Tollwood-Winterfestival:Nachhaltig einheizen

Tollwood-Winterfestival: Leuchtzeichen in die Zukunft: Tollwood stellt in diesem Winter drei Zelte weniger auf die Theresienwiese als bei den vergangenen Festivals.

Leuchtzeichen in die Zukunft: Tollwood stellt in diesem Winter drei Zelte weniger auf die Theresienwiese als bei den vergangenen Festivals.

(Foto: Bernd Wackerbauer)

Tollwood spart sich in diesem Winter drei Zelte, erwärmt die Gemüter aber mit heißen Shows, Feuerkunst und Lichterzauber.

Von Sarah Maderer und Michael Zirnstein

Die Zukunft muss nicht immer größer, schneller und heißer sein. Damit es überhaupt eine Zukunft gibt für Kunst, Kultur, ja die Menschheit selbst, ist momentan Bescheidenheit das Maß. Tollwood hat sich als ökologisches Festival in diesem Winter also nicht nur wieder politische Nachhaltigkeits-Aktionen ausgedacht - diesmal will man den Besuchern zum Motto "Tatort Zukunft" 17 "tu Du's" zur Agenda 2030 der UN ans Herz legen. Tollwood hat sich zudem auch selbst ein Sparprogramm verordnet: Es gibt drei Zelte weniger, die also auch nicht geheizt werden müssen. Es ist zwar sehr schade, etwa um das Kulturprogramm des abgeschafften Weltsalons, dessen "Faszination Erde"-Vorträge nur zum Teil an drei spielfreien Montagen im großen Zirkuszelt untergebracht werden können. Aber für die Umwelt muss man eben Opfer bringen. Und wenn der Winter hoffentlich doch noch einsetzt, gibt es genügend Unterstellmöglichkeiten etwa unter neuen Pagoden, und mit Glühbier, am neuen Feuershowplatz oder bei Bewegung an den Kunsteisstockbahnen kann man sich auch auf Temperatur bringen.

Machine de Cirque

Tollwood-Winterfestival: Männersache: Bei der ersten Show der kanadischen Compagnie Machine de Cirque finden sich die Artisten nach einer fiktiven Apokalypse mit dem Nötigsten zurecht.

Männersache: Bei der ersten Show der kanadischen Compagnie Machine de Cirque finden sich die Artisten nach einer fiktiven Apokalypse mit dem Nötigsten zurecht.

(Foto: Stephane Bourgeois)

Sechs Männer alleine auf der Erde? Das könnte ja nur schiefgehen, wäre nicht eh schon alles schiefgegangen: Denn diese seltsamen Kerle sind die letzten ihrer Art nach einer Apokalypse. Oder doch nicht? Mithilfe einer kuriosen Maschine wollen sie Kontakt zu anderen Überlebenden aufnehmen. Das ist die Geschichte der Show "Machine de Cirque" der gleichnamigen Compagnie aus Quebec. Nun stellen sich die sechs Typen aber durchaus geschickt an, befreien sich immer wieder aus der Bredouille, mal mit Keulenschwung, mal am Schleuderbrett, mal auf dem Kunstrad, immer mit Herz und meistens mit Humor, den das Programmheft als "Monty Python"-haft anpreist.

Tollwood-Winterfestival: In "La Galerie" verwandeln sich die Artisten in einer Ausstellung selbst in Kunstwerke.

In "La Galerie" verwandeln sich die Artisten in einer Ausstellung selbst in Kunstwerke.

(Foto: Emmanuel Burriel)

Ein Cirque-Nouveau-Gastspiel ist wie gewohnt die große Attraktion beim Winter-Tollwood, und doch ist diesmal etwas anders: Die Truppe Machine de Cirque spielt nach zwei Wochen eine weitere, ganz andere Show im Grand Chapiteau - und dann kommen endlich zwei Frauen ins Spiel, eine Artistin und eine Saxofonistin. Bei der Deutschland-Premiere von "La Galerie" sieht man zunächst recht fades Kunstpublikum mit Monokel vor schwarzweißen Leinwänden. Die Akrobaten erobern aber diese Ausstellung, wirbeln umher, lösen eine Farbexplosion aus, verwandeln sich selbst in bunte Kunstwerke und erschaffen so - mit Albernheit und Poesie - eine "Ode an die Kreativität".

