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Ladies & Gentlemen:Lass wuchern!

Auf den Laufstegen treffen Spitzen auf Schultern (bei den Damen) und auf Ohren (bei den Herren).

Friseure wochenlang geschlossen, die Haare wachsen. Schlimm? Eigentlich nicht, zumindest wenn man sich auf den Laufstegen umschaut.

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Für sie: Die Pandemähne

(Foto: Valentino)

Haartrends sind hartnäckiger als andere Trends. Sie kommen von Laufstegen und aus Clubs, verbreiten sich von dort aus in den Großstädten und erreichen ein paar Jahre später die Friseursalons in der äußersten Provinz. Ungefähr dann also, wenn am Ausgangspunkt längst die Gegenbewegung losgegangen ist. Auf dem Laufsteg von Valentino trugen die Models kürzlich die sogenannte arschlange Mähne. Und das, obwohl Frauen auf der ganzen Welt gerade den Blunt Cut bevorzugen, also den ungestuften Bob, unten gerade abgeschnitten wie von einem Kind mit Bastelschere. Bob-Trägerinnen beim Friseur bemitleideten in den letzten Jahren still die Sexbombenfrauen neben ihnen, die an ihren völlig unmodischen langen Haaren hingen wie ein Verehrer an Rapunzels Zopf. Aber jetzt haben die Friseure zu, und unsere superernsten Bobs ihren Zenit, also den Moment, wo Spitzen auf Schultern treffen, längst überschritten. Jetzt heißt es tapfer sein und den Kontrollverlust über Haarsträhnen und das eigene Selbstbild aushalten. Denn seien wir ehrlich: Selbst die intellektuellste Blunt-Cut-Trägerin träumt heimlich von einer Playmate-Mähne. Selbst die modernste, sich überhaupt nicht über ihr Aussehen definierende Frau möchte nur noch eins: endlich wieder Spaß haben. Lange Haare sind ein Versprechen. Man kann sie im Meer sich winden lassen wie eine Medusa, man kann sich damit Platz auf der Tanzfläche schaffen, man kann mit ihnen kokettierendes Haarsträhnendrehen in einer Bar betreiben! Das alles wartet am Ende der Pandemie! Also Finger weg von der Schere.

Für ihn: Die Lockdown-Locken

(Foto: Filippo Fior / Courtesy of Hermès)

Den feinen Unterschied zwischen einem sexy Wuschellook und ungewaschen-verdrückten Haaren zu erkennen, das gehört zu den kniffligen Gratwanderungen des Mannseins. Das Problem hat man schon früh begriffen, als nämlich einst zum Schüleraustausch eine Horde männlicher Franzosen in den Ort einfiel, die mit ihren angeborenen Wuschelhaaren erst die Klassenschönheiten, dann die Lehrerin und schließlich die versammelten Mütter zum Gratinieren brachten. Dabei verwendeten diese Garçons keine einzige Minute auf ihre Haare, sondern trugen sie einfach so, wie sie waren, inklusive Haschbrösel - es war sehr ungerecht. Nun, da die Pandemie und das Berufsverbot für Friseure in eine Phase zähen Stillstands eingetreten sind, sehen sich weite Teile der männlichen Bevölkerung wieder an diese Jugendproblematik erinnert. Die Ohren bekommen Vordächer, der Nacken fühlt sich ungewohnt pelzig an, und nach dem Duschen denkt man zum ersten Mal seit Langem wieder an den Föhn. Kurzum: Der Typ im Spiegel sieht verwegen aus. Aber das passt zu den Herrenfrisuren auf den aktuellen Laufstegen - jede Menge "Out of Bed" und Boheme-Löckchen überall! Viele der Models wurden mühsam auf Tippelbruder getrimmt - wie hier etwa bei Hermès. So nah am realen Leben war High Fashion jedenfalls schon lange nicht mehr. Botschaft: Lass wuchern! Und warum auch nicht, im besten Fall wird man damit diesmal für einen Franzosen gehalten. Und wenn nicht, hat man für den komischen Look immerhin eine wirklich gute Entschuldigung.

© SZ
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