Italien:Wie nigerianische Frauen in Italien zur Prostitution gezwungen werden

Nigerian ex-prostitute 'Beauty' (a pseudonym), poses in a social support centre for trafficked girls near Catania in Italy

Nigerianische Frauen, die die Flucht wagen, kommen in geheimen Wohnungen von Hilfsorganisationen unter. Viele von ihnen sind minderjährig.

(Foto: Tom Esslemont/Reuters)
  • In der Mitte von Italien boomt das Geschäft mit nigerianischen Prostituierten.
  • Die Mafia versklavt junge Frauen, die aus der Provinz in ein neues Leben aufbrechen und dann nach ganz Europa zur Prostitution vermittelt werden.
  • Die Organisation "On the road" hilft Frauen, die von ihren Zuhältern geflohen sind.

Von Oliver Meiler, Martinsicuro

Alles an dieser Geschichte klingt fürchterlich und falsch, schon der Name der Straße, an der sie spielt: "La Bonifica". So heißt sie tatsächlich. Bonifica ist das italienische Wort für die Trockenlegung eines Sumpfes. Die Provinzstraße liegt genau auf der Grenzlinie zwischen den Marken und den Abruzzen, zwei Regionen in der Mitte Italiens, auch darum fühlt sich niemand wirklich zuständig. Im Osten die Adria, flach wie ein See. Im Westen die Berge des Gran Sasso, mit Schnee bedeckt. 15 Kilometer mit Schlaglöchern, vorbei an Fabriken, die auch schon mehr Arbeit hatten.

Fast auf der gesamten Länge ist die Straße von Schilfwäldern gesäumt. Und von Mädchen aus Nigeria. Auch an diesem Wintermorgen, bei zwei Grad, stehen da alle paar Dutzend Meter junge Frauen in knappen Röcken, grellpinken Tops und hochhackigen Schuhen. Sie wärmen sich an Feuern aus kleinen Stahlbehältern.

Das Holz haben sie auf dem Kopf hergetragen, kilometerweit. Der Rauch des Feuers mischt sich mit dem Hauch ihres warmen Atems. "Ciao!" Die Autofahrer passieren langsam und mustern die Frauen, als säßen die in einem besonders langen Schaufenster. Im Volksmund wird die "Bonifica" auch "Strada dell' amore" genannt, Straße der Liebe, und das klingt natürlich noch falscher.

Die nigerianische Mafia arbeitet schon lange mit lokalen Verbrecherbanden zusammen

Man kennt diesen Strich überall in Italien. Er ist zum Symbol eines Phänomens geworden, das im Schatten der Migrationsströme der vergangenen Jahre immer größer geworden ist. 2016 kamen 11 009 Nigerianerinnen von Libyen über das Mittelmeer nach Italien. "Von ihnen", sagt der Soziologe Fabio Sorgoni, der seit vielen Jahren über Menschenhandel forscht, "enden achtzig Prozent auf Straßen wie der 'Bonifica'." Sie arbeiten da für 8, 9 oder 10 Euro pro "Dienst".

Hinten im Schilf, wo feuchte Matratzen liegen. Versklavt von der nigerianischen Mafia. Von Zuhälterinnen, den "Madames", die sie mit dem Versprechen auf eine Arbeit und ein besseres Leben nach Europa gelockt hatten und sie mit dem "Juju" an sich banden, einem Voodoo-Schwur, den die Mädchen leisten. Manchmal müssen sie ein Tier mitbringen, es töten, vom Blut trinken, die Innereien essen, die Leber, das Herz. Und sie lassen ein Büschel eigenes Haar da, Fingernägel oder eigenes Blut - als Pfand. So wird die Verbindung zum Gefängnis, zur fatalen Verstrickung.

"Italien ist zur Drehscheibe dieses Menschenhandels geworden", sagt Sorgoni. Die nigerianische Mafia arbeite schon lange mit der lokalen Mafia zusammen, mit Cosa Nostra, der 'Ndrangheta und der Camorra. Die haben mit der Prostitution sonst nicht viel zu tun, mitverdienen wollen sie aber schon.

Die Nigerianer bezahlen für die Bodennutzung, für jeden Meter Straßenstrich, und sie entrichten Steuern an das organisierte Verbrechen. "Der Staat versucht zu reagieren, doch die Clans sind immer viel schneller", sagt Sorgoni. Die Frauen werden verschoben, von einer Straße zur anderen. Wenn eine gut ankommt wird sie eine Weile nach Barcelona oder Paris geschickt - unter ständiger Aufsicht. Es ist ein Kreislauf der Ausbeutung.

Wie viele Frauen wussten wohl, was sie in Europa erwartete?

