Missbrauch in Lügde Abrissarbeiter entdecken weitere Datenträger

Kinderspielzeug im Müll: Auf dem Campingplatz verschwinden die Spuren.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)
  • Beim Abriss der Behausung des Hauptverdächtigen im Fall des tausendfachen sexuellen Missbrauchs in Lügde sind nicht nur weitere CDs und Disketten aufgetaucht, sondern auch VHS-Kassetten.
  • Die Polizei teilt mit, man habe bisher keine Hinweise auf weitere Opfer auf den nun gefundenen Datenträgern finden können.
  • Verwunderung löst die Aussage der Polizei aus, man habe keine richterliche Genehmigung für eine Zerstörung und damit gründlichere Durchsuchung der Behausung gehabt.
  • Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR haben Polizei und Staatsanwaltschaft einen Schuppen des Hauptbeschuldigten auf dem Campingplatz bis Montagabend übersehen.
Von Jana Stegemann, Düsseldorf, und Britta von der Heide, Lügde

Christopher Wienberg kann es nicht fassen. Er hat soeben mehr als zehn Videokassetten gefunden. Im Bauschutt vom Campingplatz. In dem, was übrig geblieben ist von der Behausung des Hauptverdächtigen im mutmaßlich tausendfachen Kindesmissbrauch von Lügde. Oben auf dem Container liegen die schwarzen VHS-Kassetten. Wienberg ruft erneut die Polizei an, er zittert, er ist außer sich: "Was soll ich denn jetzt machen?", fragt der 29-jährige Abrissunternehmer aus Bad Pyrmont am Montagmittag ins Telefon.

Was auf den Kassetten ist, weiß er nicht.

Mit den beiden Containern voller Bauschutt steht Wienberg zu diesem Zeitpunkt alleine an der Entsorgungsstelle.

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Nach dem erneuten Fund von Datenträgern im Missbrauchsskandal von Lügde fordert die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag den Rücktritt des Innenministers. Reul sei ein Sicherheitsrisiko.

Am Morgen hatte die Polizei Bielefeld ihn angerufen und gebeten, für die beiden letzten Container einen Abladeplatz zu finden. Man wolle noch mal den Schutt durchsuchen, teilten die Beamten mit. Später meldeten sie sich wieder: Man komme doch nicht, es könne entsorgt werden. Neun Container mit 35 Tonnen Schutt und Müll des 56-jährigen Dauercampers und Hauptverdächtigen Andreas V. waren da bereits auf einer Deponie verbrannt worden.

Seit vergangenen Dienstag laufen die Abbrucharbeiten auf dem Campingplatz "Eichwald", nachdem der Tatort vor zwei Wochen offiziell freigegeben worden war. Bereits am Donnerstag und Freitag hatten Wienberg und seine Kollegen beim Sortieren des Bauschutts insgesamt fünf Datenträger entdeckt. Seitdem steht die Frage im Raum: Haben die Ermittler geschlampt? Sind ihnen Beweismittel entgangen, die sie hätten finden können - oder müssen?

Opferanwalt Roman von Alvensleben ist davon überzeugt: "Es ist nicht ausreichend zu sagen, wir haben schon genug Beweismittel. Es geht um jedes einzelne Opfer und sein Bedürfnis nach Aufklärung."

Der Abrissunternehmer Christopher Wienberg aus Bad Pyrmont steht vor dem Geräteschuppen, den die Polizei bisher übersehen hatte.

(Foto: privat)

Eine gemeinsame Anfrage von SZ, WDR und NDR ließ die Polizei unbeantwortet, stattdessen verschickte sie eine Pressemitteilung - kurz nach Wienbergs Videokassetten-Fund. Man habe bisher keine Hinweise auf weitere Opfer auf den Datenträgern finden können. "Aufgrund von Beschädigungen lässt sich aktuell lediglich eine CD teilweise auslesen", heißt es in dieser Mitteilung. Deren Daten seien aber "nicht relevant". Die Behörden bleiben auch bei ihrer Version, dass die Datenträger in einem doppelten Boden im Wohnwagen des Verdächtigen versteckt gewesen sein sollen, wo sie sie nicht finden konnten.

