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Typisch deutsch:Schluss mit der Verschwörung gegen die Pfunde

Übergewicht

Man könnte kräftige Menschen auch lobend erwähnen für ihre weise Voraussicht. Etwa, wenn eine Krise kommt und die Lebensmittel knapp werden - findet unser Autor.

(Foto: Franziska Kraufmann/dpa)

Warum hört man in München so gut wie nie etwas von Menschen, die zunehmen wollen? Ein Plädoyer für versteckte Fette.

Kolumne von Olaleye Akintola

Es sind "alle Augen auf mich" gerichtet, wie der Rapper Tupac Shakur es einst formulierte. Warum? Hautfarbe kann ein Grund sein, doch das ist weniger geworden, die Münchner scheinen sich an Schwarze zu gewöhnen. Manche Leute sehen einen vielmehr komisch an, weil man in ihren Augen ein bisschen klobig ist. Eine gesunde Figur von Kraft, könnte man sagen. Trotzdem brachten mich Fitness-Enthusiasten, die damals meine Freunde waren, dazu, mich in einem der unzähligen Münchner Fitnessstudios anzumelden. Eine kostenlose Schnupperzeit von zwei Wochen. Die Horror-Show begann.

Manchen fehlen die Lebensmittel, um gut essen zu können. Andere könnten gut essen, sollen aber nicht. Die Münchner Gesellschaft steckt diese Menschen sonst in die Schublade "fettleibig" und "mangelnde Selbstdisziplin". Dabei könnte man kräftige Menschen auch lobend erwähnen für ihre weise Voraussicht. Etwa, wenn eine Krise kommt und die Lebensmittel knapp werden. Ich frage mich, warum man von Menschen, die zunehmen wollen, wenig bis gar nichts hört.

Aber gut, München eben: Je dünner, desto besser. Drei Tage lang habe ich mich an den Geräten im Fitnessstudio gequält. Auf der gleichen Stelle laufen, in die Hocke gehen und mich vor Schmerzen am Boden krümmen. Ich beobachtete, dass die meisten Menschen im Fitnessstudio zwischen ihren Übungen in den Spiegel schauten. Es ging offenbar mehr um das Aussehen als um die Gesundheit.

Die Anhänger der Veggie-Kur sind wie Ziegen, die nur auf grünen Wiesen grasen, man kann sie nachts kauen hören. Diätwillige, die sich nur von Grünzeug ernähren, sind nicht vor der Erinnerung an die deftigen Speisen der bayerischen Küche gefeit. Ehemänner lassen sich scheiden, weil die Frau nicht mehr aussieht wie mit Anfang 20. Manche Frauen beschweren sich wiederum darüber, dass ihre Männer mit zunehmendem Gewicht immer öfter schnarchen. Ein Trennungsgrund, weil wenig Schlaf ja schließlich schlecht für die Figur ist.

Die Ärzte werden bei dieser Verschwörung gegen die Pfunde nicht außen vor gelassen. Ganz im Gegenteil: Sie beenden die Konsultationen ihrer Patienten nicht selten mit dem Ratschlag, sich ein Fahrrad zuzulegen - statt noch mehr an Gewicht. Ja, wenn es so einfach wäre! Mit dem Coronavirus, das die Menschen dazu veranlasst, daheim zu bleiben, dürften viele Leute noch mehr Gewicht zugelegt haben. Noch dazu kurz nach all den unwiderstehlichen Weihnachtsschmäusen.

Wenn nun Hose oder Hemd nicht mehr passen, ist das kein Anlass zur Beunruhigung. Die Boutiquen werden bald wieder geöffnet sein. Und - wenn einer so will - die Fitnessstudios auch. Ich selbst habe mir hier meine eigene Abstandsregel auferlegt. Diese Zeiten erfordern ganz andere Maßnahmen: Statt abzunehmen, sollte man sein Gewicht managen. Denn wer weiß, ob die zehn Pfund, die man zu verlieren gedenkt, nicht eines Tages die rettende Gnade sind.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

© SZ vom 08.01.2021/koei
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