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Golden Globes:Ein Abend voller Kampfansagen

"Zu lange wurde Frauen nicht geglaubt": US-Entertainerin Oprah Winfrey hält bei den Golden Globes eine so emotionale wie deutliche Rede. Sie und viele andere nutzen an diesem Abend ihre Kleidung zum Protest - und stellen damit die bisherigen Ansprüche der Branche auf den Kopf.

Wenn die Schönen und Reichen und Hoffnungsvollen der Filmindustrie für eine Preisverleihung zusammenkommen, gilt ein eisernes Prinzip: Das Ziel ist, die größte Wirkung zu erzeugen. In erster Linie für sich, in zweiter Linie für die Filme, für die man steht. Die meisten nutzen dabei ihre Kleidung und ihr Styling, um sich abzuheben, Mode und optischer Ausdruck gelten ja heute gerne als Statement. Doch diesmal kam eine neue Dimension dazu: Es war ein Abend voller Kampfansagen.

"Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte US-Entertainerin Oprah Winfrey auf der Bühne, nachdem sie in der Nacht auf Montag in Beverly Hills den Golden Globe für ihr Lebenswerk in Empfang genommen hatte. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht dieser Männer (im Showbusiness) aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Die Wahrheit auszusprechen, sei die mächtigste Waffe.

Golden Globes

Black Carpet in Beverly Hills

Mit ihrer emotionalen Rede rührte Winfrey viele Zuhörer zu Tränen. Die Golden Globes sind die erste namhafte Preisverleihung der US-Filmindustrie seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Filmproduzent Harvey Weinstein Anfang Oktober und seit Beginn der "Me Too"-Debatte. Winfrey war an diesem Abend ganz in Schwarz gekleidet, wie die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen, und so war diesmal schon beim ersten Anblick alles anders als bei anderen Preisverleihungen oder Premierenabenden. Denn bei den diesjährigen Golden Globes drängte ein Thema alles andere in den Hintergrund, optisch wie inhaltlich: der Protest der Frauen gegen Ausbeutung und Machtmissbrauch.

Hunderte Hollywoodgrößen haben zu Beginn des Jahres eine Initiative gestartet, die die Debatte darüber weiterführen und in Ergebnisse überführen will. Sie heißt: "Time's up", die Zeit ist abgelaufen. Ein Fonds bietet rechtliche Unterstützung in Fällen sexueller Belästigung für Frauen, die selbst für die Kosten nicht aufkommen können. Um ein sichtbares Zeichen zu setzen, riefen die Initiatorinnen dazu auf, bei den Golden Globes Schwarz zu tragen - als Zeichen der Trauer und Solidarität.

Protest war am Sonntagabend schon auf dem roten Teppich vor dem Beverly Hilton Hotel zu sehen - auf symbolische Art und Weise. Meryl Streep, Susan Sarandon, Nicole Kidman und viele andere Schauspielerinnen liefen alle in der gleichen Farbe an den Fotografen und TV-Kameras vorbei: in Schwarz. So wollten die Hollywoodgrößen gegen sexuellen Missbrauch protestieren und ihre Solidarität mit betroffenen Frauen ausdrücken. Stars wie Emma Watson und Michelle Williams wurden von Frauen-Aktivistinnen zu der Gala begleitet, darunter Tarana Burke, die die "Me Too"-Bewegung gegen sexuelle Übergriffe gestartet hatte. Nur vereinzelte Gäste der Verleihung trugen farbige Outfits.

Die Frauen wollten so einen Moment der Solidarität schaffen. Nicht über den roten Teppich laufen und sich nett im Kreis drehen, während sie von den vielen Fotografen abgelichtet werden. "Jahrelang haben wir Frauen diese Award-Shows verkauft, mit unseren Kleidern und Farben, mit unseren schönen Gesichtern und unserem Glamour", erklärte Eva Longoria im Vorfeld. Damit sollte nun Schluss sein. Später sagte sie: "Es ist mehr als ein Moment. Es ist eine Bewegung."

"Euer Schweigen ist das Problem"

Nun mag man den Effekt so einer schwarzen Robe für gering halten. Man kann die Aufregung um ein paar Meter Stoff belächeln oder sogar verurteilen, wie die Schauspielerin Rose McGowan. Sie hatte Weinstein als eine der Ersten öffentlich beschuldigt, sie 1997 vergewaltigt zu haben. Damals hatte sie Schweigegeld von dem Produzenten angenommen, nun ist sie eine laute Stimme der "Me Too"-Bewegung. Vor der Verleihung twitterte McGowan: "Ihr nehmt ohne mit der Wimper zu zucken einen Fake-Award an und bewirkt null Veränderung ... Euer Schweigen ist das Problem."

