Italien:Wie viele Frauen wussten wohl, was sie in Europa erwartete?

Wie viele glaubten tatsächlich, dass sie da als Kellnerinnen, Friseurinnen, Pflegerinnen arbeiten würden, wie man es ihnen versprochen hatte? Sorgoni erzählt von einem Fall, da hätten die Menschenhändler in Nigeria einen Friseurkurs für dreißig Frauen organisiert. Es war eine Maskerade, auch diese Frauen wurden dann gezwungen, sich zu prostituieren.

Natürlich spricht sich das herum, daheim, in Nigeria. Wenigstens in Lagos oder Benin City, den großen Städten des Landes. Die Zahlen sind dennoch angestiegen. Die Frauen kommen nun vor allem aus Dörfern in der Provinz, wo die bösen Geschichten vielleicht noch nicht bekannt sind. Und sie sind jünger als in den Jahren davor, viele sind minderjährig.

Früher kamen die Nigerianerinnen mit dem Flugzeug, mit falschen Ausweisen. Damals war Paris der Hub. Etwa 70 000 Euro verlangten die Händler für die Reise und das Fälschen der Pässe. Die Frauen brauchten viele Jahre, um ihre Schulden abzuzahlen. Kunde um Kunde. Seit sie nun über Libyen geschleust werden, ist die Reise billiger geworden, weil sie wahnsinnig gefährlich ist, weil es auf dieser Route keine Papiere braucht.

25 000, 35 000 Euro, je nachdem. Darum, sagt der Forscher Sorgoni, setzen die Händler nun auf Masse. "Sie rekrutieren zwanzig Mädchen in Nigeria, und wenn dann sechs oder sieben von ihnen auf dem Weg durch die Wüste und über das Meer verloren gehen, verdursten oder ertrinken - ja, dann arbeiten sie eben mit dem Dutzend, das ankommt."

"On the road" setzt sich für Frauen auf der Straße ein

Am östlichen Ende der "Bonifica" liegt Martinsicuro, eine kleine Stadt am Meer, ein Badeort ohne Charme, der sich im Sommer jeweils zur Großstadt aufpumpt. Im Winter ist sie tot. Rumänische Arbeiter stutzen die Platanen und die Palmen an der Promenade. An vielen Häusern hängen Verkaufsschilder, der Putz an den Balkonen blättert ab.

Etwas Klasse hat nur die Gedenkstätte für Padre Pio im Park bei der Via delle Lancette. Und "On the road", die Organisation, die sich für die Frauen auf der Straße einsetzt und hier ihren Sitz unterhält: vier große Büros, stapelweise Hilfsgüter. Sie wird vom Staat finanziert. Italien lagert seine Unfähigkeit, dem Phänomen beizukommen, an fünfzig engagierte Bürger aus, die die Frauen medizinisch versorgen, sie über die Gefahren unterrichten, ihnen Kondome bringen.

"On the road" versucht, möglichst viele junge Nigerianerinnen von der Straße zu holen. Sehr oft gelingt das nicht, weil sich die Mädchen fürchten - vor ihren "Madames" und vor dem Fluch, der sich auf sie legen würde, wenn sie weglaufen, bevor sie ihre Schuld beglichen haben. Man sagt ihnen, sie würden sofort krank werden, wenn sie den Schwur brechen, und ihre Familien daheim gleich auch.

Hope, 18 Jahre alt, und Blessing, 23, liefen dennoch weg. Ihre Namen sind erfunden. Man soll sie nicht erkennen können. Hope und Blessing sind jetzt in der "Fluchtwohnung" der Organisation untergebracht. Das ist ein geheimer Ort, an dem sie keine Handys haben dürfen, keinen Zugang zu sozialen Medien, keine Kontakte zu anderen nigerianischen Mädchen. Damit ihre "Madames" sie nicht finden können.

Sie sollen Italienisch lernen, sich irgendwann integrieren können. "Sie sind erst mit einem Fuß draußen", sagt Vincenza Castelli, die zuständig ist für die Aufnahme und die Betreuung der Frauen. Das Netz der nigerianischen Mafia sei so unglaublich engmaschig gestrickt, dass ihm nichts entgehe, keine Ankunft. "Es ist das beste Netz der Welt."

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