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Tafeln:An den Grenzen des Machbaren

Die Ausgabestelle der Geretsrieder Tafel in der Jeschkenstraße: Ingrid Pointner (li.) und Ursula Döcker verteilen Obst und Gemüse.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Verantwortlichen bleiben trotz des Andrangs und der Debatte um das Mindesthaltbarkeitsdatum gelassen. Am Samstag treffen sich Vertreter aus Südbayern in Geretsried.

Von Andreas Scheuerer

Die Nachfrage bei den Tafeln steigt und steigt. Hartz-IV-Empfänger müssen mit rund 400 Euro im Monat auskommen, Asylbewerber im laufenden Verfahren mit etwa 330 Euro. Betroffenen bleibt deswegen oft nur noch der Weg zur Tafel. Allerdings zieht die steigende Nachfrage nicht automatisch ein steigendes Angebot nach sich: Lebensmittel und ehrenamtliche Helfer sind begrenzt bei den drei Tafeln im Landkreis. Mit der Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums, für die Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) derzeit wirbt, steht den sozialen Einrichtungen nun eine zusätzliche Herausforderung bevor. Denn dadurch könnten Lebensmittel länger in Supermärkten bleiben und in geringerem Umfang an die Tafeln verteilt werden. Das Regionaltreffen der Deutschen Tafel am Samstag in Geretsried wird sich mit dieser Thematik auseinandersetzen müssen.

Die größte der drei Tafeln im Landkreis ist die Geretsrieder-Wolfratshauser Tafel. Mit rund 1000 Kunden ist die Einrichtung derzeit stark ausgelastet, erklärt der Vorsitzende, Peter Grooten. Deshalb habe man im Jugendhaus "La Vida" in Wolfratshausen schon einen Aufnahmestopp erlassen. Dieser blieb im benachbarten Geretsried bis dato aus. Dort wurde stattdessen eine Aufteilung vorgenommen: Jeder Hilfsbedürftige kann "nur noch" im Zwei-Wochen-Rhythmus an die Essensausgabe in der Jeschkenstraße 22 kommen. Durch diese Aufteilung laufe der Betrieb laut Grooten weitgehend rund. Empfänger der Leistungen müssen ein Einkommen unter 900 Euro im Monat nachweisen.

Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei den beiden anderen Tafeln im Landkreis ab: In Lenggries musste ein Aufnahmestopp verhängt werden. Die Tafel-Chefin Birgitta Opitz betont aber, dass dies bewusst keine Entscheidung gegen die zahlreichen Asylbewerber gewesen sei. Mehr als 40 Personen könne die Einrichtung einfach nicht stemmen. Bad Tölz verzeichnet aktuell rund 200 Kunden, wie die Leiter Dagmar und Reinhold Pohle berichten. Die 180 Flüchtlinge, die "Am Kranzer" die sogenannten Mobile Homes bewohnen, können nicht berücksichtigt werden. Dennoch haben die Bad Tölzer und die Lenggrieser eine kleine Lösung gefunden: Die Flüchtlinge werden mit Ware beliefert, die bei der Essenausgabe übrig bleibt.

Zu dem starken Andrang von Hilfsbedürftigen, der die Tafeln immer mehr an ihre Grenzen bringt, könnte es wegen der Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums zudem zu Engpässen kommen. Obwohl das Szenario innerhalb der Wolfratshauser Tafel stark diskutiert wird, bleibt Grooten entspannt: "Wir können ohnehin nur verteilen, was wir an Lebensmittelspenden bekommen", sagt der Einrichtungsleiter. Auch die Vorsitzende in Lenggries, teilt die Gelassenheit: "Gegen die Unmengen an Lebensmittelverschwendung vorzugehen, ist Leitgedanke der Tafel."

Genau wie Opitz betont auch Reinhold Pohle, dass das oberste Ziel sein müsse, der "Wegwerfkultur" ein Ende zu bereiten, unabhängig vom eigenen Tafelbedarf. Ein Großteil der Lebensmittel betreffe ohnehin Waren, die durch keine Haltbarkeit gekennzeichnet sind wie etwa Brot, Obst oder Gemüse. Die übrigen Warenstücke hat Dagmar Pohle in ihrer Tafel in Bad Tölz mit Bildern versehen: Eine Nase auf einem Joghurt soll die Kunden zum Beispiel darauf hinweisen, dass die Ware, die das Haltbarkeitsdatum überschritten hat, einem Geruchstest unterzogen wurde.

Derartige Tests gehören zu den Bedingungen, denen alle 168 Tafeln in Bayern unterliegen, sagt der Sprecher der bayerischen Ländervertreter, Reiner Haupka. Lieferengpässe sieht Haupka weniger durch die mögliche Gesetzesänderung, als durch die grundsätzliche Spendenkultur in den jeweiligen Tafeln bedroht. "Das Spendenbild unterscheidet sich von Region zu Region gewaltig", so der Ländervertreter. Manche Tafeln bekämen überdurchschnittlich viel, andere ganz wenig.

Neben dem Mindesthaltbarkeitsdatum werde die hohe Zahl an Geflüchteten ein Thema am Samstag sein. "In diesem Punkt ist die Tafel verantwortlich für die Versäumnisse, die in der Politik gemacht wurden." Die Regierung sei laut Haupka, der kürzlich die Insel Lesbos besuchte, "immer noch planlos" in den Flüchtlingsfragen. Er hoffe darauf, dass die Tafel irgendwann überflüssig werde. Das tut er seit 23 Jahren.

© SZ vom 02.04.2016

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