Vielleicht wäre es ein noch deutlicheres Zeichen gewesen, hätte eine große Anzahl von Schauspielerinnen auf ihre Teilnahme an der Preisverleihung oder auf ihre Auszeichnungen verzichtet. Doch ganz unterschätzen sollte man die Macht von ein paar Metern Stoff auch nicht. Schwarz, nach der Farblehre von Johannes Itten eine Nichtfarbe, hat eine starke Wirkung. "Schwarz hatte schon immer sehr komplizierte und vielschichtige Bedeutungen", sagte Valerie Steele, die Direktorin des Museums am Fashion Institute of Technogloy der New York Post. Den Ursprung ihrer Bedeutung verdankt die Nichtfarbe dem Mittelalter: Da stand Schwarz nicht für Trauer und Traurigkeit, sondern für Glamour - weil das Färben der Kleidung so teuer war.

Kleidungsstile reagieren auf das aktuelle Zeitgeschehen, Mode und Protest gehören oft zusammen. Viele Revolutionen drückten und drücken sich modisch aus. Angefangen bei den Sansculotten, den Bürgern ohne Kniebundhosen im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Als Arbeiter und Kleinbürger trugen sie, im Gegensatz zum Adel, lange Hosen, die besser für ihre Arbeit geeignet waren. Über die Suffragetten, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Weiß, Grün und Lila kleideten, um für das Frauenwahlrecht zu protestieren, über die Hippies der 1960er Jahre, die lange Haare, Schlaghosen und Batik trugen, um für Frieden zu demonstrieren. Bis zu den Hundertausenden Frauen, die sich Anfang 2017 "Pussy Hats", rosa Strickmützen, aufsetzten, um ein optisches Zeichen gegen die Politik von US-Präsident Donald Trump zu liefern.

"Wer hätte gedacht, dass wir jemals Fashion-Ikonen sein würden?"

Bei der Verleihung der Oscars im vergangenen Jahr fiel eine andere Farbe auf: Hellblau. Etliche prominente Frauen und Männer trugen eine Schleife, angesteckt an verschiedenen Stellen ihrer Kleidung. Darauf die die Buchstaben "ACLU", ein Symbol für die American Civil Liberties Union. Diese ist eine der einflussreichsten Bürgerrechtsorganisationen der USA und kippte damals mit ihrer Klage Trumps Einreiseverbot. Nach der Verleihung bedankte sich die gemeinnützige Organisation auf Twitter bei allen Trägerinnen und Trägern des Abends: "Wer hätte gedacht, dass wir jemals Fashion-Ikonen sein würden?"

Bei den diesjährigen Golden Globes lief die Preisverleihung jedoch trotz des Protests in Schwarz in weiten Teilen eher traditionell ab. An der einen oder anderen Stelle gab es bissige Bemerkungen zur Rolle der Frauen im Filmbusiness. Als Schauspielerin Natalie Portman etwa die Nominierten für den Award des besten Regisseurs verkündete, sagte sie sichtlich unzufrieden: "Und hier sind die ausschließlich männlichen Nominierten."

Viele der Preise der 75. Golden Globes gingen allerdings an Filme mit starken Frauenrollen und einer politischen Botschaft. Die Geschichte einer kämpferischen Mutter, die endlich den Mord an ihrer Tochter aufgeklärt haben will und dabei auf Polizeiwillkür und Rassismus stößt, war der Abräumer des Abends. Für den Film mit dem sperrigen Titel "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" von Regisseur Martin McDonagh gab es vier Preise, darunter den Top-Preis als bestes Drama und den Globe für Frances McDormand als beste Hauptdarstellerin.

Auch Frances McDormand trug Schwarz, als sie ihren Preis entgegennahm. Und auch sie nahm sich das Mikrofon: "Ich habe ein paar Dinge zu sagen", meinte sie. "Ich werde mich kurz halten, weil wir hier schon eine Weile sind und etwas Tequila brauchen. An alle Frauen in dieser Kategorie: An die Bar, der Tequila geht auf mich!" An diesem Abend gab es etwas zu Feiern unter den Frauen.

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Preisverleihung

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