Partnerschaftsgewalt:80 Prozent der Opfer sind Frauen

Lesezeit: 2 min

Partnerschaftsgewalt: Alkoholmissbrauch spiele eine nicht zu unterschätzende Rolle bei häuslicher Gewalt, heißt es vom Bundeskriminalamt.

Alkoholmissbrauch spiele eine nicht zu unterschätzende Rolle bei häuslicher Gewalt, heißt es vom Bundeskriminalamt.

(Foto: Ute Grabowsky/imago images/photothek)

Die angezeigten Gewalttaten in Partnerschaften sind 2021 leicht gesunken, doch der Trend ist ein anderer: Gewalt gegen Frauen ist in Deutschland nach wie vor schrecklicher Alltag.

Von Till Uebelacker, Berlin

Alle 20 Minuten klingelt das Telefon bei der Beratungsstelle "Gewalt gegen Frauen", jeweils 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr hebt eine Beraterin ab. Sie versucht dann, erst einmal Vertrauen aufzubauen, anonym. Sie erklärt den Frauen, wo sie Hilfe finden, wie sie Beweise im Geheimen sammeln können für eine mögliche Anzeige. Beweise für die Gewalt, die sie erleiden, oft täglich, dort, wo sie sich eigentlich sicher fühlen sollten: zu Hause.

Wie akut das Problem der Partnerschaftsgewalt nach wie vor ist, zeigten am Donnerstag Innenministerin Nancy Faeser (SPD) und Familienministerin Lisa Paus (Grüne) in Berlin auf. Die Behörden registrieren 2021 bundesweit 143 604 Fälle, in denen ein Partner oder Expartner Gewalt ausübte oder dies versuchte. Mit 80,3 Prozent wurden überwiegend Frauen Opfer solcher Delikte, die von Körperverletzung über Stalking bis hin zu Vergewaltigung und Mord reichten.

Zwar ging die Zahl der Fälle um 2,5 Prozent im Vergleich zum ersten Corona-Jahr 2020 leicht zurück, allerdings ist der Trend ein anderer: Die Zahl war in den vergangenen Jahren stetig gewachsen, sodass im Fünfjahresvergleich ein Anstieg um 3,4 Prozent zu verzeichnen ist. Zudem ist das sogenannte Dunkelfeld wohl deutlich größer, da die meisten Opfer nicht zur Polizei gehen.

Die Ministerinnen wollen nun mehr Frauen zur Anzeige ermutigen und die Polizeibehörden sensibilisieren. "Wir dürfen Gewalt gegen Frauen niemals akzeptieren. Sondern wir müssen ihr entschlossen entgegentreten", sagte Faeser. "Männer, die Gewalt gegen Frauen ausüben, egal ob psychische oder physische, sind Straftäter." Es dürfe keine Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen geben. "Wenn Männer Frauen töten, weil sie Frauen sind, dann ist es angemessen und auch notwendig, von Femizid zu sprechen."

Familienministerin Paus verwies auf die erschütternde Realität in Deutschland: Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner. 2021 sind laut der kriminalstatistischen Auswertung 113 Frauen und 14 Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt mit tödlichem Ausgang geworden. "Realität ist auch, dass viele Gewaltopfer Angst haben, sich Hilfe zu holen. Deshalb brauchen wir ein flächendeckendes, niedrigschwelliges Unterstützungsangebot, in der Stadt genauso wie auf dem Land", so die Ministerin.

"23 Prozent der Täter stehen unter Alkoholeinfluss. Das ist ein erheblicher Risikofaktor."

Für dieses Beratungsangebot sind vor allem die Länder und Kommunen zuständig. Doch Frauenhäuser gelten als chronisch unterfinanziert, in Deutschland gibt es derzeit rund 350, dazu kommen etwa 100 Schutzwohnungen. "Jeder weiß, dass die derzeitigen Zahlen zu niedrig sind", sagte Paus.

Der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, nahm die Gruppe der Täter in den Blick, fast 80 Prozent sind, wie schon in den Vorjahren, männlich. Münch wies auf verbreitete patriarchale Einstellungen und tradierte Rollenbilder hin. Auch Alkoholmissbrauch spiele eine nicht zu unterschätzende Rolle. "23 Prozent der Täter stehen unter Alkoholeinfluss. Das ist ein erheblicher Risikofaktor."

Der BKA-Chef berichtete auch von einer Zunahme der Straftaten im Internet. Dies sei aber auch auf die jüngste Gesetzesverschärfung zurückzuführen. Seit 2021 müssen Drohungen und Beleidigungen im Netz von den Anbietern sozialer Netzwerke dem BKA gemeldet werden. Und auch Münch appellierte an Betroffene: "Wenden Sie sich an die Beratungsstellen oder an die Polizei."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema