Italien:Auf dem "Lampa Lampa" übers Meer

Hope erzählt mit monotoner Stimme von ihrer Reise nach "Europe-a", wie sie es nennt. Es hört sich wie "Iuroopiia" an, ein bisschen wie Utopia. Die Reise führte sie aus dem Hinterland von Lagos nach Kano, weiter nach Agadez in Niger, auf Motorrädern, in Kofferräumen, auf überfüllten Pick-ups durch die Wüste nach Sebha in Libyen, wo man sie im Mai dieses Jahres einen Monat festhielt, schlug und vergewaltigte.

Sie braucht nie deftige Worte, auch wenn sie unerhörte Sachen erzählt, von Leuten etwa, die über ihren Köper verfügt hätten, als wäre er ihr Besitz. Oft sagt sie: "Das war nicht schön, gar nicht schön." Oder: "Es war nicht einmal 'safe', es war hart." Sie kaut an den Fingernägeln wie ein Kind, plötzlich lehnt sie so weit zurück im Bürostuhl, dass der beinahe kippt.

Nach einem Monat in Sebha holte man sie nach Sabratha, einer Küstenstadt im Westen von Tripolis, für den "Push". So nennen die Schleuser den Moment, wenn sie die Flüchtlinge ins Meer "stoßen". Sie bringen sie dann auf diese "Lampa Lampa", wie die Libyer die billigen Gummibooten aus China nennen. Ihr Boot, sagt Hope, sei vom Morgengrauen bis am Abend unterwegs gewesen, immer nahe am Kentern, dann seien sie gerettet worden.

Von wem? "Von euch Leuten, von euch Europäern." Sie wurde in ein Auffanglager nach Sardinien gebracht. Sie rief ihre "Madame" in Mailand an, die ihr vom besseren Leben erzählt hatte. Den Italienern sagte sie, die Frau sei ihre Tante. "Sie sagten: echt, deine Tante? Dann ließen sie mich gehen." Die Auffanglager sind wie Siebe, da kommt jeder raus, der rauskommen will.

Sie fuhr mit dem Schiff nach Genua und von dort mit dem Zug weiter nach Mailand. Die "Tante" schloss sie in ihre Wohnung ein. Dann kamen die Männer - "to fuck". Sie sagt das Wort mechanisch, erwachsen. Mit 18. Als sie mal unbeobachtet war, floh sie aus der Wohnung der falschen Tante. Einfach weg, unterwegs in einem Land, das sie nicht kannte. Mit dem Bus in den Süden, irgendwohin. Bis San Benedetto del Tronto, in den Marken, dort auf Rat eines Passanten zur Caritas. Und die brachten sie zur Hilfsorganisation "On the road", in die Fluchtwohnung.

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