Transplantationen Verfahren gegen Ärzte im Klinikum Großhadern eingestellt

Der Streit um die Transplantationen in Großhadern ist mit der Einstellung des Verfahrens nicht beendet. Die Bundesärztekammer etwa äußert Unverständnis.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Zwischen 2010 und 2012 sollen manche Patienten im Klinikum Großhadern ein Spenderherz bekommen haben, obwohl sie nach der Transplantationsliste noch gar nicht an der Reihe waren.
  • Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen schon im Januar eingestellt, hat die SZ nun erfahren. Unregelmäßigkeiten konnten nicht festgestellt werden, hieß es.
  • Die Bundesärztekammer kritisiert das scharf. Obendrein hat ein Gutachter Großhadern geprüft, der dort früher selbst gearbeitet hat.
Von Christina Berndt

Mehr als ein Jahr lang ging die Staatsanwaltschaft München I einem schweren Vorwurf gegen Ärzte nach: 17 Patienten sollen am Klinikum Großhadern in den Jahren 2010 bis 2012 ein Spenderherz bekommen haben, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe waren. Die Vorwürfe hatte im Frühjahr 2015 nicht irgendwer erhoben, sondern die bei der Bundesärztekammer angesiedelte Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK), welche für die Kontrolle der deutschen Transplantationszentren zuständig ist.

Doch inzwischen können die Beschuldigten aufatmen. Schon im Januar hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt, wie die SZ jetzt auf Anfrage erfuhr. Die Patienten seien alle sterbenskrank gewesen, daher hätten sie zu Recht den Status "HU" bekommen: "hochdringlich". Es könne "nicht festgestellt werden", so die Staatsanwaltschaft, dass die Patienten ein Organ erhielten, das ihnen nicht zugestanden hätte. Die Staatsanwaltschaft folgte damit im Wesentlichen dem von ihr bestellten Gutachter, dem emeritierten Kölner Kardiologieprofessor Erland Erdmann.

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In Großhadern ist man erleichtert - auch wenn das Thema Staatsanwaltschaft noch nicht vom Tisch ist. "Wir freuen uns natürlich", sagt der Ärztliche Direktor des Klinikums, Karl-Walter Jauch. "Und wir fühlen uns in unserer Einschätzung bestätigt, dass Patienten nicht über Manipulationen oben auf die Warteliste gekommen sind." Großhadern hatte stets betont, keine Falschangaben gemacht zu haben. Man habe die Patienten nach dem neuesten Stand der Wissenschaft behandelt. Es sei nicht ratsam, ihnen dauerhaft starke Herzmedikamente (Katecholamine) zu geben, wie dies nach den Richtlinien für Herztransplantationen Voraussetzung für den HU-Status ist. Deshalb habe man sie nur intervallweise gegeben.

Gutachter Erdmann pflichtete bei: "Die meisten erfahrenen Herzspezialisten" wüssten, dass eine Langzeitgabe der Medikamente "nur wegen der überholten Vorschriften der Bundesärztekammer durchgeführt wird".

Der Streit ist mit der Einstellung des Verfahrens allerdings keineswegs beendet. Man habe diese "mit großem Unverständnis zur Kenntnis genommen", lässt die Bundesärztekammer wissen. Sie halte "die Wertung der Staatsanwaltschaft für unzutreffend". Deshalb habe sie sich bereits mit ihr in Verbindung gesetzt.

Aus dem Bericht der Prüfer geht hervor, dass die Patienten offenbar wochenlang ohne Katecholamine ausgekommen sind. Pünktlich zur neuen HU-Meldung haben sie dann wieder welche bekommen, ohne dass die Organverteilungsstelle Eurotransplant über dieses ungewöhnliche Vorgehen in Kenntnis gesetzt wurde. Auch wenn die Patienten gewiss sehr krank waren, so waren andere Patienten, die dauerhaft Katecholamine benötigten, womöglich kränker und hätten deshalb Vorrang gehabt.

Großhadern wurde für sein Vorgehen schon regelrecht "abgewatscht"

"Es geht um die Frage der Transparenz und der Gerechtigkeit", sagt Axel Rahmel, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Eine Einstellung des Verfahrens bedeute "nicht unbedingt, dass man moralisch-ethisch einwandfrei gehandelt hat".

Die Deutsche Transplantationsgesellschaft hatte Großhadern schon Ende 2015 regelrecht abgewatscht. Es sei "populistisch", dass einzelne Zentren Verstöße so hartnäckig bestritten, teilte ihr Vorstand damals mit. Sie sollten lieber ihr Fehlverhalten einräumen und künftig den Regeln folgen. Nur wenige Fachleute unterstützen Großhaderns Argumentation, namentlich Chefärzte aus Wien, Saarbrücken und Augsburg. Und eben auch der Gutachter Erdmann. Er ist zweifelsohne eine Koryphäe der Kardiologie, hat zahlreiche Fachbücher geschrieben und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Dennoch bewies die Staatsanwaltschaft bei der Wahl dieses Gutachters kein glückliches Händchen: Erdmann leitete - nachdem er zehn Jahre lang ausgerechnet in Großhadern Professor war - bis zu seiner Emeritierung Ende 2012 die Kardiologie an der Universitätsklinik Köln. Und auch wenn Erdmann persönlich keine Vorwürfe gemacht werden: Dort sind der PÜK zufolge ebenfalls Herzen unlauter vergeben worden. Bei sechs von 15 Herztransplantationen im Zeitraum 2010 bis 2012, stellte die PÜK Ende 2015 fest, seien "bewusst und gewollt Falschangaben zu Herzmedikamenten" gemacht worden. Damit gehören Köln und Großhadern zu den fünf Herztransplantationszentren, in denen die PÜK Manipulationen festgestellt hat. 16 Kliniken blieben dagegen unbeanstandet.

Die Führung des Kölners Klinikums hat bei Bekanntwerden der Vorwürfe in Demut reagiert: Die Geschehnisse seien "absolut inakzeptabel", ließ sie wissen und erstattete selbst Anzeige. Ganz raus aus den Ermittlungen ist auch Großhadern nicht. Derzeit ermitteln Staatsanwälte noch wegen Lungentransplantationen, bei denen das Münchner Uniklinikum mit der Asklepios-Fachklinik in Gauting zusammengearbeitet hat. Dass dort Falschangaben gemacht wurden, um Patienten zu einem Spenderorgan zu verhelfen, räumt Großhadern auch ein. Die Daten seien aber alle in Gauting frisiert worden.

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