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Moderne im ländlichen Raum:Banken im Spagat

Die Digitalisierung im Finanzsektor schreitet rasant voran. Überwiesen wird vorwiegend online, in den Städten zahlen viele nur noch über Apps oder per Chip. Eine Herausforderung für Geldinstitute auf dem Land, denn ihr Fundament ist das Persönliche.

Es klingt paradox: In immer mehr Läden kann oder soll nurmehr mit der Karte, dem Handy oder gar dem Chip in der Uhr bezahlt werden, und das längst nicht mehr nur in Metropolen wie London, New York oder Tokio. Immer mehr Bankfilialen werden insbesondere in den ländlichen Regionen geschlossen, schließlich können Überweisungen auch vom Kunden selbst am Tablet oder Smartphone rund um die Uhr vom Sofa aus oder unterwegs getätigt werden. Die Digitalisierung des Bankwesens eben, die auch den Landkreis voll erfasst hat. Auf der anderen Seite aber werden Filialen der Banken und Sparkassen derzeit höchst modern ausgebaut und der Fokus wird dabei ganz auf die persönliche Kundenbetreuung gelegt.

Zahlen im Vorbeigehen - Mobile Payment mit dem Handy

Bei den einen macht es "Piep", bei den anderen "Ba-Bing": Immer mehr Kunden bezahlen in den Geschäften nicht mehr bar, sondern mit Karte oder dem Smartphone. Auch Überweisungen lassen sich längst daheim erledigen. Deshalb müssen sich Bankfilialen heute anders aufstellen, um zu bleiben.

(Foto: Franziska Gabbert/dpa)

Was wie ein Widerspruch klingt, ist ein Konzept. Um sich für die Zukunft zu rüsten, Kunden auch auf dem Land halten zu können und zugleich mit der sich rasant ändernden Geschäfts- und Bezahlwelt Schritt zu halten. Das erklären sowohl Vertreter der Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen als auch der Raiffeisenbank Oberland. Beide haben im vergangenen Jahr einige Filialen im Landkreis und der Region schließen müssen, nicht immer geräuschlos. Insbesondere in Ascholding und Endlhausen gab es massive Bürgerproteste, als die örtlichen Raiffeisenfilialen dicht machten. Und auch die Sparkasse trennte sich von einigen Geschäftsstellen. Was bleibt, ist die Frage, wie man sich die Bank- und Geldgeschäfte in den kommenden Jahren in den ländlichen Kommunen vorstellen muss.

"Ein hochspannendes Thema", sagt dazu Thorsten Straubinger, Vorstandsmitglied der Sparkasse. Denn genau diese Fragen habe sich das Unternehmen 2017 und 2018 intensiv gestellt. "Die Digitalisierung ist der Treiber unserer Veränderungen", sagt er. Was die Sparkasse derzeit umbaue und neu gestalte habe nichts damit zu tun, "dass wir in Sparzwängen wären wegen der Niedrigzinsphase und wir alles nur tun, um Kosten zu sparen". Die Veränderungen seien schlichtweg einem rasant geänderten Kundenverhalten geschuldet. "Momentan haben wir den Spagat: Klassisches Bankgeschäft, so wie man es kennt am Schalter, inklusive Servicetätigkeiten, die auch online funktionieren würden, und eine junge Generation, die uns digital alles abfordert." Deshalb habe die Sparkasse eine "Strategie 2025" entwickelt. "Wir werden künftig noch 19 Filialen haben, wir schließen in diesem Jahr noch zwei beziehungsweise wandeln sie in SB um, und das ist dann der Zielzustand bis 2025", erklärt Straubinger. Die verbleibenden Filialen würden "für die Zukunft ausgerichtet." Münsing sei hierfür "Pilotfiliale des neuen Typus", vor wenigen Tagen folgte Egling mit dem Abschluss der Umbauarbeiten.

Die Geschäftsstellen müssen Straubinger zufolge heute ein modernes Ambiente haben. Zum Beispiel durch einen "Nachbarschaftstisch". "S-Heimat 4.0" heißt das Konzept dazu. "Die Idee dahinter: die Menschen wieder in die Filiale bringen", sagt der Banker.

Dort aber werden sie künftig nicht mehr alles erledigen können: Das Kassengeschäft etwa wird abgeschafft und auf die Automaten verlagert. Das sei schließlich ein Kostenfaktor, es brauche immer mindestens zwei Kollegen dafür wegen des Vier-Augen-Systems der Kontrolle. Wenn stets mindestens zwei Angestellte anwesend sein müssten, obwohl die Kunden kaum mehr dort Bargeld abholten, sondern die Automaten nutzten, rentierten sich die Personalkosten nicht mehr. Dafür würden mehr sogenannte Recycler installiert, Automaten, bei denen man nicht nur abheben, sondern auch einzahlen kann. "Nur dadurch können wir den Personalabbau, der betriebswirtschaftlich notwendig ist, überhaupt stemmen. Sonst könnte man auch nicht unser Ziel erreichen: in der Fläche präsent bleiben und es kostentechnisch bewältigbar halten."