Wienberg sagt dazu: "Ich kann nicht sagen, wo die CDs und Disketten gelegen haben, weil wir sie gefunden haben, als sie uns vor die Füße gefallen sind." Für den Abrissunternehmer ist unverständlich, warum Polizei und Staatsanwalt die Abrissarbeiten nicht begleiteten. "Die ganze Parzelle war bebaut von vorne bis hinten, es waren abgehangene Decken vorhanden, die Fußböden waren teilweise mit drei verschiedenen Belägen verkleidet."

Mit seiner Verwunderung ist Wienberg nicht alleine. Michael Mertens, Chef der Gewerkschaft der Polizei in NRW, stellte im ZDF die gleiche Frage; die NRW-SPD hatte nach Bekanntwerden des erneuten Fundes nach Freigabe des Tatorts gar den Rücktritt von Innenminister Herbert Reul (CDU) gefordert. Der hatte eingeräumt, es könne sein, dass noch mehr auf dem Campingplatz gefunden werden würde. Eine weitere Ermittlungspanne im vor Polizeipannen strotzenden Lügde-Fall? Mindestens sechsmal war der Tatort durchsucht worden, sogar Deutschlands einziger Datenspürhund kam zum Einsatz.

Die Lügde-Ermittler teilten mit, dass die Polizei eine "intensive, sehr kleinteilige Untersuchung der Tatorte betrieben habe, die dem Standard einer Mord- oder Totschlagsermittlung entsprochen habe". Hohlräume habe man dabei nicht entdeckt. Dass eine Zeugin die Polizei in ihrer Aussage auf Verstecke des Hauptverdächtigen hingewiesen haben will, wirft weitere Fragen auf.

Hätte die Polizei den Boden aufreißen dürfen? "Generell ist es so - und ich spreche ausdrücklich nicht für den Fall Lügde - dass die Polizei bei Durchsuchungen mit allen erforderlichen Mitteln vorgehen darf", sagt Carsten Neubert vom Landeskriminalamt Bayern. Natürlich sei es eine Abwägungssache: "Wenn ich etwas kaputt mache, muss ich begründen, warum ich es kaputt mache. Wenn man davon ausgehen muss, dass Beweismittel unter Böden oder in Möbelstücken versteckt sind, müssen diese notfalls mit Gewalt geöffnet werden."

Für eine Zerstörung des Wohnwagens und seiner Anbauten habe man keine richterliche Genehmigung gehabt, heißt es hingegen von der Polizei Bielefeld. Es habe auch "keine Veranlassung gegeben, Beamte tagelang für Beobachtungen der Abrissarbeiten abzustellen oder selbst auf Kosten der Steuerzahler einen Abriss vorzunehmen".

Georg Prüfling ist als ehemaliger Leiter des Erkennungsdienstes in Bonn und Dozent für "Tatortinspektion" an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg irritiert von diesen Aussagen: "Die Strafprozessordnung gibt in ihren Paragrafen 94 ff und 102 ff den Ermittlungsbehörden eine Vielzahl von Ermächtigungen zur Sicherung und Suche von Beweismitteln an die Hand."

Wienberg und seine Kollegen hatten beim Sortieren des Bauschutts insgesamt fünf Datenträger entdeckt.

(Foto: privat)

Am späten Montagabend teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit, dass auf den elf Videokassetten bisher keine strafrechtlich relevanten Inhalte, sondern Unterhaltungssendungen gefunden wurden. Man ziehe auch die Möglichkeit in Betracht, dass die Datenträger nachträglich auf den Schutt gelegt worden seien, so die Polizei. Ein grüner Geräteschuppen, der dem Hauptverdächtigen Andreas V. gehört - aber einige Meter von seiner Parzelle entfernt steht, wurde am Montagabend zum ersten Mal durchsucht. Zuvor hatten sich Reporter von SZ, NDR und WDR bei der Polizei nach der Hütte erkundigt.

Die Ermittler behaupten, bisher nichts von dem Verschlag gewusst zu haben; der Campingplatzbesitzer sagte jedoch, er habe die Beamten schon vor einiger Zeit darüber informiert. Bei der heutigen Erstdurchsuchung seien Werkzeuge und Metallschrott gefunden worden - allerdings keine strafrechtlich relevanten Materialien, hieß es von der Polizei. Unerwähnt blieb in der Behördenmitteilung, dass der Abrissunternehmer den Schuppen längst ausgeräumt hatte, da der Tatort seit Ende März offiziell wieder freigegeben worden war.

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