Häusliche Gewalt:"Es ist keine Privatsache"

Lesezeit: 4 min

Häusliche Gewalt: Seit 2018 führt der Landkreis Ebersberg eine Kooperation mit dem Erdinger Frauenhaus - eigentlich müssten für die beiden Landkreise aber gut doppelt so viele Plätze zur Verfügung stehen.

Seit 2018 führt der Landkreis Ebersberg eine Kooperation mit dem Erdinger Frauenhaus - eigentlich müssten für die beiden Landkreise aber gut doppelt so viele Plätze zur Verfügung stehen.

(Foto: Mikko Stig/dpa)

Häusliche Gewalt hat zugenommen seit der Pandemie, sie ist nicht nur häufiger, sondern auch schlimmer gewesen, hat eine Umfrage ergeben. Ein Social Start-up will nun gegen das Problem vorgehen.

Von Kathrin Werner

Die Geste ist klein und unauffällig. Klein genug, damit der Täter sie nicht wahrnimmt. Und doch groß genug, dass das Opfer hoffen kann, jemand möge sie bemerken. Erst hebt man die Hand hoch, mit der Innenfläche nach vorne wie beim Winken, aber mit eingeklapptem Daumen. Dann schließt man die anderen vier Finger um den Daumen herum zur Faust.

Es ist eine kleine Geste mit großer Bedeutung, mit ihr sollen Opfer von häuslicher Gewalt in Videochats um Hilfe bitten. Entwickelt hat das Handzeichen die Canadian Women's Foundation vor gut einem Jahr, da hatte die Welt schon erste Erfahrungen gemacht mit den Lockdowns der Corona-Pandemie. Und es war ja so: Oft saßen die Opfer zusammen mit den Tätern fest, weg waren plötzlich die alten Kontakte zu Freundinnen, Freunden oder Familie. Und dann ist manchmal eben niemand da, der die blauen Flecken sieht, die Schwellungen, die Narben. Der helfen kann.

Häusliche Gewalt, so viel steht mittlerweile fest, hat zugenommen seit Beginn der Pandemie. Notruf-Hotlines sind überlastet, weil sich immer mehr Frauen an sie wenden. Allein im April 2020 setzten Frauen europaweit laut Weltgesundheitsorganisation bis zu 60 Prozent mehr Notrufe ab als im April 2019. Eine repräsentative Umfrage der neu gegründeten Organisation Frontline 100, die der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt, zeigt nun, dass nicht nur die Zahl der Frauen gestiegen ist, die häusliche Gewalt erleben, sondern dass die Täter, meist sind es Männer, sich auch schlimmer verhalten als vor der Pandemie. 39 Prozent der Frauen, die in der Umfrage angaben, von häuslicher Gewalt betroffen zu sein, sagten, die Gewalt sei seit Corona intensiver geworden.

Statistisch gesehen bringt alle drei Tage ein Partner oder Ex-Partner eine Frau um

Frontline ist eine neue Organisation, hinter der vier Gründerinnen und Gründer stecken, die sich vor allem über ihr Studium an der Hertie School in Berlin kennen. Zwei der Gründungsmitglieder, Babatunde Williams und Ba Linh Le, waren selbst von häuslicher Gewalt betroffen. Die vier sind gerade dabei, aus Frontline ein Unternehmen zu machen, ein sogenanntes Social Start-up, das den gesellschaftlichen Nutzen über den Profit stellt. Als ersten Arbeitsschritt haben sie nun die Umfrage machen lassen; das Meinungsforschungsinstitut Yougov hat dafür mehr als 2000 Menschen in Deutschland befragt.

