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Frisuren bei Männern:Lass mal lang

Als während der Pandemie die Friseurläden schließen mussten, gab es ein enormes Wachstum auf manchem Männerkopf. Hier zu sehen an Steve-O, bekannt aus "Jackass".

(Foto: instagram/steveo)

Die Corona-Zeit hat etwas verändert in und auf dem Kopf vieler Männer - das merken jetzt auch die Friseure. Über den Siegeszug der Pandematte.

Als Yunus Colak seinen Salon in München-Haidhausen Anfang Mai wieder aufmachte, war der Kalender sofort voll. Damit hatte er gerechnet. Was ihn überraschte, war der Wunsch vieler männlicher Kunden: "Die haben mich richtig gebremst, wenn ich schneiden wollte wie immer." Vor der sechswöchigen Zwangspause hätten fast alle es "möglichst kurz, kurz, kurz" gewollt. Nun aber baten ihn viele: Lass doch mal lang. Einen Monat später ist sich Colak heute sicher: Corona hat etwas verändert im Kopf der Männer. Und vor allem obendrauf.

Er ist nicht der Einzige. Der Münchner Friseur Danny Beuerbach berichtet, dass viele seiner Kunden zunächst sehr kurze Haare gewollt hätten, "quasi als Befreiungsschlag nach dem Lockdown". Jetzt aber kämen mehr und mehr, die die Frisur auch künftig so wuschelig lang tragen wollen, wie sie es während der Corona-Wochen getan haben. Die Pandematte greift um sich.

Selbst bei den Fachmännern für extrem kurz geschnittenes Haar, den sogenannten Barbern, macht sich die Veränderung bemerkbar. Dirk Schlobach, Geschäftsführer der Kette Barber House, sagt: "Seit der Wiedereröffnung sind bei uns weniger Zero-Fade-Schnitte gefragt." Damit meint er die modischen Kurzhaarschnitte, die an der Seite und hinten fast bis zur Kopfhaut rasiert sind. Das treffe auf all seine Läden in München und Hamburg zu.

Wettbewerb in volksnaher Zotteligkeit

In den Jahresrückblicken 2020 werden Frisuren, so kann man jetzt schon prognostizieren, eine zentrale Rolle spielen. An wenigen Dingen wurde die unsichtbare Bedrohung durch das Virus so gut sichtbar wie am ungebremst sprießenden Kopfhaar etwa von Markus Söder, der sich zwischenzeitlich mit Winfried Kretschmann einen regelrechten Wettbewerb in volksnaher Zotteligkeit lieferte.

Seltsamerweise entzündete sich auch die öffentliche Empörung vieler Bürger in den Industriestaaten weniger an den mies umgesetzten Pandemieplänen ihrer Regierungen als am staatlich untersagten Coiffeurbesuch. Auf Corona-Demos in Michigan schoren irgendwann wütende Friseure wütenden Männern auf der Straße die Köpfe.

Jetzt wird offenbar, dass die erzwungene Wachstumsphase auf dem Kopf vieler Herren einen unerwarteten Nebeneffekt hatte. Nicht wenigen scheint erst dadurch klar geworden zu sein, dass längere Haare ihnen durchaus besser stehen als der übliche Bürstenschnitt.

Und das betrifft nicht nur junge Männer. Die Wiesbadener Friseurin Petra Bermes, deren Kundschaft "eher 45 plus" ist, findet es "wirklich interessant, wie viele Jungs um die 60 jetzt zu mir kommen. Die haben zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder ihre Hippie-Haare und lieben es!"

Der Mann und sein Schnitt fürs Leben

Männer sind Gewohnheitstiere, das sagt jeder Friseur. Wer jenseits der 30 ist, hat meist den Schnitt fürs Leben gefunden. Und es muss offenbar schon höhere Gewalt in Form einer Pandemie im Spiel sein, damit sich daran etwas ändert. So ist auch zu erklären, was der Friseur Yunus Colak bei vielen Kunden beobachtet: "Die begründen den Wunsch nach längeren Haaren fast immer damit, dass ihre Frau es so gern mag." Der Mann, der öffentlich zugibt, hin und wieder mal in den Spiegel zu gucken, ist offenbar auch im Jahr 2020 eher die Ausnahme.

Aber natürlich haben die Friseure einen blinden Fleck: all jene Männer, die sich in der Quarantäne längst selbst geschoren haben. So wie Robert Habeck, der auf Instagram dabei zu sehen war, wie er sich, vor einem Rasierspiegel knieend, in der Garageneinfahrt mit dem Rasierer die Schläfen stutzt.

Der Versandhändler Otto hat in der Krise zehnmal mehr Haartrimmer verkauft als sonst. Alles in allem laufen derzeit in Deutschland wohl mehr selbstrasierte Stoppelköpfe herum als vor Corona - und gleichzeitig mehr Männer mit mittellanger Mähne. Abgesehen von der Ästhetik sind das für Friseure wirtschaftlich eher schlechte Nachrichten. Denn ein "Zero-Fade" muss alle zwei Wochen nachgeschnitten werden, während eine Matte deutlich länger hält.

© SZ vom 20.06.2020/mkoh/vs
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