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Kolumne "Typisch deutsch":Die Biervernichtungsmaschine scheitert

Typisch-Deutsch-Kolumnisten auf der Wiesn.

Typisch-deutsch-Kolumnisten auf der Wiesn. von links: Olaleye Akintola, Lillian Ikulumet und Mohamad Alkhalaf

(Foto: Florian Peljak)

Nach ihrer Ankunft in Deutschland waren die SZ-Kolumnisten Olaleye Akintola, Lillian Ikulumet und Mohamad Alkhalaf erstmals 2016 auf der Wiesn. Wie sich ihr Blick auf das größte Volksfest der Welt mit den Jahren verändert hat.

Vor drei Jahren haben die Autoren der Kolumnenreihe "Typisch deutsch" zum ersten Mal vom Oktoberfest berichtet und seither wertvolle Wiesn-Erfahrungen gesammelt. Mit diesem Wissen sind sie nun wieder losgezogen: Lillian Ikulumet aus Uganda erstmals als Mutter, der frisch vermählte Syrer Mohamad Alkhalaf mit seiner Wiesn-unerprobten Frau. Und Olaleye Akintola in seiner nigerianischen Stammestracht - verbunden mit einem komplizierten Selbstversuch.

Ein Held und sein Spezi

Die Wiesn ist dieses Jahr voll von Stars. Manche Zeltgäste kennt man aus Funk, TV oder aus der Zeitung, andere machen sich aufgrund ihrer Leistung im Bierzelt einen Namen. So gesehen gehöre ich ein bisschen aus zweierlei Gründen dazu. 2016 hatte ich das Vergnügen, mich als Sieben-Mass-Mann in die Herzen der Wiesn-Fans zu schreiben, als Biervernichtungsmaschine, die anschließend von dannen schritt, als wäre nichts geschehen. Heute, drei Jahre später, sitze ich wieder im Wiesnzelt - und zwar wie einer, der seinen Titel zu verteidigen hat. Das Problem an der Sache: Mittlerweile trinke ich nur noch selten Bier, das nicht gerade zu den Schlankmachern zählt. Meine Challenge lautet also: ein nüchterner, bierfreier Wiesntag.

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Im Augustinerzelt ist die Party im Gang. Die meisten stehen schon auf den Bänken, ich setze mich und bestelle Spezi. Mein Nachbar schaut mich entgeistert an. Schon vergangenes Jahr zog ich die Aufmerksamkeit ganz ohne Bier auf mich: mit meiner Hingabe fürs Knacken von Hendlknochen. Ich kam mir vor wie ein Oktoberfest-VIP, aufgestiegen in eine Liga, wo der mit dem größten Bierbauch mitspielt, der mit dem stärksten Hau-den-Lukas-Arm und die Bedienung, die am meisten Masskrüge stemmt. Und nicht zu vergessen: all die unbesungenen Helden, die auf der Theresienwiese so fleißig ihren Durst stillen, dass sie der Bavaria zu Füßen liegen oder in die U-Bahn speien. Sie alle sind die Helden des größten Bierfests der Welt. Und ich schicke mich an, ein Antiheld zu werden.

Dieses Jahr bin ich in Tracht gekommen, in meinem original nigerianischen Yoruba-Stammesgewand, ein flatterndes Kleidungsstück, kombiniert mit einem symbolträchtigen Hut. In dem Outfit sieht man mir nicht gerade an, dass ich über die Jahre immer deutscher geworden bin. An diesem Abend etwa verzichte ich beim Hendlschmaus darauf, die Knochen zu knacken und zwischen den Zähnen zu zermalmen. Welch ein Frevel, denkt der Nigerianer in mir. Doch auch ohne den Knochenknacker-Trick falle ich auf. Wegen meiner Kleidung - und weil in meinem Masskrug kein Bier ist, sondern Spezi. Welch ein Frevel, denkt der Bayer in mir. Ich sehne mich nach einer Mass Bier. Doch mit meinem selbst auferlegten Rechercheauftrag sind mir die Hände gebunden.

