das Jugendamt Hameln-Pyrmont, das dem Hauptverdächtigen 2017 offiziell ein damals sechsjähriges Mädchen als Pflegetochter zugesprochen hatte, eingeräumt, dass ein Mitarbeiter nachträglich die Jugendamtsakte des Mädchens manipuliert habe. Das heute achtjährige Mädchen und weitere 30 Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren sollen über einen Zeitraum von zehn Jahren auf dem Campingplatz sexuell missbraucht und dabei auch gefilmt worden sein.

Es habe "viele Versäumnisse" bei der Polizei gegeben. "Die fünf Beamten werden keinen Stein auf dem anderen lassen", sagte Innenminister Reul am Ende seines Statements am Donnerstag vor Journalisten im Landtag und wandte sich an die vielen Opfer in dem Fall. "Es tut mir unendlich leid, was passiert ist. Und ich kann dafür im Namen der NRW-Polizei und der gesamten Landesregierung nur um Entschuldigung bitten."

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