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Alltagsmode:Geselle Bündchen

DR. NO, Sean Connery, 1962. Courtesy Everett Collection !ACHTUNG AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT! PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONL

Kragen für alle Fälle: Sean Connery alias James Bond.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Das Polohemd hat einen Sexappeal irgendwo zwischen Spezialagent und Bademeister. In Mode war der Klassiker schon länger nicht mehr. Jetzt kehrt es auf den Laufsteg zurück.

Von Silke Wichert

Beginnen wir mit Clint Eastwood, weil der Schauspieler und Regisseur ja gerade 90 Jahre alt geworden ist und deshalb überall noch mal in seiner legendären Uniform aus Hemd, Poncho, Gambler Hut oder im Dirty-Harry-Anzug gezeigt wurde, während er in Wirklichkeit natürlich ein ganz anderes modisches Habitat pflegt: Eastwood ist vor allem ein Polohemd-Träger.

Das ist keineswegs negativ und schon gar nicht politisch gemeint, sondern erst einmal eine Feststellung. Schon Mitte der Sechzigerjahre trug der Schauspieler in den Drehpausen zu "Für eine Handvoll Dollar" am knallheißen Set von Almeria ein eng anliegendes, grünes Polo der Marke Lacoste, später ähnliche Modelle auf der Leinwand, etwa in "Million Dollar Baby" und "Gran Torino". Obwohl er in letzterem Film auch oft im grauen T-Shirt zu sehen ist, was seine Figur noch reaktionärer, vor allem älter und unfitter aussehen lässt als im Polo - und genau hier liegt der springende Punkt: Das Polohemd ist in gewisser Weise der Stützstrumpf unter den Männer-Oberteilen. Während sich unter einem dünnen T-Shirt-Stoff Ansätze von Wölbungen abzeichnen, vermag das festere Baumwoll-Piqué mit seiner waffelartigen Struktur optisch zu strecken und zu kaschieren. Obendrein lenkt der Kragen mit Knopfleiste den Blick geschickt auf die in jedem Alter meist weniger problematische Schlüsselbeinpartie.

Sicher, dieses Kleidungsstück hat auch noch andere Vorzüge. Es ist der perfekte Zwitter aus T-Shirt und Hemd. Halb formal, halb lässig, mit sauber gerippten Bündchen an den kurzen Ärmeln. "Smart casual" wie die Amerikaner sagen, so ziemlich immer und überall tragbar, von der Garten- bis zur Houseparty. Auf geheimer Mission oder beim Entlauben des Poolbereichs. Deshalb lautet die Frage auch nicht, wer Polohemden anzieht, sondern eher, wer nicht. Barack Obama, Donald Trump, die Gallagher-Brüder, James Bond (Sean Connery wie Daniel Craig), James Dean - zumindest dieses eine Teil verbindet sie alle. Auf die Frage, ob er eine Kleiderordnung beim Schreiben habe, so wie Scott F. Fitzgerald sich nur im Brooks-Brothers-Anzug an den Schreibtisch setzte, antwortete der Schriftsteller Alexander Kluge einmal in einem Interview, ihm gelinge am besten etwas in Cordhose und einem Polohemd von Lacoste.

Logos und Trage(un)sitten erst einmal beiseitegelassen, ist das Kleidungsstück an sich also das, was man in der Mode gemeinhin einen Klassiker nennt. Für die Alltagskleidung von Männern ungefähr so systemrelevant wie Jeans und Turnschuhe. Wirklich "angesagt" allerdings war das Polo schon länger nicht mehr, aber genau das ändert sich gerade wieder. Der französische Designer Jacquemus zeigte bereits für vergangenen Sommer extra enge Poloshirts mit Streifen im Stil der Siebzigerjahre. Diesen Sommer sind sie bei ihm lockerer geschnitten, mal mit Farbverlauf, mal in Pastellfarben, auch mal ohne Knöpfe, einfach mit offenem Kragen. Fendi hat aktuell ein Polo aus Jeans im Programm, bei Lacoste experimentiert die neue Designerin Louise Trotter mit XXL-Kragen, aufgesetzten Taschen, Bündchen aus Leder. Und Hedi Slimane brachte bei Celine gerade eine limitierte Sonderkollektion mit dem deutschen Künstler André Butzer heraus, darunter Polos mit Butzers "Wanderer"-Logo. Preis des modischen Kunstwerks: 420 Euro.

Noch interessanter ist allerdings die Rückkehr des Polos in die Damenmode, wo es seit den Achtzigern abseits des Tennis- oder Golfplatzes keine nennenswerten Auftritte mehr hatte. Lange her, dass "Joghurette-Frauen" darin durch die Vorstadt radelten, unglaublich, dass Kelly McGillis in so einem Aufzug (Pullover über den Schultern inklusive) ernsthaft als "Love Interest" von Tom Cruise in "Top Gun" durchgehen konnte. Der Moment für den aktuellen Sinneswandel lässt sich ausnahmsweise sogar ziemlich genau bestimmen: September 2019. In jenen Tagen legten Häuser wie Ferragamo und Bottega Veneta den Frauen für den Sommer 2020 Lederkleider ans klimaanlagengekühlte Herz, Gucci sorgte mit zwangsjackenähnlichen Entwürfen für Aufsehen, aber die wirklich bahnbrechende Nachricht von den Mailänder Schauen war: "Polos bei Prada."

Polohemd aus der aktuellen Kollektion von Lacoste.

(Foto: Lacoste)

Denn es waren gleich ein Dutzend davon auf dem Laufsteg zu sehen gewesen. Nicht aus Baumwoll-Piqué, kaum sportlich, sondern aus feinem Kaschmir-Seiden-Gemisch, halb durchsichtig, mit nichts darunter, aber hoch zugeknöpft. Kombiniert wurden die Hemdchen zu Anzügen, langen Röcken aus Leinen oder Leder. Ein eigentlich ganz simpler Look, den Miuccia Prada trotzdem als Eröffnung und Schluss für die Show wählte, was gewissermaßen immer als "Ansage" für die gesamte Ausrichtung einer Kollektion zu verstehen ist. Das Poloshirt bekam in diesem Moment eine neue Facette, einen anderen Kontext verliehen.

Ein paar Tage später zeigte das junge Label Rokh ebenfalls Polos zu langen Röcken, bei Paco Rabanne wurde ein knallrotes Polo unter ein Kettenhemd-Kleid gezogen. Influencer trugen daraufhin Lederröcke mit gestrickten Polohemden, ausgewaschene Lacoste-Männerhemden zu Shorts und High Heels. In der Mode geht es bekanntlich immer mehr um neues Styling statt neuer Schnitte, nun wird eben das Polo umgekrempelt.

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