Heidelberg:Was über den Amoklauf bekannt ist

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Heidelberg: Nach dem Angriff eines Studenten hat die Polizei den Tatort auf einem Campus in Heidelberg abgesperrt.

Nach dem Angriff eines Studenten hat die Polizei den Tatort auf einem Campus in Heidelberg abgesperrt.

(Foto: Daniel Roland/AFP)

Wer war der 18-Jährige, der an der Universität Heidelberg eine Studentin und sich selbst erschossen hat? Wie hat die Polizei agiert - und wie geht es nun weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Anna Fischhaber und Philipp Saul

Was ist passiert?

Ein bewaffneter Amokläufer stürmt am Montagmittag Hörsaal 360 der Universität Heidelberg, ein Tutorium läuft gerade, es geht um organische Chemie, dreißig Studierende der Biologie sitzen hier. Der 18-Jährige schießt mit einer Schrotflinte mindestens dreimal um sich. Ziellos, aber mit der Absicht zu töten, wie ein Polizeisprecher später sagt.

Der junge Mann schießt einer jungen Frau in den Kopf und verletzt drei weitere Menschen. Die Studentin stirbt später, ebenso der Schütze. Nach seiner Tat flieht er mit seinem Rucksack aus dem Gebäude und tötet sich selbst im Botanischen Garten im Außenbereich des Campus am Neuenheimer Feld.

Was weiß man über den Täter und sein Motiv?

Der 18 Jahre alte Deutsche war als Biologie-Student an der Universität Heidelberg eingeschrieben und wohnte in Mannheim. Sein Motiv ist vorerst ein Rätsel. Es könne nur spekuliert werden, sagt der Leiter der Staatsanwaltschaft Heidelberg, Andreas Herrgen, bei einer Pressekonferenz am Montagabend. Der Mann sei nicht polizeibekannt gewesen und habe keinen Führerschein gehabt, sagt der Mannheimer Polizeipräsident Siegfried Kollmar. Von einer zurückliegenden psychischen Erkrankung ist die Rede, der junge Mann galt aber als gesund. Die Polizei schreibt auf Twitter, es gebe keinen Hinweis auf einen Terrorakt. Die Religion sei für den Fall eher nicht relevant.

Heidelberg: Am Abend geben Politik und Behörden bei einer Pressekonferenz Auskunft über den Amoklauf an der Universität Heidelberg.

Am Abend geben Politik und Behörden bei einer Pressekonferenz Auskunft über den Amoklauf an der Universität Heidelberg.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Vor der Tat hat der 18-Jährige eine Whatsapp-Nachricht an seinen Vater geschickt. Darin heißt es, "dass Leute jetzt bestraft werden müssen". Die Polizei will das Umfeld des Täters nun "mit Hochdruck" durchleuchten. Der Laptop und andere elektronische Geräte, die bei der Durchsuchung der Mannheimer Wohnung beschlagnahmt wurden, müssten ausgewertet werden, schreibt die Rhein-Neckar-Zeitung. Die 29 überlebenden Augenzeugen, die zum Tatzeitpunkt im Hörsaal waren, sollen erneut befragt werden.

Ihr Kommilitone ging offenbar davon aus, bei seiner Tat zu sterben. An seinen Vater schrieb er auch, er wolle nicht auf einem Friedhof beerdigt werden, sondern wünsche sich eine Seebestattung.

Was ist über die Tatwaffe bekannt?

Wenige Tage vor seiner Attacke soll der 18-Jährige eine Schrotflinte und eine Repetierwaffe persönlich und illegal im Ausland gekauft haben, in seinem Rucksack hatte er Kaufbelege und mehr als 100 Schuss Munition. Bei seiner Tat nutzte er nur die Schrotflinte. Warum er nicht nachlud oder die Waffe wechselte vor seiner Flucht, ist bislang nicht bekannt. Wollte der Täter eine bestimmte Person treffen? Auch das muss die Polizei noch ermitteln.

Heidelberg: Polizeibeamte untersuchen eine Waffe am Gelände der Heidelberger Universität.

Polizeibeamte untersuchen eine Waffe am Gelände der Heidelberger Universität.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Weder seine Eltern noch er selbst hatten eine Waffenbesitzkarte oder einen Waffenschein. Strafrechtliche Konsequenzen könnte es auch für den Verkäufer geben. Den Namen machte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht öffentlich, man will ihm in den nächsten Tagen einen Besuch abstatten.

Wie hat die Polizei agiert?

Um 12.24 Uhr erreichen die Beamten sieben Notrufe innerhalb von 43 Sekunden. Damit ist für die Polizei klar, dass es sich nicht um Fake-Anrufe handelt, sondern um eine "Ernstlage", wie es später heißt. Sechs Minuten später, um 12.30 Uhr, sind die ersten drei Streifenwagen vor Ort. Später werden es 400 Einsatzkräfte sein. Um 12.43 erreichen bewaffnete Beamte den Hörsaal, um 12.51 wird der Täter tot im Botanischen Garten gefunden. Die Gewerkschaft der Polizei lobt später das schnelle Eintreffen der Einsatzkräfte.

