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Das Leben nicht aufgegeben:Reise ans Ende der Trauer

Erika Werner (2.v.r.) mit Freunden in Tjumen. Die Lenggrieserin reiste alleine nach Sibirien, um die Trauer als Witwe zu bewältigen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Erika Werner war 48 Jahre lang mit ihrer großen Liebe verheiratet. Nach dem Tod ihres Mannes und zwei dunklen Jahren fährt die Lenggrieserin alleine durch Russland - und entdeckt die Lebensfreude wieder.

Erika Werner steigt am 16. Juni 2016 um 11.47 Uhr in Lenggries in die BOB. Es ist der Beginn einer dreimonatigen Reise: Wien, Brest, Moskau, Tjumen in Sibirien, Sotschi, Tuapse am Schwarzen Meer, St. Petersburg, mit dem Schiff nach Helsinki, dann Travemünde und zurück. 68 Jahre ist Erika Werner da, sie versteht ein bisschen Russisch, sprechen kann sie wenig. Zwei dunkle Jahre liegen an jenem Junimorgen hinter ihr: Der Tod ihres Mannes Helmut und das schwarze Loch, in das sie fiel. "Ich wollte nicht mehr", sagt sie. Zwei Jahre Trauer, dann der Entschluss es noch einmal zu probieren mit dem Leben. Nach Russland wollte sie schon immer, sie hat russische Freundinnen, die sie besuchen will. Also macht sich Werner auf den langen Weg mit Zug und Schiff, weil die Ärzte ihr das Fliegen verboten haben. Schon in Brest, einer Grenzstadt zwischen Polen und Weißrussland, droht die Reise zu enden. Weil sei kein Transitvisum hat, wird sie verhaftet. Die Verständigung ist schwierig, "Verhaften", das habe ein Grenzpolizist schließlich gesagt. Sie wird abgeführt, ist verzweifelt, nach vielen Versuchen erreicht sie ihren Sohn am Handy. Er telefoniert mit dem Auswärtigen Amt, mit der Botschaft in Minsk und schafft es schließlich, dass die Mutter nach Polen zurückfahren darf, um ein Durchreisevisum für Weißrussland zu besorgen.

Erika Werner trägt einen grauen Pagenkopf, hat ein warmherziges Lachen und kann viel erzählen. Sie kramt Notizbücher, Landkarten, Fotoalben und ein Heft heraus, in das sie fein säuberlich in kyrillischen Buchstaben Sätze notiert hat: "Bitte helfen Sie mir", steht da, oder: "Russland ist groß und schön." In ihrem gemütlichen Wohnzimmer gibt es viele Bücher und Bilder ihres verstorbenen Mannes: Helmut beim Segeln in Kroatien, Helmut beim Wandern. Ihre Geschichte ist eine von der großen Liebe, vom Verlust und vom Weitermachen. Werner ist in Probsthagen in Niedersachsen geboren, wollte als Au-Pair-Mädchen nach England oder Amerika. "Aber meine Mutter hat es nicht erlaubt."

Erika Werner war 35 Jahre lang Herbergsmutter in Lenggries.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Fort will sie trotzdem, sie geht nach München, mitten hinein ins Schwabing der Achtundsechziger, "eine wilde Zeit". Tagsüber Arbeit in einer Versicherung, die Nächte mit Freunden in der Studentenkneipe "Hahnhof" durchgequatscht. Beim Schwimmen im kalten Chiemsee holt sie sich eine Nierenbeckenentzündung, bei einer Untersuchung wird eine Arterie verletzt. Das linke Bein soll amputiert werden, da ist Erika 19. Sie bekommt den ersten von insgesamt drei Bypässen, das Bein ist gerettet. Schwierigkeiten macht es zeitlebens. In einem Tanzcafé in München lernt sie Helmut kennen. "Ich konnte Männer mit Anzug und Sportwagen nicht leiden", sagt sie. Helmut will sie nach Haus bringen - mit seinem Sportwagen, ausgerechnet. Ein Jahr später heiratet sie ihn, den Weltenbummler, "meine absolute Liebe".

Die beiden ziehen nach Tirschenreuth und Weiden, Helmut ist gelernter Bäcker und Koch, sie bekommen zwei Kinder. 1973 übernehmen sie die Jugendherberge in Lenggries. Die "Aura des Hauses" sei einfach umwerfend gewesen, sagt Werner. Sie ist 24, er 25, "wir waren die jüngsten Herbergseltern in Bayern". 35 Jahre ist Werner Herbergsmutter, lernt in dieser Zeit auch ihre russischen Freundinnen Galina und Vera kennen, die jedes Jahr mit Deutsch-Schülern kommen. Erika und Helmut bereisen mit ihren Kindern im VW-Bus Europa, fahren im Sommer da hin, "wo es wilde Flüsse" zum Kajakfahren gibt, machen im Winter Skitouren. Als ihr Mann 45 ist, bekommt er epileptische Anfälle - ein aggressiver Gehirntumor, drei Monate Koma, die Ärzte geben ihm ein halbes Jahr. Erika entscheidet für ihn, eine Operation zu riskieren. Er überlebt, erholt sich. Mit 66 Jahren ist Herbert zuhause gestorben, "vor vier Jahren, sieben Monaten und einem Tag", sagt Erika. "Ich hab das Fenster aufgemacht, damit seine Seele gehen konnte." 48 Jahre waren die beiden verheiratet.

Als es ihr "ganz dreckig" ging, hat sie den Rucksack gepackt und ist los - das erste Mal ohne ihren Mann - nach Moskau, durch die altrussischen Städte im Nordosten, vier Tage mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Tjumen in Westsibirien - eine lange Fahrt, dunkel sei es kaum geworden. "Erika nix lesen", haben ihre Reisegefährten gesagt, den Proviant ausgepackt, Tee im Samowar gekocht und sich mit Händen und Füßen unterhalten. Die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der Menschen habe sie überwältigt, sagt Erika Werner. "Wenn man bei uns eingeladen wird, dann meistens zum Kaffee". In Russland aber werde aufgeladen, "dass sich der Tisch biegt". Alleine sei sie auf ihrer Reise nie gewesen, die Freundinnen hätten Übernachtungen organisiert. "Den Putin mag ich nicht", sagt Werner, "aber die Menschen in Russland sind toll." Neulich hat sie groß Geburtstag gefeiert. 120 Gäste sind gekommen, auch Vera und Galina aus Sibirien: zwölf Stunden Anreise, vier Stunden feiern, anschließend zwölf Stunden Heimreise, weil sie keinen Urlaub bekommen hatten. Erika hat das gerührt. "Das Leben ist zu schön, um es einfach aufzugeben."