Wie viele glaubten tatsächlich, dass sie da als Kellnerinnen, Friseurinnen, Pflegerinnen arbeiten würden, wie man es ihnen versprochen hatte? Sorgoni erzählt von einem Fall, da hätten die Menschenhändler in Nigeria einen Friseurkurs für dreißig Frauen organisiert. Es war eine Maskerade, auch diese Frauen wurden dann gezwungen, sich zu prostituieren.

Natürlich spricht sich das herum, daheim, in Nigeria. Wenigstens in Lagos oder Benin City, den großen Städten des Landes. Die Zahlen sind dennoch angestiegen. Die Frauen kommen nun vor allem aus Dörfern in der Provinz, wo die bösen Geschichten vielleicht noch nicht bekannt sind. Und sie sind jünger als in den Jahren davor, viele sind minderjährig.

Früher kamen die Nigerianerinnen mit dem Flugzeug, mit falschen Ausweisen. Damals war Paris der Hub. Etwa 70 000 Euro verlangten die Händler für die Reise und das Fälschen der Pässe. Die Frauen brauchten viele Jahre, um ihre Schulden abzuzahlen. Kunde um Kunde. Seit sie nun über Libyen geschleust werden, ist die Reise billiger geworden, weil sie wahnsinnig gefährlich ist, weil es auf dieser Route keine Papiere braucht.

25 000, 35 000 Euro, je nachdem. Darum, sagt der Forscher Sorgoni, setzen die Händler nun auf Masse. "Sie rekrutieren zwanzig Mädchen in Nigeria, und wenn dann sechs oder sieben von ihnen auf dem Weg durch die Wüste und über das Meer verloren gehen, verdursten oder ertrinken - ja, dann arbeiten sie eben mit dem Dutzend, das ankommt."

"On the road" setzt sich für Frauen auf der Straße ein

Am östlichen Ende der "Bonifica" liegt Martinsicuro, eine kleine Stadt am Meer, ein Badeort ohne Charme, der sich im Sommer jeweils zur Großstadt aufpumpt. Im Winter ist sie tot. Rumänische Arbeiter stutzen die Platanen und die Palmen an der Promenade. An vielen Häusern hängen Verkaufsschilder, der Putz an den Balkonen blättert ab.

Etwas Klasse hat nur die Gedenkstätte für Padre Pio im Park bei der Via delle Lancette. Und "On the road", die Organisation, die sich für die Frauen auf der Straße einsetzt und hier ihren Sitz unterhält: vier große Büros, stapelweise Hilfsgüter. Sie wird vom Staat finanziert. Italien lagert seine Unfähigkeit, dem Phänomen beizukommen, an fünfzig engagierte Bürger aus, die die Frauen medizinisch versorgen, sie über die Gefahren unterrichten, ihnen Kondome bringen.

"On the road" versucht, möglichst viele junge Nigerianerinnen von der Straße zu holen. Sehr oft gelingt das nicht, weil sich die Mädchen fürchten - vor ihren "Madames" und vor dem Fluch, der sich auf sie legen würde, wenn sie weglaufen, bevor sie ihre Schuld beglichen haben. Man sagt ihnen, sie würden sofort krank werden, wenn sie den Schwur brechen, und ihre Familien daheim gleich auch.

Hope, 18 Jahre alt, und Blessing, 23, liefen dennoch weg. Ihre Namen sind erfunden. Man soll sie nicht erkennen können. Hope und Blessing sind jetzt in der "Fluchtwohnung" der Organisation untergebracht. Das ist ein geheimer Ort, an dem sie keine Handys haben dürfen, keinen Zugang zu sozialen Medien, keine Kontakte zu anderen nigerianischen Mädchen. Damit ihre "Madames" sie nicht finden können.

Sie sollen Italienisch lernen, sich irgendwann integrieren können. "Sie sind erst mit einem Fuß draußen", sagt Vincenza Castelli, die zuständig ist für die Aufnahme und die Betreuung der Frauen. Das Netz der nigerianischen Mafia sei so unglaublich engmaschig gestrickt, dass ihm nichts entgehe, keine Ankunft. "Es ist das beste Netz der Welt."

Auf dem "Lampa Lampa" übers Meer

Hope erzählt mit monotoner Stimme von ihrer Reise nach "Europe-a", wie sie es nennt. Es hört sich wie "Iuroopiia" an, ein bisschen wie Utopia. Die Reise führte sie aus dem Hinterland von Lagos nach Kano, weiter nach Agadez in Niger, auf Motorrädern, in Kofferräumen, auf überfüllten Pick-ups durch die Wüste nach Sebha in Libyen, wo man sie im Mai dieses Jahres einen Monat festhielt, schlug und vergewaltigte.

Sie braucht nie deftige Worte, auch wenn sie unerhörte Sachen erzählt, von Leuten etwa, die über ihren Köper verfügt hätten, als wäre er ihr Besitz. Oft sagt sie: "Das war nicht schön, gar nicht schön." Oder: "Es war nicht einmal 'safe', es war hart." Sie kaut an den Fingernägeln wie ein Kind, plötzlich lehnt sie so weit zurück im Bürostuhl, dass der beinahe kippt.