Machine de Cirque, Do., 24. Nov., bis So., 11. Dez., La Galerie, Di., 13. Dez., bis Fr., 30. Dez., Silvester-Gala am Sa., 31. Dez.

Menüs von Holger Stromberg

Tollwood-Winterfestival: Gemüse geht immer: Holger Stromberg setzt beim Tollwood auf pflanzenbasierte Kost. Aber nicht ganz: Besucher können beim Menü einen Fleisch-Hauptgang bestellen.

Gemüse geht immer: Holger Stromberg setzt beim Tollwood auf pflanzenbasierte Kost. Aber nicht ganz: Besucher können beim Menü einen Fleisch-Hauptgang bestellen.

(Foto: Mike Meyer)

Holger Stromberg ist mehr Ernährungsexperte als bloß Koch. Nach seiner Ausbildung in der Spitzengastronomie, wo er sich mit 23 Jahren den ersten Michelin-Stern erkochte, und einer Weiterbildung zum "Nutritionist" arbeitete er zehn Jahre lang als Küchenchef der deutschen Fußballnationalmannschaft. Schon da klopfte Norbert Keßler, Gastronomieleiter des Tollwood-Festivals, bei Stromberg an. Damals fehlte die Zeit, nun finden Strombergs klimafreundliche Küche und das Festival zusammen. Strombergs 4-Gänge-Menü kann während des gesamten Festivals zu den zwei Shows "Machine De Cirque" und "La Galerie" im Grand Chapiteau dazu gebucht werden; zur Silvestergala gibt es einen Gang mehr.

Die Vorspeise setzt sich zusammen aus Sesam-Minz-Falafeln, Hummus von Aubergine und Sonnenblumenkerndl und einem Salat mit Lichtroggen und Rote-Bete-Dressing. Es folgt eine Apfel-Ingwer-Cremesuppe mit karamellisiertem Knoblauch und Estragon. Beim Hauptgang serviert Stromberg Samen-Saaten-Medaillons mit Ofengemüse, Spinatnocken und einer Bratensoße aus Wurzelgemüse ("zum Niederknien", schwärmt er selbst). Wer unbedingt Fleisch will, bekommt zu denselben Beilagen "Ox from Nose to Tail". Schokoladen-Gewürz-Fudge mit weißer Schokolade, Kokos und Hanfproteineis runden das Menü ab.

Gastronomie

Die Besucher dürfen sich wieder auf internationale Kulinarik freuen, beispielsweise auf den "Food-Plaza" mit indischer Tandoori-Küche, afrikanischen Speisen aus Südafrika und Marokko, griechischen Spezialitäten oder thailändischem Insekten-Food. Auch an den Außenständen finden kalte Hände dank Feuerzangenbowle, heißer Kokosnuss mit Rum oder Cocktails auf Teebasis Aufwärm-Möglichkeiten.

Seit mehr als 20 Jahren kümmert sich Norbert Keßler um das kulinarische Angebot. Fast genauso lang unterliegt der Speisebereich einer Biozertifizierung, und Hacker-Pschorr braut seit Jahren eigens für das Tollwood ein naturtrübes Biobier. Mittlerweile bietet etwa die Hälfte aller Essensstände vegetarische Speisen an, viele auch vegane, so Keßler.

Erstmals vertreten auf dem vergangenen Sommer-Tollwood, wird "Damasko" mit syrischem Schawarma, einem Döner-artigen Fast-Food-Gericht aus Fleisch, Fladenbrot und Gewürzen, auch im Winter dabei sein. Die "Pastabox" mit selbstgemachter Pasta im Parmesanlaib, der "Spatzndealer" mit Käseknödel und handgehobelten Spinatspatzn sowie ein "Kumpir"-Stand ("Kumpir" ist eine Art türkische Ofenkartoffel gefüllt mit Käse und "Toppings" nach Wahl) bereichern diesen Winter zum ersten Mal das Angebot.

