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Wolfratshausen:Ein Leben in zwei Welten

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Esther Alexander-Ihme erzählt im Erinnerungsort Badehaus ihre dramatische Familiengeschichte. Sie ist studierte Judaistin, arbeitete als Lehrbeauftragte für Jiddisch an der Goethe-Universität Frankfurt und im dortigen Jüdischen Museum. Geboren wurde sie im DP-Lager Föhrenwald.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Esther Alexander-Ihme wurde im DP-Lager Föhrenwald als Tochter eines jüdischen Holocaust-Überlebenden und einer deutschen Mutter geboren. Diese doppelte Identität prägt sie bis heute

Von Sebastian d'Huc

Auch wenn Esther Alexander-Ihme auf einem einzigen, schmalen, weißen Stuhl im Obergeschoss des Erinnerungsort Badehaus in Waldram Platz nimmt, sitzt sie doch zu jeder Zeit auf zwei Stühlen. Sie ist die Tochter eines jüdischen Vaters, der den Holocaust überlebt hat, und einer katholischen Mutter aus Bayern. Geboren wurde sie 1955 im Krankenhaus der Stadt Wolfratshausen, als ihre Eltern im Lager Föhrenwald lebten. Zu keiner ihrer beiden Lebenswelten, zu keiner ihrer beiden Identitäten, gehört sie vollumfänglich dazu, erzählt sie im Gespräch mit Sybille Krafft, der Vorsitzenden des Badehaus-Vereins. Krafft hatte Alexander-Ihme eingeladen, um bei einem Zeitzeugengespräch ihre Familien- und Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Ihre Erinnerungen sollen anschließend im Erinnerungsort Badehaus in die Ausstellung einfließen.

Alexander-Ihmes Vater war Jude. Hersz Aleksander wuchs als jüngstes von fünf Kindern in Polen auf. Da er im Alter von vier Jahren von einer Leiter gefallen war und sich die Wirbelsäule gebrochen hatte, war er im damaligen Sprachgebrauch ein "Krüppel" - eine Operation wäre nur im fernen Wien möglich und sowieso viel zu teuer gewesen. Zeitlebens hatte er einen Buckel und Atemprobleme. Da er aufgrund seiner körperlichen Beschwerden keine schwere Arbeit leisten konnte, wurde er Schlosser und Fahrradmechaniker.

Als die Deutschen kamen, blieb die siebenköpfige Familie in Polen. Alexander-Ihmes Großmutter väterlicherseits war Deutschlehrerin und folglich sehr bewandert in Fragen der deutschen Kultur. Das sei doch ein kultiviertes Volk, meinte sie. Warum solle man vor ihnen fliehen? Wenig später landete die Familie im Ghetto Radom. Danach erfolgte die Deportation nach Auschwitz. Dort wurde die Familie getrennt - zwei Schwestern, ein Schwager und eine Nichte wurden nach Treblinka gebracht, eine weitere Schwester nach Stutthof, andere Familienmitglieder nach Buchenwald. Das Schicksal des Vaters stand auf Messers Schneide. Alexander-Ihme erzählt, dass sie in Erfahrung bringen konnte, wie der Selektionsprozess an der Rampe in Auschwitz vonstattengegangen ist und dass ihr Vater Glück hatte. "Erst hieß es: Geh' nach links. Das hätte seinen Tod wenige Stunden später bedeutet", erzählt Alexander-Ihme. "Doch der Selektierer entschied sich um und sagte: Ach was, geh' doch nach rechts. Deshalb leistete der Vater stattdessen Zwangsarbeit, in einem anderen Lager." Am Ende des Krieges war er aus der gesamten erweiterten Familie der einzige Überlebende. Alle seiner vier Geschwister waren ermordet worden.