Dass Gewalt im eigenen Zuhause ein massives gesellschaftliches Problem ist, lässt sich auch aus bisher vorhandenen Daten und Statistiken erkennen. Eine von vier deutschen Frauen erfährt laut Bundesfamilienministerium im Laufe ihres Lebens physische oder sexualisierte Gewalt von einem Partner. Jeden Tag registriert die Polizei in Deutschland einen Tötungsversuch an einer Frau. Statistisch gesehen bringt jeden dritten Tag ein Partner oder Ex-Partner eine Frau um. In den vergangenen 20 Jahren sind mehr deutsche Frauen von ihren aktuellen oder ehemaligen Partnern getötet worden, als europäische Soldaten im gleichen Zeitraum im Afghanistan-Einsatz starben, betont Frontline-Mitgründer Williams. "Für viele Menschen ist das eigene Zuhause ein Kriegsgebiet", sagt er.

Die Umfrage im Auftrag von Frontline hat herausgefunden, dass häusliche Gewalt oft sehr lange andauert, bei mehr als einem Drittel der Opfer in Deutschland länger als drei Jahre. Oft liegt das auch daran, dass Hilfsangebote fehlen oder die Betroffenen nicht erreichen. Wenn der Partner, der prügelt, auch das Handy überwacht und sich sowieso ständig im selben Raum aufhält, ist es schwer, eine Hotline anzurufen. 20 Prozent der Betroffenen, das ergab die Umfrage, sprechen deshalb mit niemandem über ihre Erfahrungen.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht, immerhin. Denn in der Pandemie haben Opfer insgesamt eher Hilfe gesucht als früher. Frontline zufolge liegt das vor allem daran, dass es zuletzt einige Kampagnen gab, die Betroffene über Hilfsmöglichkeiten informierten, etwa eine Poster-Aktion des Bundesfrauenministeriums in 26 000 Supermärkten.

Besonders deutlich war laut der Frontline-Umfrage der Anstieg der Frauen, die am Arbeitsplatz über ihre Erlebnisse sprachen. Während sich vor der Pandemie nur neun Prozent der Opfer an Kolleginnen und Kollegen wandten, waren es während der Pandemie 21 Prozent. Oft sind sie damit allerdings nicht erfolgreich. Nur ein Drittel der Opfer hatte das Gefühl, von seinen Vorgesetzten oder der Personalabteilung unterstützt zu werden. Frontline plant, Kurse für Führungskräfte, Personalabteilungen und interessierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzubieten, in denen diese zu erkennen lernen, ob eine Mitarbeiterin oder Kollegin oder, wenn auch seltener, ein Mitarbeiter oder Kollege von häuslicher Gewalt betroffen ist.

Häusliche Gewalt erkennen lernen

Gewalt durch Lebenspartner sei das letzte Feld, das viele Menschen für eine Privatangelegenheit halten, sagt Williams. Bei Gewalt gegen Kinder habe sich das zum Beispiel in den vergangenen Jahren geändert - da sehen etwa Nachbarn eine Verantwortung, einzuschreiten. Ba Linh Le findet, dass in Deutschland mehr über häusliche Gewalt gesprochen werden müsse. "Es ist keine Privatsache", sagt sie. "Wer davon hört und nicht einschreitet, wird Teil des Problems, weil Schweigen wie Dulden ist."

In einer zweiten Umfrage hat Frontline mehr als 1000 Führungspersonen und Personalmanager in Deutschland zu häuslicher Gewalt befragt. Das Ergebnis: Ein Viertel von ihnen hält es in bestimmten Situationen für gerechtfertigt, den Partner oder die Partnerin zu schlagen. Als gute Gründe gelten ihnen zum Beispiel, dass die Partnerin ihre Aufgaben im Haushalt nicht gut genug erledigt oder sich dem Sex verweigert. Von diesen Managern können Mitarbeiterinnen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind und sich trauen, am Arbeitsplatz darüber zu sprechen, freilich kaum Hilfe erwarten.

Da dürfte das Handzeichen mit dem eingeklappten Daumen schon eher Erfolg versprechen. Gerade hat die Geste, die sich vor allem über die Videoclip-Plattform Tiktok verbreitet hat, einem amerikanischen Teenager das Leben gerettet. Die 16-Jährige hatte es aus einem fahrenden Auto heraus gezeigt. Ein anderer Autofahrer sah sie, verfolgte den Wagen und alarmierte die Polizei. Der Entführer wurde festgenommen, das Mädchen ist frei.

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