Bleibt aber die Frage nach dem Henne-Ei-Prinzip: Gab es erst das digitale Angebot oder hat es wirklich der Kunde verlangt? Eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC hatte noch vor fünf Jahren ergeben, dass viele Verbraucher dem sogenannten "Mobile Payment", also mobilem Bezahlen, kritisch gegenüber stehen. 88 Prozent der Befragten befürchteten, dass ihre Daten gehackt oder missbraucht würden. 85 Prozent sahen eine Gefahr, dass ihr Handy gestohlen und mit den Bezahldaten Missbrauch getrieben werde. Rund drei Viertel waren besorgt, dass ihr Handy-Akku leer gehen könnte und sie dann nicht mehr in der Lage wären, zu bezahlen - oder dass sie durch die regelmäßige Nutzung von "Mobile Payment" zum gläsernen Kunden werden. Inzwischen hat sich laut Straubinger vieles geändert: "Alles, was eben mal schnell gehen soll und anspruchslos ist, eine schnelle Bezahlung eben, verlagert sich in die digitalen Kanäle. Auf der anderen Seite wächst aber der Anspruch an eine qualitative Beratung."

Und genau da greife zudem eine Besonderheit auf dem Land: "Man muss hier noch persönlich geradestehen für das, was die Bank tut. Ich bin seit 22 Jahren da, ich bin hier verwachsen", sagt der Münsinger Geschäftsstellenleiter Markus Weindauer. Und auch Straubinger ist überzeugt, "dass es sich woanders schneller verändern wird. Es ist hier noch gesellschaftlich diese Handschlag-Mentalität zu spüren."

Auch Manfred Klaar, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Raiffeisenbank im Oberland, Verbandsrat im Genossenschaftsverband Bayern und Mitglied im Fachrat "Markt und Produkte", sieht einen klaren Trend hin zum Banking per App und Mobilen Bezahlen. Allerdings seien die Raiffeisenbanken "nicht die Vorantreiber in der Entwicklung neuer Bezahlarten", sagt er. "Aber wenn andere große Banken weltweit solche Neuerungen auf den Markt bringen, müssen wir unseren Kunden eben auch die Möglichkeiten bieten." Besonders die junge Generation nutze die Bequemlichkeiten des Mobilen Bezahlens. Andere Länder seien inzwischen schon bei der Abschaffung des Bargelds. Das aber sieht Klaar - zumindest in den kommenden ein, zwei Generationen - hierzulande nicht: "Wir Deutsche sind Bargeldtypen", sagt er. Viele seien erzogen worden, nur das auszugeben, was im Geldbeutel ist. "Was in der Summe vielleicht auch dazu führt, dass wir Deutsche nicht so verschuldet sind wie andere Nationen", fügt er an. Es gebe also durchaus Gründe für den Beibehalt der klassischen Bezahlweise, "und ja, man wird durch den Einsatz von Karten natürlich wesentlich gläserner, wem auch immer gegenüber", sagt er. Während Banken dem strengen Datenschutzgesetz unterliegen, gelte dieses unter Umständen nicht für zwischengeschaltete Bezahlservices, wie sie derzeit ebenfalls mannigfach aus dem Boden sprießen. "Hier geben Kunden durch das Anklicken von AGBs oft den Einblick in die gesamten Kontenbewegungen der vergangenen Monate frei", warnt Klaar. Dass Daten das neue Öl seien, dringe aber erst langsam ins Bewusstsein der Kunden. "Dass wir aber nicht machen dürfen und machen, was Bezahlservices, Google, Facebook und Co mit Daten anstellen können, das ist ein Pfund, das wir pflegen müssen."

Künftig wird auch in seinen Augen der größere Teil der Bezahlvorgänge über Chip laufen - wo auch immer der verbaut wird. Vielleicht gar implantiert? "Dagegen würde ich mich persönlich brutal wehren", sagt der Münsinger Filialleiter Weindauer. Straubinger hingegen erklärt: "Sofort!" Und Pressesprecher Willi Streicher sieht es bereits geschehen: "Bei den Millenials ist das Handy doch schon an die Hand gewachsen." Klaar aber rät: "Es gibt Sachen, die machen es bequemer - und manches sollte bleiben wie es ist." Auch Straubinger spricht sich für den Spagat aus: "Digitalisierung ja. Aber es gibt eben auch Dinge, die haben sich bewährt. Und die wiederum pflegen das Zwischenmenschliche und sollten, nein müssen bleiben."