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Mode:"Das ist das Gute an Männern, dass sie in der Mode so pragmatisch sind"

"Die können nicht im bunten Harlekin-Outfit Videokonferenzen machen." Dieter Betz, Maßschneider aus München, über seine Kunden.

(Foto: privat)

Seit 30 Jahren schneidert Dieter Betz vermögenden Männern Anzüge auf den Leib. Jetzt, wo viele von ihnen im Home-Office sind, bietet er ihnen auch Jogginghosen an - von 1000 Euro an aufwärts.

Interview von Mareen Linnartz

Schwarze FFP2-Maske im Gesicht, Meterband um den Hals, dazu eine Anzugkombination mit grau-blau karierter Weste, die manche vielleicht gewagt finden könnten, die Dieter Betz, 55, aber ausgezeichnet steht. Seit 30 Jahren hat der Maßschneider für Männer einen Laden unweit der Münchner Maximilianstraße, Flanier- und Einkaufsmeile der Reichen und Möchtegernreichen zugleich. Seine etwa 1000 Stammkunden sind vermögend, kommen aus München wie aus Sankt Petersburg, leiten Großkonzerne oder Familienunternehmen und teilen nun eine Erfahrung: Coronabedingt sitzen sie vermehrt im Home-Office. Also hat Dieter Betz sein Angebot angepasst: Statt auf den Leib geschneiderte Anzüge bietet er nun auch luxuriöse Jogginghosen an, zum Preis von 1000 Euro aufwärts.

SZ: Herr Betz, Sie haben hier auf dem Verkaufstresen in Ihrem Laden ein paar Jogginghosen ausgebreitet, in unterschiedlichen Farben, Grau, Blau ... Sie schauen etwas gequält?

Dieter Betz: Ich würde sie eher Haushosen nennen. Wir haben da jetzt richtig Gas gegeben. 70 Prozent der Einnahmen sind uns durch Corona weggebrochen. Normalerweise haben wir 60, 70 Hochzeiten, im vergangenen Jahr waren es nur vier. Und dann auch nur Standesamt. Da braucht man nur einen Anzug, aber keinen Smoking und keinen Cut.

Also haben Sie sich gedacht: Mache ich mal was anderes?

In meinem Beruf gibt es keine Routinen, am 1. 1. eines Jahres sind Sie immer ein Start-up. Die Mode wandelt sich ständig, es gibt keine Verlässlichkeiten. Gleich im ersten Lockdown haben wir angefangen, viele Schnitte für den Casual-Bereich zu entwickeln. Dann habe ich meinen Bestandskunden, von denen ich ja die Maße habe, die Stoffmuster zugeschickt und mit ihnen über Face-Time und Videokonferenz gesprochen.

Von Home-Office zu Home-Office gewissermaßen.

Ja. Da konnte ich dann auch noch mal die Schnitte zeigen. Ein Kunde kam aber auch im Laden vorbei und sagte: Hier, das ist meine Lieblingshose, die habe ich in Dubai gekauft, kannst du mir die nachnähen? Geht natürlich auch.

Jetzt stellt man sich die Frage: Was hat eine 1000-Euro-Jogging- beziehungsweise Haushose, was herkömmliche Modelle nicht haben?

Material, Verarbeitung, alles ist hochwertiger. Hier, die graue Hose: Das ist Wolljersey. Nicht Baumwolljersey wie normalerweise. Oder hier, in einem schönen Blauton: Kaschmir-Seide.

Ist Seide nicht etwas empfindlich, wenn man viel darauf sitzt?

Nein, im Gegenteil. Super angenehm zu tragen. Der Herr, für den ich das geschneidert habe, macht jetzt Home-Office auf seinem Schiff, auf dem er einen Teil des Jahres lebt. Der besitzt nicht eine Yacht, der hat ein Schiff.

Mit dem er vor Monaco ankert?

Weiß ich nicht, wo der gerade liegt. Ein russischer Kunde, er hat vier Wohnsitze, einer davon ist München. Für ihn schneidern wir seit vielen Jahren. Wenn er in der Schweiz in seinem Chalet ist, bekommt er meist Flanellhosen mit Kaschmir. Für das Schiff hat er sich Leinen- oder Seidenhosen bestellt. Jeder Kunde ist anders, manche mögen es eng geschnitten, dieser Kunde mag eher einen Beach-Style, wenn er barfuß auf seinem Schiff unterwegs ist, das muss alles easy sein. 1200 Euro hat die blaue Hose hier gekostet.

