Elektro-Mobilität:Drei für Walchensee

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Elektro-Mobilität: Hinter W4F-GmbH (Walchensee for Future) stehen Reimund Günzel, Sepp Heilinglechner und Michael Gistl (v.l.n.r.).

Hinter W4F-GmbH (Walchensee for Future) stehen Reimund Günzel, Sepp Heilinglechner und Michael Gistl (v.l.n.r.).

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ein Elektroingenieur, ein Bauunternehmer und ein Mediziner wollen an der Seestraße drei Schnellladesäulen errichten. Das ist finanziell und bürokratisch komplex.

Von Benjamin Engel, Kochel am See

Wer die Elektro-Mobilität schnell voranbringen will, muss die entsprechende Infrastruktur ausbauen. Dafür soll es bis 2030 deutschlandweit eine Million Ladepunkte geben, wie Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) erst kürzlich angekündigt hat. Wie das praktisch funktionieren kann, will ein Trio aus Walchensee zeigen. Dafür gründeten der Bauunternehmer Sepp Heilinglechner, Elektroingenieur Reimund Günzel sowie Orthopäde Michael Gistl bereits im Vorjahr die W4F, ausgeschrieben Walchensee for Future GmbH. Auf Höhe der Wallerei und der angrenzenden Seehof Apartments wollen sie drei Schnellladesäulen mit insgesamt sechs Anschlüssen installieren. "Walchensee soll zukunftsträchtig sein und ökologisch", beschreibt Gistl den Ansatz des privaten Nachbarschaftsprojekts.

Die Schnellladesäulen mit jeweils 50 Kilowatt Gleichstrom-Leistung pro Ladepunkt wären eine von wenigen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Was theoretisch einfach klingt, kann praktisch dennoch hürdenreich sein. Die Formalitäten, um die Ladesäulen samt Trafostation zu finanzieren, aufzustellen und selbst zu betreiben, sind zwar nach den Worten des Trios inzwischen prinzipiell geklärt. Ebenso soll sich der Kochler Bürgermeister Thomas Holz (CSU) bereits sehr positiv zum W4F-Vorhaben geäußert haben. Jetzt muss nur noch der Gemeinderat bewilligen, den öffentlichen Grund für das Projekt an der Bundesstraße 11 bereitzustellen. "Dann könnten wir mit der Bestellung der Ladesäulen loslegen", so Reimund Günzel.

Elektro-Mobilität: So sollen die Ladesäulen einmal installiert aussehen, wie hier eine davon vor der Wallerei in Walchensee.

So sollen die Ladesäulen einmal installiert aussehen, wie hier eine davon vor der Wallerei in Walchensee.

(Foto: WF4/oh (Simulation))

Was den Elektroingenieur und Initiator des W4F-Projekts umtreibt, sind allerdings die finanziellen Modalitäten. Immerhin investiert das Trio darin um die 310 000 Euro, davon etwa 80 000 Euro für die Trafostation auf Privatgrund und 40 000 Euro für mehrere Hundert Meter Kabel zu den Schnellladesäulen am Straßenrand. Dafür gibt es zwar insgesamt 60 Prozent Bundesfördermittel. Doch allein, damit das Trio an das Stromnetz anschließen darf, verlangt der Betreiber Bayernwerk einen Baukostenzuschuss in Höhe von knapp 37 000 Euro. "Das finde ich nicht gerecht", sagt Günzel. In einem Positionspapier habe die Bundesnetzagentur bereits 2006 ausgeführt, dass es nicht verpflichtend sei, einen Baukostenzuschuss zu erheben. Dieser habe seine praktische Funktion inzwischen verloren.

Schreiben an das Bundeswirtschaftsministerium und den Bundestag blieben bislang unbeantwortet. Erst vor wenigen Tagen teilte das Bayernwerk mit, sich lediglich an die Vorgaben der Bundesnetzagentur zu halten. Im erwähnten Positionspapier werde die Möglichkeit eingeräumt, den Baukostenanschluss für einen Bezugsanschluss zu erheben. "Bei der Bayernwerk Netz GmbH nehmen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch", so steht es im Antwortschreiben, das der SZ vorliegt. Der Baukostenzuschuss habe eine Lenkungs-/Steuerungsfunktion für eine wirtschaftliche und effiziente Netzvorhaltung. Die Bayernwerk Netz GmbH müsse alle Bezugskunden gleich, also diskriminierungsfrei behandeln.

Verstehen mag das Günzel trotzdem nicht. Ein Baukostenzuschuss sei nicht mehr zeitgemäß, wenn gleichzeitig ein Konsens bestehe, die Elektro-Mobilität auszubauen. In diesem Fall gelte auch das Argument nicht mehr, dass darüber ein "unsinniger Netzausbau" verhindert werden solle, so der Elektroingenieur. Die Netzbetreiber kassierten auf diese Weise Geld, das der Staat und damit die Allgemeinheit letztlich über die Fördermittel wieder finanziere. Verpflichtend sei der Baukostenzuschuss nicht. "Wir sind bereit, Eigenkapital einzusetzen und das Risiko einzugehen", so Heilinglechner. "Und dann gibt es solche Schwierigkeiten."

Was zur Frage überleitet, warum das Trio überhaupt sein Schnellladesäulen-Projekt begonnen hat. Günzel betreibt mit der Familie an der Seestraße in Walchensee auch die Seehof Apartments & Café. Heilinglechner hat das Nachbargrundstück erworben, auf dem Günzels Tochter Lilian erst kürzlich die Wallerei eröffnet hat. Michael und seine Schwester Sabine Gistl vermieten auf der Straßenseite gegenüber Ferienwohnungen und betreiben zudem den Dorfladen. Alle drei sprechen von einem ideellen Antrieb, bei der ökologischen Energiewende mitzuhelfen. "Wenn jeder seinen Beitrag leistet, können wir etwas schaffen", sagt Günzel. Gistl betont, dass das Projekt sich perfekt eigne, wenn schon die Gemeinde Kochel am See für den sanften Tourismus werbe. Schließlich wird die Kommune zudem von einem Euro pro Ladevorgang profitieren.

Gewinn machen kann das Trio mit seinem Projekt natürlich auch irgendwann. Nach seinen Angaben sollen sich die Investitionen in zehn Jahren amortisieren. "Es geht aber nicht um Gewinnmaximierung", sagt Gistl. Verschweigen will sein Nachbar Günzel aber nicht, dass sich ihre Tourismusangebote in Walchensee und das Schnellladesäulen-Projekt auch gegenseitig befruchten könnten. Manche Gäste fragten, ob es eine Möglichkeit am Haus gebe, ihre Elektro-Autos aufzuladen. Bislang habe er nichts anbieten können.

Wenn der Gemeinderat zustimmt, könnte das Trio bald schon die Ladesäulen bestellen. Dann hoffen die drei sogar darauf, bereits 2023 in Betrieb gehen zu können. In 15 bis 30 Minuten sollen Nutzer voll aufladen können. Im Internet sollen die Standorte und die Verfügbarkeit der Ladesäulen sichtbar sein. "Wir zeigen damit, dass Nachbarn etwas miteinander und nicht immer nur gegeneinander machen können", betont Heilinglechner.

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