Feuertheater

Tollwood-Winterfestival: Feurio: Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt die französische Gruppe La Salamandre im Fünf-Akter "Peplum".

Feurio: Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt die französische Gruppe La Salamandre im Fünf-Akter "Peplum".

(Foto: Jean-Charles Sexe)

Die Frage nach der Co₂-Bilanz von Feuershows kann man stellen, muss man aber nicht. Denn den neuen Feuershowplatz des Winter-Tollwood gibt es ja gerade auch deshalb, weil dafür zu heizende Zelte eingespart werden. Sechs verschiedene Funken-Spektakel zwischen 15 und 30 Minuten Länge mit täglich zwei Spielzeiten sind zu erleben, vom Inferno des italienischen Feuer-Philosophen Andrea Salustri (4., 11., 16. - 18.12.) bis zum "Firecircus" von LaLuz (19. - 21.12.). Das aufwändigste Spektakel ist "Peplum". Die französische Gruppe La Salamandre aus Artisten, Kampfsportlern und Tänzern nimmt die Zuschauer in fünf Akten mit durch die Menschheitsgeschichte, von Stammesritualen zu Kriegen mit Flammenspeeren bis zum leuchtenden Friedensschluss. Über allem steht die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Peplum, Do. - So., 24.(18 & 20 Uhr), 25. & 26. (18.30 & 20.30 Uhr), 27.11. (17.30 & 19 Uhr), Eintritt frei

Performances und Walkacts

Tollwood-Winterfestival: Eine leuchtende Unterwasserwelt bringt das tschechische V.O.S.A. Theatre mit seinen Figuren auf das Tollwood-Gelände.

Eine leuchtende Unterwasserwelt bringt das tschechische V.O.S.A. Theatre mit seinen Figuren auf das Tollwood-Gelände.

(Foto: Jan Hromadko)

War es doch schon eine Feuerzangenbowle zu viel? Nein, das sind ja wirklich leuchtende Quallen, Fische und Kraken, die da durch die Gästescharen tanzen. Die bunten Figuren "The Visitors" des V.O.S.A. Theatre aus Tschechien (16. - 18.12.) gehören zu den zahlreichen Walk-Act-Wesen, die den Besuchern fremde Welten vorgaukeln: So auch Bastian, König in seiner übergroßen Schneekugel (19. - 23.12.), oder die "Big Dancers", riesige Stabfiguren aus Spanien (30.11. - 4.12.), die vom Tollwood-bekannten Leucht-Giganten Dundu abgelöst werden, der diesmal erstmals seine tanzende Gefährtin Bimbi mitbringt (8.12. - 11.12.).

Tollwood-Winterfestival: Bitte nicht schütteln: Bastian ist der König seiner eigenen Schneekugel.

Bitte nicht schütteln: Bastian ist der König seiner eigenen Schneekugel.

(Foto: X21de Reiner Freese)

Auch über viele Performance-Künstler kann man beim Budenbummel staunen: Toni Ortiz, der große Würfel mit Bildern bemalt und zusammenpuzzelt (16. - 23.12.), die Österreicherin Irina Titowa, die diesmal nicht mit Sand, sondern mit Taschenlampen malt (24. - 26.11.), oder den Niederländer Roger Kappers, der "Glazendraaier" bringt sein "Wunderinstrument" mit (30.11. - 4.12.): 52 auf ein Fahrrad montierte Cognac-, Wein- und Biergläser. Ein Trinkspiel auch für Anti-Alkoholiker.

Konzerte im Hexenkessel

Tollwood-Winterfestival: Klassiker des Ska: Die Münchner Band Bluekilla gibt es seit 1985.

Klassiker des Ska: Die Münchner Band Bluekilla gibt es seit 1985.

