Kurzkritik:Im Brennpunkt

Die Geigerin Tianwa Yang begeistert mit Bach und Ysaÿe.

Von Harald Eggebrecht, Herrenchiemsee

Konzentration und Spannung in Geist und Körper, das verlangt jede Hochleistung ob in der Zirkusmanege, in der Sportarena oder, jawohl, auf dem Konzertpodium oder auf der Opern-, Ballett- oder Theaterbühne. Das Körperliche jeder musikalischen Darbietung spielt eine ungeheure Rolle, auch wenn manche lieber über Tiefsinn, Ernst und Vergeistigung sprechen, wenn großartige Musikaufführungen zur Debatte stehen.

Wer an diesem kühlen Augustnachmittag im Barocksaal des Chorherrenstifts von Herrenchiemsee Tianwa Yang, eine der weltbesten Geigerinnen, erleben konnte, der weiß nun, wie fantastisch es klingt, wenn Tianwa Yang alle physischen Kräfte extrem wie in einem Brennpunkt versammeln kann, um Johann Sebastian Bachs E-Dur- und h-Moll-Partiten in geradezu kristalliner Klarheit darzustellen. Alle Doppelgriffe und Akkorde erschienen so blank geputzt und scharf konturiert, als wolle sie sie durchleuchten, alle melodischen Linien lebten bis in die kleinsten Notenwerte von der alle bannenden Wachsamkeit der Künstlerin. Bachs sechs Solosonaten und -partiten, von Yehudi Menuhin das "Alte Testament" der Violinliteratur genannt, aufzuführen, hat immer etwas Gladiatorenhaftes an sich, weil es keine gnädigen Schatten zum Verstecken gibt. Tianwa Yang stellte sich der hell leuchtenden E-Dur Partita mit einer Atemenergie und tonlichen Leidenschaft, dass die stilisierten Tänze in ihren Gesten blendend blitzten.

Die h-Moll-Partita, deren vier akkordische Sätze je mit einem figurativen Double kombiniert werden, modellierte sie in den vier Gegensatzpaaren bis an die Grenze der Akkordfülle und trieb die atemversetzende Geschwindigkeit der raschen Sätze ins Äußerste. Deutlicher und virtuoser kann man das nicht spielen. Das gilt auch für Eugène Ysaÿes Solosonaten 2 und 3: Markant in den Kontrasten, präzise abgesetzt in den Klangfarben und in allen violinistischen Belangen niederschmetternd brillant. Zu Recht Begeisterung für die Künstlerin, eine Virtuosa assoluta.

© SZ/pop
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