So sitze ich zwischen klirrenden Krügen, doch mit Spezi im Glas klirrt es nicht halb so schön. Es ist erst ein Jahr her, da trat ich hier als Schwergewichtsboxer aller Masskrugleerer an, wie einer, der sich nur selbst schlagen kann - und doch bin ich gescheitert. Es reichten drei Mass Wiesnbier, damit ich k. o. ging. Zunächst hatte ich die Brauer im Verdacht, dass sie sich gegen mich verschworen hätten. Hatte ich doch ihr Gebräu einst in Geschmack und Wirkung mit Wasser verglichen. Wollten sie mir eine Lektion erteilen? Die Wahrheit ist unheldenhafter. Ich hatte das Zelt mit leerem Magen betreten. Anfängerfehler.

Diese Performance also gilt es nun auszumerzen. Deswegen Spezi. Im Englischen sagen wir: Wer einmal gebissen wurde, ist zweimal so vorsichtig. So sitze ich also da, und ziehe Bewunderung auf mich. Von überall her kommen Menschen an den Tisch und bestaunen meine Tracht. Manche bitten darum, meine Kopfbedeckung tragen zu dürfen, im Gegenzug erhalte ich leihweise bayerische Filzhüte, deren Gamsbärte unecht sind. Ein Löwe kann nie ein Hund sein, denke ich mir. Wenn die wüssten, dass hier der einstige Sieben-Mass-Mann vor ihnen sitzt. Ich komme mir mit meinem Spezi langsam vor wie ein Boxer ohne Boxhandschuhe. So bin ich gezwungen, doch eine Mass Bier zu bestellen. Und später noch eine. So scheitert meine Challenge - no new star is born. Der Abend endet unheldenhaft - dafür aber ohne K. o. Mein Rekord von damals bleibt sicher im Archiv verwahrt. Olaleye Akintola

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

Böse Geister

Endlich wieder Oktoberfest! Endlich reicht mein Bauchumfang für die Lederhose, meine Wadln sind stramm genug für die standesgemäßen Kniestrümpfe. Darauf habe ich mehrere Jahre hingearbeitet. Jetzt bin ich ein gestandenes Mannsbild. Und meine Frau ist ein fesches Dirndl im Dirndl.

Arm in Arm in bayerischer Tracht bin ich das erste mal mit ihr zusammen auf die Wiesn gegangen. Ich schlendere mittlerweile entspannt über das Festgelände und wahre die Souveränität: Rosenschießen (drei Stück für meine Schöne), ein Lebkuchenherz Marke "I fliag auf di" und dann rein in die Geisterbahn. Ich kannte die Skelette bereits und war neugierig, wie sehr sich meine Frau erschreckt. Schon beim Anblick der Geisterbahnfassade versuchte sie, mich an meiner Lederhose wegzuziehen. Doch zum Glück hat eine Lederhose stabile Träger. Es gab also kein Zurück.

Typisch-Deutsch-Kolumnisten auf der Wiesn.

Hat jahrelang auf eine gute Figur in Tracht hingearbeitet: Mohamad Alkhalaf (rechts).

(Foto: Florian Peljak)

Schon beim Einsteigen überkam sie ein leichtes Gruseln. Als kräftiger, mutiger bayerischer Syrer würde ich sie gegen die Geister verteidigen können, erklärte ich meiner Frau. Das überzeugte sie nicht restlos, also empfahl ich ihr, sich an mir festzuhalten. Das Tor ging auf, die Dunkelheit empfing uns und das Theater begann. Flackernde Lichter und Angstschreie schafften eine beklemmende Atmosphäre. Ich hielt die Augen geöffnet, jetzt wie ein Adler - nicht wie einst im Stile eines ängstlichen Vogels. Eine Wanne voll mit roter Farbe sollte mir Blut vorgaukeln. Ein Skelett und ein Vampir blickten uns lüstern an.