Alexander-Ihmes Mutter war Deutsche. Rosina Waibel wuchs in einer katholischen Familie im ländlichsten Bayern auf, wollte aber ihr Dorf verlassen, um nicht einen Bauern heiraten zu müssen. Ein Nazi sei ihre Mutter nicht gewesen, wohl aber interessiert an der Mitgliedschaft im Bund Deutscher Mädel. Da die obligatorische Uniform zu teuer gewesen sei, wurde sie allerdings nicht Mitglied. Nach Ende des Kriegs ging sie in das Displaced-Persons-Lager Landsberg. Dort arbeitete sie als Mädchen für alles, sie putzte, kochte, wusch Wäsche. "Damals gab es einige dieser deutschen Mädchen in den jüdischen DP-Lagern", legt Alexander-Ihme dar. "Sie erhofften sich eine gesicherte Versorgung in dem von den Amerikanern belieferten Lager." Offenbar sei es von den Juden akzeptiert worden, einige wenige Mitglieder des "Tätervolks" in ihrer Mitte zu haben, auch wenn immer wieder gegen Männer polemisiert wurde, die sich mit diesen einließen.

Als der Krieg vorbei war, wusste Hersz Aleksander gar nicht mehr, wo sein Ort in der Welt sei. "Er war sich nur sicher, dass er nicht mehr zurück wollte nach Polen, den Ort, den er als großen jüdischen Friedhof bezeichnete." So wanderte ihr Vater nach Israel aus, seinen politischen Idealen als überzeugter Zionist folgend. Doch bereits ein Jahr später kehrte er nach Deutschland zurück. "Als Krüppel wurde er in Israel nicht akzeptiert, da er sich nicht am Aufbau des neuen Staats beteiligen konnte", sagt Alexander-Ihme. "Auch bekam ihm das entbehrungsreiche Leben und das Klima nicht - und eine israelische Frau konnte er auch nicht finden." Zurück im Lager Landsberg traf er auf Rosina, die beiden zogen weiter ins Lager Föhrenwald, heirateten schmucklos im Standesamt Wolfratshausen - nicht mal ein Hochzeitsfoto gibt es. Als das Lager 1957 geschlossen werden sollte, wären ihre Eltern gerne dort geblieben. "Aber es hieß: An Juden verkaufen wir nicht."

Doch wohin gehen? In das mittlerweile bessere Lebensqualität bietende Israel wollte die Mutter nicht emigrieren. Als blonde, katholische Deutsche war sie sich sicher, in Israel niemals akzeptiert zu werden. In die USA, nach Venezuela oder Brasilien zog es ihre Eltern ebenfalls nicht - die Mutter hatte - im Gegensatz zum Vater - durchaus noch Familie und wollte den Kontakt nicht abbrechen. Fast dem Ausschlussverfahren folgend zogen die Aleksanders nach Frankfurt.

Esther Alexander-Ihme wuchs mit dieser schweren Familiengeschichte, aber auch mit zwei Religionen und Kulturkreisen auf. Ihr Vater war schwer traumatisiert, depressiv, suizidgefährdet. Er habe stundenlang nur im Sessel gesessen, leerer Blick gegen die leere Wand, erzählt sie. Über sein Trauma sprach er nie. Die unwahrscheinliche Ehe ihrer Eltern, Jude und Nicht-Jüdin so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sorgte dafür, dass sie durch das Leben gehe "wie auf zwei Schuhen mit unterschiedlich hohen Absätzen". Die Familie feierte die jüdischen Feiertage, aber sie fuhr zu Weihnachten trotzdem mit ihrer Mutter zu den Großeltern - stets ohne den Vater, der seine Schwiegermutter zeitlebens nie kennenlernte. Von Juden wurde sie als Kind wegen der deutschen Mutter als "Schickse" bezeichnet, von Deutschen als Jüdin wahrgenommen. Zwei Welten also, in einer Person vereint, und doch keiner der beiden voll zugehörend. Nach dem Abitur entschloss sie sich, Judaistik zu studieren. Sie arbeitete als Lehrbeauftragte an der Goethe-Universität Frankfurt und im dortigen Jüdischen Museum.

Wer sie denn nun sei? Eine Deutsche, eine Jüdin, eine Christin, eine Bayerin, eine Frankfurterin, eine Polin? "Das wüsste ich selber gerne", sagt sie - und zitiert aus dem Johannesevangelium: "In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen." Ihre Wohnung habe nun mal zwei Zimmer - das Deutschsein und das Jüdischsein, sagt die 65-Jährige. "Ich werde mich nie eindeutig entscheiden können, wer oder was ich genau bin", sagt sie. Diese Uneindeutigkeit sei aber doch auch etwas Spannendes.

© SZ vom 30.07.2020

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