Polizeiskandal Möglicherweise Beweismaterial im Missbrauchsfall Lügde verbrannt

Dieser Geräteschuppen des Hauptverdächtigen wurde offenbar von der Polizei übersehen.

(Foto: privat)
  • Ermittler durchsuchen den Schuppen des Hauptverdächtigen im Fall Lügde erst Tage, nachdem ein Abrissunternehmer ihn leergeräumt hat. Der Inhalt wurde bereits verbrannt.
  • Die Polizei und der nordrhein-westfälische Innnenminister erklären sich.
  • Ein Kriminologe findet die Rechtfertigung der Polizei "peinlich".
  • Ein Opferanwalt sagt, er habe noch nie einen Fall erlebt, bei dem derart nachlässig und fehlerhaft ermittelt worden sei.
Von Jana Stegemann, Düsseldorf, und Britta von der Heide, Lügde

Im Fall des Missbrauchsskandals auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde hat es offenbar eine weitere erhebliche Ermittlungspanne gegeben. Möglicherweise ist Beweismaterial unwiederbringlich zerstört worden.

Nach Informationen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung haben Polizei und Staatsanwaltschaft einen Schuppen des Hauptbeschuldigten erst durchsucht, nachdem der Verschlag von einem Abrissunternehmer bereits Tage zuvor leergeräumt worden war. In einer gemeinsamen Pressemitteilung am Montagabend erwähnen die Ermittler das nicht. Sie erklärten, bislang nicht gewusst zu haben, dass der Schuppen dem Hauptverdächtigen zuzuordnen sei.

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Abrissschutt wurde verbrannt

Der mutmaßliche Tatort auf dem Campingplatz in Lügde ist seit Ende März von den Ermittlern offiziell freigegeben worden. Der Abrissunternehmer Christopher Wienberg aus Bad Pyrmont hatte den Auftrag für den Abriss der Campingplatz-Behausung des Hauptverdächtigen erhalten. Gegenüber Reportern von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung sagte er, seine Mitarbeiter und er hätten aus dem Schuppen mehrere Kisten herausgetragen und in Container mit Abrissschutt geworfen ohne sie zu durchsuchen: "Es ist ja eigentlich auch nicht unsere Aufgabe nach Spuren hier zu suchen oder zu gucken, ob irgendwo was vergessen wurde." Die Container mit dem Schutt wurden anschließend zu einer Müllverbrennungsanlage gefahren. Die zuständige Polizei Bielefeld und die Staatsanwaltschaft Detmold teilten auf Anfrage mit, dass sie nichts von den Kisten wüssten und der Schuppen auch von weiteren Personen benutzt worden sei.

Die Polizei fand Werkzeuge und Metallschrott

Reporter von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung hatten am Montagnachmittag bei der Polizei Bielefeld angefragt, ob der Schuppen in direkter Nähe zur Parzelle des Hauptverdächtigen durchsucht worden sei. Polizei und Staatsanwaltschaft beantworteten diese Frage ebenfalls nicht. In einer gemeinsamen Pressemitteilung teilten sie allerdings Stunden später mit, sie hätten im Rahmen von Ermittlungen auf dem Campingplatz in Lügde einen Geräteverschlag festgestellt, der dem Hauptbeschuldigten zuzuordnen sei. Bei einer Durchsuchung seien Werkzeuge und Metallschrott gefunden worden, allerdings keine Gegenstände, die als Beweismittel in Frage kämen.

Diese Durchsuchung hatte allerdings erst nach der Anfrage der Reporter und damit auch drei Tage nach der Entrümpelung durch den Abrissunternehmer stattgefunden. Die Abrissarbeiten auf der Parzelle des Hauptverdächtigen im Fall Lügde wurden von der Polizei nicht überwacht; Bauarbeiter hatten in den vergangenen Tagen mehrfach Datenträger im Schutt gefunden, zuletzt mehr als zehn Videokassetten. Außerdem eine CD, auf der sich laut Polizei "Kinderpornografie befinden könnte, die aber nicht in Zusammenhang mit den Ermittlungen steht". Vergangenen Freitag hatte es noch geheißen, die CDs und Disketten enthielten "keine relevanten" Daten.

Insgesamt wurden bereits 35 Tonnen Schutt und Sperrmüll vom Campingplatz entsorgt, die Parzelle des Hauptverdächtigen im Fall Lügde soll auf Wunsch des Campingplatzbesitzers eine Wiese werden.

Opferanwalt kritisiert Ermittler

Anwalt Roman von Alvensleben, der ein achtjähriges Opfer vertritt, sagte, er habe noch nie einen Fall erlebt, bei dem derart nachlässig und fehlerhaft ermittelt worden sei. "Dass jetzt ein ganzer Schuppen, der sich gerade dazu eignet, Dinge zu verstecken, unbeachtet geblieben ist, erscheint schon sehr grotesk." Auswirkungen auf den Prozess könnten die neuen Funde haben, "weil sich die Strategie der Verteidigung dadurch beeinflussen lassen könnte", sagte von Alvensleben, "natürlich hat das aber auch Auswirkungen auf das Vertrauen, dass wir in Ermittlungsorgane haben".

Innenminister Herbert Reul (CDU) verteidigte die Polizei. "Dass dieser Gerätestand erst jetzt dem Tatverdächtigen zugeordnet werden konnte, liegt an den nur schwer zu klärenden Nutzungsverhältnissen auf dem Campingplatz", erklärte er. Reul steht wegen der pannenreichen Ermittlungen zunehmend unter Druck. Am Wochenende hatte es aus der SPD im nordrhein-westfälischen Landtag erste Rücktrittsforderungen gegeben. Den neueren Funden maß Reul wenig Bedeutung bei. Sie hätten sich "als nicht erheblich für das Verfahren erwiesen", sagte er. Ob die VHS-Kassetten relevant seien, werde zurzeit ermittelt.

"Jeder einzelne Beweis ist für jedes einzelne Opfer von immenser Bedeutung. Daher halte ich nichts davon, dass das Ganze durch Schutzbehauptungen kleingeredet wird. Verantwotungsübernahme wäre angezeigt", findet hingegen Opferanwalt Roman von Alvensleben.

Kriminologe: Polizei sollte Fehler aufdecken - nicht vertuschen

Dass die Bielefelder Polizei die Abrissarbeiten auf dem Campingplatz nicht überwachte, ist für den Kriminologen Thomas Feltes von der Universität Bochum ein "nicht entschuldbarer Fehler". Die Ermittler hätten damit rechnen müssen, dass "beim Abriss doch noch etwas zum Vorschein kommt", findet Feltes. Die Erklärungen der Behörde überzeugen ihn nicht: "Diese Versuche, jetzt von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, sind nur peinlich." Das Innenministerium und die Polizei müssten vielmehr konstruktiv mit Fehlern umgehen "und nicht ständig versuchen, sie zu vertuschen".

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