Wir rumpelten mit dem Wagen durch diese Gruselwelt. Mich mit all meiner Geisterbahnerfahrung belustigte es, doch meine Frau hatte Angst. Sie erinnerte das vor allem an die Bombenangriffe in Syrien, ist sie doch erst seit einem guten Jahr in Deutschland und in Sicherheit. Ein Toter ohne Kopf ließ sie zusammenfahren - auch wenn er nur aus Plastik war. In Syrien hatte ich eine Kollegin, die von maskierten IS-Männern gefangen genommen und gefesselt abgeführt wurde. Zwei Tage später übergab man den Eltern ihren abgetrennten Kopf. Ein Jahr reicht nicht, um Erlebnisse wie diese so zu verdrängen, dass eine Geisterbahnfahrt zum Vergnügen wird.

Ein Skelett bot mir seine Handknochen zum "High five" und berührte dabei die Hand meiner Frau, die sogleich losschrie. Wie groß war ihre Erleichterung, als wir aus dem Wagen ausstiegen und die Geisterbahn hinter uns ließen. Ich hatte meine Gaudi, meine Frau aber hielt die Augen geschlossen und umklammerte mich ängstlich. Dies ist ein Vorteil der Geisterbahn für junge Verliebte. Mohamad Alkhalaf

Kinder im Getümmel

Vor ein paar Tagen bin ich mit meiner kleinen Tochter Taliah auf das Oktoberfest gefahren, um mich dort mit Freunden zu treffen. Doch als ich in der überfüllten U-Bahn Richtung Theresienwiese fuhr, wurde mir klar, dass es ein Fehler war, sie mitzunehmen. Eine Einjährige auf der Wiesn? Also brachte ich sie zu einer Freundin, die auf sie aufpasste. Als ich schließlich mit Verspätung auf der Festwiese ankam, fiel mir etwas auf. Ich sah plötzlich überall Eltern, die ihre Kleinen mit Kinderwagen herumfuhren. War mein eigentlicher Fehler nun, dass ich Taliah nicht mitgebracht hatte?

Seit Jahren bin ich eine überzeugte Wiesngängerin. Und es war stets nur eine Frage der Zeit, bis ich in die wilde Bierzelt- Party eintauchte. Bisher war für mich nicht daran zu rütteln, dass Babys und Kleinkinder auf einem Volksfest fehl am Platz sind. Dass es sowohl für sie als auch für Mama oder Papa eher Belastung als Spaß ist. Als ich nun aber erstmals als Mama im Oktoberfest-Getümmel stand, sah ich die Dinge mit neuen Augen.

Typisch-Deutsch-Kolumnisten auf der Wiesn.

Lillian Ikulumet testet den Kinderwagen einer Wiesn-Mama.

(Foto: Florian Peljak)

Warum auch immer hörte das Oktoberfest für mich stets auf, sobald man ein Zelt verlässt. Für die kleinen Besucher fängt es aber genau dann an: Achterbahnen, Karussells, Autoscooter, Spiegelkabinett, das Riesenrad, die Auswahl ist deutlich größer als bei den Bierzelten. Für Einjährige ist das Angebot zwar überschaubar, die ganz kleinen kommen aber teilweise aus dem Schauen gar nicht mehr heraus, wenn sie beim Autokarussell den etwas Größeren zuschauen.

Klar sollte man bei all dem bedenken, dass es sich um ein Trinkfest handelt, sodass Kinder womöglich Zeugen von unrühmlichen Augenblicken werden. Und dennoch erzählte mir eine Mutter an diesem Nachmittag, dass sie mit ihrem Kinderwagen samt Passagier um die Mittagszeit ins Bierzelt durfte. Tatsächlich habe ich einige Mütter und Väter mit einer Mass Bier in der einen und einem Kinderwagen in der anderen Hand gesehen. Ich wünschte, ich hätte meine kleine Taliah mit aufs Oktoberfest gebracht. Niemand wird einen hier deswegen komisch anschauen, solange das Baby an einer Brust nuckelt, und nicht am Masskrug. Lillian Ikulumet

Die SZ-Reihe "Typisch deutsch" erscheint immer freitags auf der Leute-Seite. Die Kolumnen von Lillian Ikulumet, Mohamad Alkhalaf und Olaleye Akintola sind unter www.sz.de/typisch gesammelt.

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