Nach einem Monat in Sebha holte man sie nach Sabratha, einer Küstenstadt im Westen von Tripolis, für den "Push". So nennen die Schleuser den Moment, wenn sie die Flüchtlinge ins Meer "stoßen". Sie bringen sie dann auf diese "Lampa Lampa", wie die Libyer die billigen Gummibooten aus China nennen. Ihr Boot, sagt Hope, sei vom Morgengrauen bis am Abend unterwegs gewesen, immer nahe am Kentern, dann seien sie gerettet worden.

Von wem? "Von euch Leuten, von euch Europäern." Sie wurde in ein Auffanglager nach Sardinien gebracht. Sie rief ihre "Madame" in Mailand an, die ihr vom besseren Leben erzählt hatte. Den Italienern sagte sie, die Frau sei ihre Tante. "Sie sagten: echt, deine Tante? Dann ließen sie mich gehen." Die Auffanglager sind wie Siebe, da kommt jeder raus, der rauskommen will.

Sie fuhr mit dem Schiff nach Genua und von dort mit dem Zug weiter nach Mailand. Die "Tante" schloss sie in ihre Wohnung ein. Dann kamen die Männer - "to fuck". Sie sagt das Wort mechanisch, erwachsen. Mit 18. Als sie mal unbeobachtet war, floh sie aus der Wohnung der falschen Tante. Einfach weg, unterwegs in einem Land, das sie nicht kannte. Mit dem Bus in den Süden, irgendwohin. Bis San Benedetto del Tronto, in den Marken, dort auf Rat eines Passanten zur Caritas. Und die brachten sie zur Hilfsorganisation "On the road", in die Fluchtwohnung.

"Ich dachte, Europa sei besser als Nigeria"

Auch Blessing kam über Niger und Libyen nach Italien, zuerst nach Sizilien. Den Namen der Stadt hat sie vergessen. Ihre Haare sind zu Zöpfen gebunden. Blessing ist Friseurin. "Ich dachte, Europa sei besser als Nigeria - wenigstens das, besser als Nigeria", sagt sie und lacht. "More okay." Manchmal stottert Blessing beim Reden, immer nur kurz, zum Beispiel wenn sie über ihre kranke Mutter spricht, der sie die Reise verschwiegen habe, die sie einfach zurückließ. Oder wenn sie von ihren Ängsten auf dem "Lampa Lampa" spricht. "Wir weinten", sagt sie, "alle weinten wir." Hope sagt zu Blessing, sie solle mal einen Punkt machen, sie quassle zu viel. Sie lachen, zum Glück haben sie einander.

Für die Frauen, die ihren Peinigern davonlaufen, sagt die Betreuerin Castelli, sei der schwierigste Moment der erste Anruf nach Hause, nach Nigeria. Es sitzen dann immer eine kulturelle Vermittlerin und eine Psychologin dabei. "Was man da hört, ist ein Skandal", sagt Castelli. Manchmal seien die Eltern dermaßen enttäuscht, dass die Tochter weggelaufen sei, dass sie sie auffordern, sofort zurückzugehen.

Und dies, obschon die Töchter erzählen, was man ihnen alles antut. Oft heiße es dann am anderen Ende, sie habe keine Wahl, die Mutter sei nämlich plötzlich krank geworden, der Vater liege im Sterben, man werde bedroht von den Leuten, die die Reise organisiert hatten. Und von den Geistern.

Der "Juju", sagt Castelli, habe eine ungeheuerliche Macht über die Mädchen. "Bevor ich es nicht mit eigenen Ohren gehört hatte, wie sie untereinander darüber sprechen, hielt ich die Geschichte für übertrieben." Der Schwur ist ein Käfig. Viele trauen sich erst dann, von ihren "Madames" wegzulaufen, wenn sie ihr Pfand gefunden haben und es ihr entreißen können.

Castelli holt jetzt eine Kartonschachtel aus ihrem Büro, die bei einem Prozess gegen Menschenhändler zur Verhandlung kam. Es ist die Verpackung eines Handys von Nokia. Ein halbes Dutzend gefalteter A-4-Blätter liegt darin, jedes mit einem Namen drauf. Eingewickelt in den Blättern: Kopfhaare, Schamhaare, braune Fingernägel, Wattebäusche mit Blut und Rasierklingen, die beim Ritual dienten. Doch ob das schon reicht, um die Geister zu besänftigen?

Pro Jahr trauen sich nur ungefähr zehn Frauen, von der "Bonifica" wegzulaufen. Zehn von Hunderten. Weg vom Lagerfeuer in "Europe-a".

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