Bis sich die Polizei der Leiche nähert, vergeht allerdings noch eine Weile: Bei dem jungen Mann liegt der Rucksack mit bis dato noch unbekanntem Inhalt, Ermittler befürchten Explosives darin. Pressefotos zeigen, wie Polizisten und Sprengstoffexperten im Freien den beigefarbenen Rucksack sichern.

Das Unigelände ist zu diesem Zeitpunkt längst abgesperrt, rot-weiße Absperrbänder grenzen den Tatort ab, die Polizei kontrolliert die Zufahrten. In der Luft kreist ein Polizeihubschrauber über dem Neuenheimer Feld. Vor der Alten Chirurgie sammeln sich gegen 13.30 Uhr Dutzende Einsatzkräfte. Sie tragen Tarnkleidung, Waffen, Helme und schusssichere Westen, berichtet die Rhein-Neckar-Zeitung. Die Situation sei unter Kontrolle, heißt es. Dennoch wird das labyrinthartige Gelände von einem Spezialkommando durchsucht. Gegen 15.15 Uhr kommt die Entwarnung: Der Mann sei ein Einzeltäter gewesen, eine Gefahrenlage nicht mehr gegeben.

Am Dienstag wird eine Ermittlungsgruppe namens "Botanik" mit 32 Beamten gegründet, wie der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) bekannt gibt. Sie soll nun die Hintergründe des Falles aufklären.

Wer sind die Opfer?

Wie der Täter sind die Opfer Studentinnen und Studenten der Biologie. 30 Menschen sind bei der Attacke anwesend. Eine 19- und eine 20-jährige Frau werden durch die Schüsse leicht verletzt. Ebenso ein 20 Jahre alter Mann. Eine Studentin, 23, stirbt am Nachmittag an den Folgen eines Kopfschusses.

Heidelberg: Eine Frau und ein Mann legen Blumen auf dem Geländer der Universität Heidelberg nieder.

Eine Frau und ein Mann legen Blumen auf dem Geländer der Universität Heidelberg nieder.

(Foto: R.Priebe/dpa)

"Wenn ein junger Mensch morgens aus dem Haus geht, um für seine Zukunft etwas zu tun", so formuliert es Polizeipräsident Kollmar, "und dann ist es abrupt zu Ende, und das Leben ist vorbei: Dann ist das an Tragik nicht zu überbieten." Die Tat werde lange nachhallen, meinen Ermittler. "Da war Panik", schildert Kollmar. "Die Studierenden hatten Todesangst." Innenminister Strobl verspricht Hilfe und appelliert an alle Betroffenen: "Scheuen Sie sich bitte nicht, diese Hilfsangebote auch in Anspruch zu nehmen."

Wie geht es in Heidelberg weiter?

Die Studierendenschaft äußerte sich nach der Tat fassungslos. "Wir sind unendlich schockiert. Das ist eine Katastrophe, die sich allem Denkbaren zwischen Vorlesungen, Klausuren und Unileben entzieht", sagte der Vorsitzende Peter Abelmann. Die Universität Heidelberg will die Tat intern aufarbeiten. Den Uni-Präsidenten Bernhard Eitel erreichen den ganzen Montag über Beileidsbekundungen von Wissenschaftlern aus ganz Europa, die Hilfe anbieten. Der Angriff auf die Studierenden ist auch ein Angriff auf die Offenheit der Hochschulen.

"Ich spreche nicht nur von Betroffenheit im Sinne eines Mitfühlens für die Angehörigen und diejenigen, die da dabei waren, sondern das ist auch eine Betroffenheit, die rückwirkt auf die Universität insgesamt", wird Eitel in der Rhein-Neckar-Zeitung zitiert. Er habe es dem Dekan der Fakultät für Biowissenschaften freigestellt, ob er die Lehrveranstaltungen für diesen Dienstag absagen wolle. Der Hörsaal bleibt vorerst geschlossen, an der restlichen Universität will man aber weitermachen.

Heidelbergs Oberbürgermeister Eckart Würzner (parteilos) sprach den Opfern und Angehörigen sein Mitgefühl aus. "Wir waren nicht nur fassungslos, wir können es eigentlich gar nicht glauben, dass so etwas bei uns in Heidelberg passiert." In der Peterskirche in der Altstadt stehen seit Montagabend Seelsorger bereit, Studierende und Rettungskräfte haben hier Kerzen entzündet, die Universitätskirche bleibt in den kommenden Tagen geöffnet. Hier soll am kommenden Montag auch in einer Trauerfeier, die per Livestream übertragen wird, der Opfer gedacht werden. Um 12.24 Uhr - genau eine Woche nachdem die Notrufe bei der Polizei eingingen - soll dann das Uni-Leben eine Schweigeminute lang stillstehen.

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