(Foto: Bluekilla)

Man hat das Gefühl, Tollwood gibt es schon immer. 1988 startete das Festival im Olympiapark, seit 1991 gibt es auch ein Winter-Festival. Bluekilla sind noch älter: 1985 gründete sich die Münchner Ska-Formation, und gut gelaunt bläst sie noch immer zur Tanz-Party. Am 30. November spielen die neun Herren im Anzug im Hexenkessel. Für das urgemütliche Feier-Zelt hat Niko Strnad ein Programm mit 67 Konzerten an 30 Tagen bei freiem Eintritt zusammengestellt. Darunter sind viele Klassiker, von Marc Dorendorfs Blues-Rock-Trio (5.12.), über die beNuts (auch Ska, 6.12.) und Otto Göttlers Diatoniks (wilde Landler, 9.12.) bis zu Dr. Wills Wizzards (Voodoo-Blues, 20.12.) und Ecco DiLorenzos Soul-Quintett (19.12.). Gute Laune kommt auch bei Austro-Pop mit Austria Ei (26.11.) oder dem Austria-Project (7.12.) auf oder beim Frauenrock-Abend mit The Kikis und Aerochicks (12.12.), für den guten Zweck spielt derweil Paul Daily mit seiner Irish-Folk-Band zusammen mit Bürgermeister Dieter Reiter (14.12.) - auch fast schon ein Klassiker.

Markt der Ideen

Tollwood-Winterfestival: Schmuck aus altem Besteck - auch das findet man auf dem "Markt der Ideen".

Schmuck aus altem Besteck - auch das findet man auf dem "Markt der Ideen".

(Foto: Tollwood)

Geschenkideen findet man zuhauf auf dem Tollwood, manchmal fehlt es vielleicht eher am Einfall, wem man nur all die Perlsacktiere, Schraubenmännchen und Fahrradschlauch-Handtaschen schenken soll. An 180 Ständen im großen Bazar-Zelt, unter den Pagoden und auf den Freiluftflächen jedenfalls warten allerhand Tand und Kunsthandwerk, "weitestgehend fair gehandelt". Neu dabei sind vier Spanier und Deutsche mit dem Stand "Verkorkst", die Stehlampen, WC-Rollen-Spender, Saunakübel und Skulpturen aus Korkrinde anbieten.

Tollwood-Winterfestival: Leuchten-Unikate mit Naturrinde gibt es beim Stand "Verkorkst".

Leuchten-Unikate mit Naturrinde gibt es beim Stand "Verkorkst".

(Foto: Tollwood)

Und erstmals ist der Werkstattladen Gabelschmuck dabei, der altes Geschirr oder abgeliebten Schmuck (kann man auch vorbeibringen) in Anhänger, Armreife, Ringe, Wandhakenskulpturen und mehr verwandelt. Dass jedes Jahr neue Ideen dazukommen, dafür sorgt Tollwood mit mietfreien Ständen für Nachwuchskunsthandwerker.

Markt der Ideen, 24. Nov., bis 23. Dez., Mo. - Fr. ab 14 Uhr, Sa. & So. ab 11 Uhr, So & Mo. bis 22.30 Uhr, Di. - Sa. bis 23.30 Uhr

Silvester

Tollwood-Winterfestival: Volles Rohr bei der Tollwood-Silvesterparty: die Express Brass Band.

Volles Rohr bei der Tollwood-Silvesterparty: die Express Brass Band.

(Foto: Wolfgang Ramadan)

Auch wenn heuer nicht - wie vom Stadtrat gewünscht - Rammstein die Theresienwiese zuballern, wird es hier an Silvester nicht allzu beschaulich zugehen: Tollwood lädt im Grand-Chapiteau zur beschwingten Gala mit dem Variete "La Galerie" und Fünf-Gang-Menü von Holger Stromberg. Und in den Zelten gibt es nach zwei Jahren Corona-Pause endlich wieder große Sause mit Django 3000, der Express Brass Band und Jamaram & Jahcoustix als Hauptattraktionen. Um Mitternacht tanzen alle draußen Walzer.

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