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Missbrauch:Das wahre Versagen im Fall Lügde

Abriss der Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde

Abriss der Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde

(Foto: dpa)
  • Sechs Mal wurde der Campingplatz "Eichwald" im nordrhein-westfälischen Lügde durchsucht, trotzdem tauchte dort immer wieder neues Beweismaterial auf.
  • NRW-Innenminister Herbert Reul hat die Detmolder Staatsanwaltschaft aufgefordert, das Areal erneut zu durchsuchen.
  • Am Samstag gab die Bielefelder Polizei bekannt, dass weitere Polizisten hinzugezogen werden. Bislang waren 66 Ermittler mit dem Fall beschäftigt.

Das Ausmaß der sexuellen Gewalt auf dem Campingplatz in Lügde verstört immer wieder neu, und mindestens ebenso verstört es, wie Schlamperei, Unfähigkeit und Vertuschung bei den zuständigen Behörden dazu beitrugen, dass die Gewalt immer weiterging und nun nicht so aufgearbeitet werden kann, wie es bitter nötig wäre. Da liegt es nahe und in der Logik des politischen Geschäfts, dass die SPD-Opposition im nordrhein-westfälischen Landtag den Rücktritt des CDU-Innenministers Herbert Reul verlangt: Reul hat vollständige Aufklärung versprochen, und dann finden wie zum Hohn die Abrissarbeiter im Schutt des Bretterverschlags, in dem der mutmaßliche Haupttäter lebte, noch eine CD und zwei Disketten mit belastendem Material, das die Polizei übersehen hat.

Die Rücktrittsforderung ist aber vor allem ein Zeichen der Hilflosigkeit: Es geht in Lügde nicht ums Regierungsversagen, die Ursache des Desasters liegt tiefer. Das Wort vom Staatsversagen wurde in jüngster Zeit zu oft und schnell verwendet - hier aber wäre es tatsächlich angebracht.

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Es hat, weit über die Regierung hinaus, der Staat mit seinen Institutionen die Kinder alleingelassen, die da ihren Vergewaltigern ausgeliefert waren. Polizei und Jugendamt haben nicht mit all ihrer Kompetenz und Zugriffsmacht die Menschenwürde geschützt; sie haben dazu beigetragen, dass sie weiter mit Füßen getreten werden konnte. Da war das Jugendamt, das die Hinweise auf die pädophile Struktur des Campingplatzbewohners ignorierte, die ihm gar ein Kind zur Pflege anvertraute. Da war die Polizei, die nach einem sehr konkreten Hinweis nicht selber ermittelte, sondern die Sache einfach weiter ans Jugendamt leitete.

Da sind die außerhalb aller professionellen Standards befragten Kinder, die auf rätselhafte Weise verschwundenen Beweismittel, die Aktenmanipulationen. Das ist nicht einfach die Ansammlung von Pannen - das ist ein Syndrom. Seit mindestens zehn Jahren erfährt das Thema Kindesmissbrauch höchste öffentliche Aufmerksamkeit, und immer noch und immer wieder gibt es dieses Ausmaß an Wahrnehmungsunfähigkeit und Täterschutz. Es gibt diese Unempfindlichkeit gegenüber den Opfern und den Unwillen zur schonungslosen Aufarbeitung von Fehlern.

Zu recht steht die katholische Kirche am Pranger, weil sie nur unter großem Außendruck und mit vielen inneren Widerständen beginnt, sich den systemischen Ursachen der sexuellen Gewalt in ihrem Bereich zu stellen. Der gleiche Prozess ist aber auch vom Staat zu fordern, von den Jugendämtern, von der Polizei, den Landesregierungen und der Bundesregierung; von Kindergärten, Schulen, allen Institutionen, wo das Hinsehen und Handeln geübt werden muss. Das beginnt bei der Frage, ob die Jugendämter für diese Aufgabe ausreichend ausgestattet und vorbereitet sind und ob es richtig ist, dass jede Kommune selber entscheidet, wie sie die allgemeinen Vorgaben des Bundes konkret umsetzt.

Es geht weiter bei der Debatte, ob nicht neu justiert werden muss, wann das - zu recht in Deutschland hoch gehaltene - Elternrecht zu Gunsten des Kindeswohls zurückstehen muss. Und es endet bei möglichen neuen Gesetzen: In den USA haben Provider eine gesetzliche Meldepflicht, wenn sie auf ihren Servern Kinderpornografie entdecken, in Deutschland bislang noch nicht.

Es braucht einen Lernprozess: Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist kein schwiemeliges Kavaliersdelikt. Es ist ein schweres Verbrechen, das Menschenleben zerstört. Und so sollte es auch behandelt werden.

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