Dieter Betz nimmt für seine Anfertigungen natürlich nicht irgendeinen Stoff. Wolljersey statt Baumwolljersey zum Beispiel. Oder langstapligen Kaschmir. Den erkennt man daran, dass er nicht brennt, wenn man ein Feuerzeug dranhält.

(Foto: privat)

Ist da noch Luft nach oben?

Eine maßgeschneiderte Casual-Hose aus reinem Kaschmir beginnt bei etwa 1500 Euro - Qualität und Gewicht des Materials bestimmen den Preis. Wir arbeiten nur mit langstapligem Kaschmir, da ist eine Faser bestimmt fünf Zentimeter lang. Beim billigen sind es oft nur zwei Zentimeter. Kaschmir ist ein seltenes Material, damit wird viel Schindluder getrieben. Oft steht auf dem Etikett: Reiner Kaschmir, dabei ist Kunstfaser mit beigemischt. Ich kaufe eigentlich nichts, was nicht zertifiziert ist. Früher habe ich mal hier, mal da was gekauft auf Stoffmessen. Da musst dann halt mit dem Feuerzeug rangehen, um es zu überprüfen.

Mit dem Feuerzeug?

Wenn es brennt, weißt du: Da ist Kunststoff drin.

Sind Ihre Kunden besonders anspruchsvoll?

Sie sind qualitätsbewusst. Viele nehmen ein Modell gleich in mehreren Farben. Das ist das Gute an Männern, dass sie in der Mode oft so pragmatisch sind. Sie sagen: Ich brauche Blau, Grau, Anthrazit, Schwarz und das bitte alles mal zwei.

Bei Jogginghosen könnte es ja auch mal ein bisschen bunter werden - vielleicht ein Petrol oder ein helles Pink.

Welcher Mann fühlt sich denn in einem knalligen Joggingoutfit wohl? Also ich kenne keinen.

Aber in der Sportkleidung gibt es doch schon auch mal ein kräftiges Türkis?

Ja, aber das ist dann Functional- oder Sportswear. Bei uns geht es um Wohlfühlen. Außerdem sind das ja Unternehmer, die jetzt eben im Home-Office sitzen. Die entscheiden zum Teil über 12 000 Menschen. Die können nicht im bunten Harlekin-Outfit Videokonferenzen machen.

Was erzählen Ihre Kunden denn nun, wie sie es im Home-Office finden?

Die meisten kommen gut zurecht.

Auch die ganzen Vielflieger, die nun zu Hause festsitzen?

Wie es hinter den Kulissen aussieht, das weiß ich natürlich nicht. Mit meinen Kunden ist es so: Man kennt sich, es gibt ein Vertrauensverhältnis, aber man fragt sich jetzt nicht aus - kracht's bei euch? Was schon auffällig ist: Die äußeren Veränderungen.

Lange Haare?

Einige haben schon ordentlich zugelegt, andere wiederum haben sich komplett umgestellt, machen Yoga, ernähren sich vegan, sind gesundheitsbewusst. Ein Kunde hat sich sogar eine große Saftmaschine gekauft, geht jetzt mit seiner Frau in den Biomarkt zum Einkaufen, kocht wieder selbst und isst kein Fastfood mehr am Flughafen.

Kommentieren Sie das auch? Also: "Sie haben aber zugenommen"?

Ich sag da schon was. Das Maßband lügt nicht. Außerdem muss ich dann auch einen neuen Schnitt machen.

Wie genau würden Sie Ihre Kunden beschreiben?

50 Prozent sind München und Umland. Und der Rest die ganze Welt. USA, Teheran, viele aus Österreich und auch der Schweiz. Es gibt welche, die sind bisschen pfauiger. Und dann den Typ Bauunternehmer, Notar, der sich nicht so aufdringlich darstellen möchte.

Wird der, wenn die Pandemie vorbei ist, wieder seine Home-Office-Hosen wegräumen und auf seine Anzüge zurückgreifen?

Für festliche Anlässe wird der maßgeschneiderte klassische Anzug in jedem Fall bleiben. Aber, verstärkt durch das Home-Office, ist für uns der Trend das sogenannte Upper Casual. Man hat es schon in den vergangenen Jahren gemerkt, da kam immer öfter die Aufforderung: Machen Sie uns Anzüge, die sneakerstauglich sind. Jetzt haben wir angefangen, unter anderem auch Kaschmirpullover, Cardigans, Hoodies anzubieten. Wir setzen da drauf. Das ist die Zukunft.

© SZ/nas
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